Die grossen Hotelkongresse im deutschsprachigen Raum stehen an einem relevanten Punkt. Noch nie waren die Veranstaltungen professioneller, grösser und wirtschaftlich bedeutender. Gleichzeitig wächst aber auch die Kritik innerhalb der Branche. Denn immer häufiger verschwimmen die Grenzen zwischen unabhängiger Diskussion, Sponsoreninteressen und kommerzieller Selbstdarstellung. Ein Kommentar von Hans R. Amrein zur Zukunft der Hospitality-Kongresse in der DACH-Region.
Natürlich brauchen Kongresse Partner und Geldgeber. Ohne Sponsoren wären viele Veranstaltungen in ihrer heutigen Dimension kaum finanzierbar. Doch wenn IT-Unternehmen, Beratungsfirmen, Finanzierer oder Ausrüster nicht nur Aussteller sind, sondern gleichzeitig die Bühnen dominieren und die Diskussionen prägen, entsteht zwangsläufig ein Glaubwürdigkeitsproblem. Kongresse dürfen nicht zu verlängerten Verkaufsflächen der Zulieferindustrie werden. Sie brauchen wieder mehr Distanz, mehr kritische Perspektiven und vor allem eine klarere Trennung zwischen kommerziellem Messebereich und unabhängigen Inhalten.

Die gefährliche Nähe zwischen Bühne und Sponsoring
Die Entwicklung ist seit Jahren sichtbar. Die grossen Kongresse der Hospitality-Branche haben sich zunehmend zu hybriden Formaten entwickelt – irgendwo zwischen Fachkongress, Netzwerkplattform, Business-Expo und Markenfestival. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die Branche lebt von Innovationen, von Technologie, von neuen Produkten und Dienstleistungen. Es ist legitim, wenn Unternehmen ihre Lösungen präsentieren wollen. Problematisch wird es jedoch dort, wo die Grenzen zwischen neutralem Inhalt und kommerzieller Interessenvertretung verschwimmen.
Immer häufiger sitzen Vertreter von Technologieanbietern, Beratungsunternehmen, Zahlungsdienstleistern oder Ausrüstern auf Panels und diskutieren über die Zukunft der Branche. Formal geschieht dies unter dem Label «Expertentalk» oder «Best Practice». Faktisch handelt es sich aber oft um indirekte Markenpositionierung.
Natürlich verfügen viele dieser Unternehmen über Fachwissen. Doch wer ein Produkt verkauft, argumentiert nie völlig neutral. Ein IT-Anbieter wird Digitalisierung anders interpretieren als ein unabhängiger Wissenschaftler oder ein Hotelier ohne wirtschaftliche Eigeninteressen. Genau deshalb braucht es eine klarere Trennung der Rollen.
Kongresse benötigen zwei klar voneinander abgegrenzte Welten: auf der einen Seite den kommerziellen Bereich mit Ausstellung, Networking und Sponsoring – auf der anderen Seite unabhängige Panels, Debatten und Referate, moderiert von kritischen Journalisten, Forschern oder neutralen Branchenexperten. Denn nur dann entsteht echte Glaubwürdigkeit.

Warum unabhängige Diskussionen wichtiger werden
Die Hotellerie befindet sich mitten in einem historischen Transformationsprozess. Künstliche Intelligenz, neue Arbeitsmodelle, geopolitische Krisen, Nachhaltigkeitsanforderungen, steigende Betriebskosten und verändertes Reiseverhalten verändern die Branche fundamental. Gerade deshalb braucht die Hospitality unabhängige Debattenräume. Nicht jede Diskussion darf automatisch in eine Verkaufspräsentation münden. Die Branche benötigt Plattformen, auf denen auch unbequeme Fragen gestellt werden können.
Wie abhängig ist die Hotellerie von globalen Plattformen? Welche Risiken entstehen durch datengetriebene Monopolstrukturen? Wie verändert künstliche Intelligenz den Arbeitsmarkt? Welche Rolle spielen Investoren im internationalen Hotelmarkt? Welche geopolitischen Entwicklungen beeinflussen künftig den Tourismus?
Viele dieser Themen werden auf DACH-Kongressen zwar angeschnitten, aber selten wirklich vertieft. Stattdessen dominieren oft operative Praxisformate und sponsorengeprägte Lösungsansätze. Dadurch verlieren die Veranstaltungen teilweise jene analytische Tiefe, die eine Branche in Zeiten fundamentaler Veränderungen eigentlich dringend bräuchte.
Ein guter Kongress darf nicht nur bestätigen, was die Branche ohnehin hören möchte. Er muss auch irritieren, hinterfragen und kontroverse Perspektiven zulassen.

Hotellerie ist eine Exportindustrie. Warum fehlt oft der internationale Blick?
Besonders deutlich zeigt sich die inhaltliche Begrenzung vieler Kongresse beim Thema Internationalität. Gerade die Schweizer Hotellerie lebt massiv vom Auslandmarkt. Rund die Hälfte der Nachfrage stammt aus internationalen Märkten. Der ehemalige Präsident von HotellerieSuisse, Guglielmo L. Brentel, formulierte es einst treffend: «Hotellerie ist eine standortgebundene Exportindustrie.» Diese Aussage beschreibt den Kern des Problems.
Wer in einer Exportindustrie tätig ist, kann nicht ausschliesslich national denken. Internationale Entwicklungen bestimmen die Realität der Hotels – von Wechselkursen über geopolitische Spannungen bis hin zu globalen Reisetrends und neuen asiatischen oder amerikanischen Gästeströmen.
Trotzdem bleiben die drei DACH-Hotelkongresse erstaunlich lokal geprägt. Es wird über nationale Arbeitsmarktfragen, lokale Regulierungen, Mindestlöhne oder regionale Herausforderungen diskutiert – wichtige Themen zweifellos. Doch der grosse internationale Blick fehlt häufig.

Gerade in der Schweiz wäre mehr globale Perspektive zwingend notwendig. Internationale Hotel-CEOs, globale Investoren, Tourismusstrategen, Airline-Manager oder internationale Marktforscher müssten viel stärker eingebunden werden. Die Branche braucht mehr Diskussionen über weltweite Tourismusströme, globale Hospitality-Trends und internationale Wettbewerbsdynamiken. Denn die Realität der Hotellerie endet nicht an Landesgrenzen.

FAZIT: Mehr journalistische Distanz wäre ein Gewinn
Alles in allem: Die Veranstalter der grossen Hotelkongresse stehen vor einem schwierigen Spagat. Sie benötigen Sponsoren, um hochwertige Events finanzieren zu können. Gleichzeitig dürfen sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren.
Genau deshalb braucht es künftig mutigere kuratorische Entscheidungen. Panels sollten stärker nach Kompetenz und Unabhängigkeit besetzt werden – nicht primär nach Sponsoringvolumen. Journalistische Moderation müsste kritischer und analytischer werden. Und nicht jede Diskussion sollte automatisch von Unternehmen dominiert werden, die gleichzeitig kommerzielle Interessen verfolgen.

Interessant ist dabei der Vergleich mit internationalen Veranstaltungen wie dem IHIF in Berlin. Auch dort spielen Sponsoren eine grosse Rolle. Gleichzeitig gelingt es dem IHIF deutlich besser, globale Entscheider, Investoren und unabhängige Strategen auf die Bühne zu bringen. Die DACH-Kongresse könnten davon lernen. Sie müssten internationaler, analytischer und inhaltlich mutiger werden. Weniger Verkaufslogik, mehr Debatte. Weniger Produktpräsentation, mehr Perspektive.
Nochmals: Die Hotelkongresse in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfüllen wichtige Funktionen. Sie vernetzen die Branche, schaffen Sichtbarkeit und bündeln zentrale Zukunftsthemen. Doch je professioneller und kommerzieller diese Veranstaltungen werden, desto wichtiger wird die Frage nach ihrer Glaubwürdigkeit.
Die Lösung liegt nicht darin, Sponsoren auszugrenzen. Ohne Partnerunternehmen wären moderne Kongresse kaum finanzierbar. Entscheidend ist vielmehr die klare Trennung zwischen Messegeschäft und unabhängigen Inhalten.
Die Hospitality-Branche braucht Plattformen, auf denen offen, kritisch und international diskutiert wird – auch über unbequeme Themen. Gerade eine exportorientierte Branche wie die Hotellerie kann es sich nicht leisten, in nationalen Perspektiven stehenzubleiben.
Wer über die Zukunft des Tourismus spricht, muss zwangsläufig global denken. Und wer glaubwürdige Kongresse organisieren will, muss den Mut haben, kommerzielle Interessen und unabhängige Debatten klarer voneinander zu trennen.
Hans R. Amrein
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