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Kommentar von Hans r. Amrein

Wo sind sie, die Schweizer Hotelpioniere mit internationaler Ausstrahlung?

Am 8./9. April findet im Europapark Rust der Deutsche Hotelkongress 2024 statt. Organisiert wird der Kongress vom Fachverlag der ahgz, der führenden Plattform für Hospitality und Tourismus in Deutschland. Hotel Inside ist seit diesem Jahr Medienpartner des Kongresses. Deshalb wird es in Rust erstmals ein «Schweizer Gipfeltreffen» geben – eine Podiumsdiskussion mit Schweizer Hotelexpertinnen und Hoteliers. Auf dem Podium sitzen und diskutieren: Martin von Moos, der neue Präsident von HotellerieSuisse, Julia Geffers, CEO der Swiss Quality Hotels, Beat Kuhn, Chef der SV Hotels, und Hans R. Amrein, Publizist, Dozent und Gesellschafter von Hotel Inside.

Ich wurde in den letzten Tagen oft gefragt: Um was geht es bei diesem «Schweizer Gipfeltreffen» in Deutschland? Natürlich ist es im Vorfeld des Events kaum möglich, die Themen festzulegen, denn es handelt sich um eine offene Diskussion, wo jeder Teilnehmende sagen kann, was er sagen will… Und trotzdem steht das Motto der Diskussion bereits jetzt fest: Wo steht der Schweizer Hotelmarkt Anfang 2024? Und worin unterscheidet sich das Schweizer Gastgewerbe vom deutschen Hotellerie- und Gastronomie-Business?

Ich will der Debatte in Rust keineswegs vorgreifen, doch die erste Frage betreffend CH-Hotelmarkt ist spannend. Schweizer Hotelexponenten und Touristiker sollten sich die Frage immer wieder stellen: Wo stehen wir? Was sind die grossen Herausforderungen?

Stichwort Herausforderungen: Die meisten Hoteliers oder Hotelexpertinnen würden spontan sagen: Fachkräftemangel, Digitalisierung, Nachhaltigkeit (Umwelt), neue Arbeitswelten, verstärkte Individualisierung, neues Gästeverhalten, hohe Lohn-, Waren- und Energiekosten, mangelndes Tourismusbewusstsein in der Bevölkerung oder der Einzug der künstlichen Intelligenz (KI) sind die ganz grossen Herausforderungen.

Ja, das sind in der Tat die grossen Herausforderungen, denen sich die Branche zwingend annehmen muss. Aber damit haben auch die Deutschen, die Franzosen oder die Schweden zu kämpfen…

Die erste Frage scheint mir im Rahmen der Schweiz-Debatte am Deutschen Hotelkongress mehr Diskussionspotenzial zu haben: Wo steht der Schweizer Hotelmarkt Anfang 2024? Und worin unterscheidet sich die eidgenössische Hotellerie vom preussischen oder bayerischen Gastgewerbe?

Kurzfassung: Der Schweizer Hotellerie geht es grundsätzlich nicht nur gut, sondern hervorragend. 2023 war ein weiteres Rekordjahr (nach 2019 und 2022). Motto: Volle Betten, hohe Zimmerraten. Die Hotels profitierten vom weltweiten Reiseboom, von neuen asiatischen Märkten (u.a. Südkorea) und von der Tatsache, dass ältere und wohlhabende Amerikaner nicht nur Paris oder Rom besuchten, sondern auch Grindelwald oder Zürich. Und Deutschland? Kein Vergleich: Das deutsche Gastgewerbe kämpft nach wie vor mit den Auswirkungen der Pandemie, hinzu kommen Faktoren wie Rezession, Inflation oder die instabile politische Lage, verursacht durch die Ampel-Regierung in Berlin. Ja, und natürlich die Mehrwertsteuer. Der neue Mehrwertsteuersatz fürs Gastgewerbe ließ sich – trotz starker Opposition der Wirte, Verbände und Hoteliers – nicht verhindern und gilt ab dem 1. Januar 2024. Damit ist die deutsche Politik zur Normalität zurückgekehrt: Die Mehrwertsteuer für Speisen in der Gastronomie lag schon früher bei 19 Prozent. Im Zuge der Corona-Pandemie wurde der Steuersatz aber vorübergehend auf 7 Prozent gesenkt, um die Gastronomen zu entlasten.

In weiten Teilen Deutschlands spielt die so genannte Ketten- oder Markenhotellerie (Accor, Marriott, Hilton, Intercontinental & Co.) eine dominante Rolle. Städte wie München, Berlin, Hamburg oder Frankfurt werden von Markt-Playern wie Marriott, Accor oder Hilton nahezu beherrscht, hinzu kommen mehrere deutsche Ketten. Kleine und mittlere, privat geführte Hotels in deutschen Städten haben einen schweren Stand. Es kam in den letzten Jahren (nicht nur wegen Corona) zu zahlreichen Schließungen oder Umnutzungen.

Und wie ist das in der Schweiz? Klar, Ketten wie Accor oder Marriott sind auch in Zürich oder Genf auf dem Vormarsch, aber damit hat es sich. Die internationale Markenhotellerie hat (noch) wenig Interesse an Standorten wie Aarau, Thun oder Bellinzona. Eine Ausnahme ist Davos, wo sich Marken wie Hilton und Intercontinental angesiedelt haben. Grund: das Weltwirtschaftsforum (WEF), das soeben zu Ende ging. Noch ist die globale Kettenhotellerie in der Schweiz nicht stark verbreitet (Ausnahmen: Zürich und Genf). Doch das wird sich schon bald ändern, denn Marriott, Hilton, Hyatt & Co. haben jetzt auch die Schweizer Berggebiete im Visier, denn da schlummert Wachstum…

Und wo steht die Schweiz, wenn es um neuartige und innovative Hotelkonzepte geht, die auch im Ausland Expansionspotenzial haben? Da fällt die Antwort eher negativ aus. Kein einziges Schweizer Hotelkonzept hat es in den letzten 50 Jahren geschafft, auch im Ausland Fuß zu fassen. Die große Ausnahme: Stay KooooK von der SV Group, ein neuartiges, innovatives und stark digitalisiertes Hospitality-Konzept, das jetzt auch in Deutschland uns später in Österreich und anderen Ländern umgesetzt wird. SV Hotel-Chef Beat Kuhn und seinem Team ist hier ein echter Coup gelungen. Kein Wunder, wurde das Konzept mehrfach mit Awards ausgezeichnet – nicht nur in der Schweiz.

Und wie innovativ ist die deutsche Hotellerie? Kurzantwort: vorbildlich! Echte und höchst erfolgreiche Hotel-Innovationen wie Motel One, 25hours Hotels oder Ruby Hotels stammen aus Deutschland. Das sind Geschäftsmodelle, die weltweit Erfolg haben. Beispiel Motel One. Was der ehemalige Accor-Hotelmanager Dieter Müller vor 23 Jahren lanciert hat, ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. 92 Budget-Lifestyle-Hotels mit 25 800 Zimmern in 13 Ländern und rund 640 Mio. Euro Jahresumsatz – phänomenal! Bis in zwei oder drei Jahren will Müller mit seinem Lebenswerk an die Börse. Insider schätzen den Wert der Motel One Group auf 4,5 bis 5 Milliarden Euro.

Dieter Müller ist ein Hotelpionier. Aber auch 25hours-Mitgründer Christoph Hoffmann oder Michael Struck (Gründer Ruby Hotels) sind neuzeitliche Hotelpioniere, die es mit ihren innovativen und kreativen Hotelkonzepten aufs internationale Hospitality-Parkett geschafft haben.

Natürlich gibt es auch in Zermatt, Zürich oder im Engadin kreative Hoteliers, die ihre Häuser hervorragend positioniert und zum Erfolg geführt haben. Doch das sind Einzelfälle. Und vor allem: Innovation und Kreativität beschränken sich in solchen Fällen auf ein einzelnes Haus – oder eine kleine Gruppe. Das Expansionspotenzial solcher Konzeptebeschränkt sich auf eine Stadt oder Region. Darin liegt der große Unterschied zu Stay KooooK, Motel One oder 25hours.

Ich frage mich: Wo sind sie denn, die Schweizer Hotelpioniere der Neuzeit, die auf dem internationalen Hospitality-Markt eine gewisse oder gar zentrale Rolle spielen, so wie damals Cäsar Ritz (1850 bis 1918), der Luxushotels in Paris, London, Paris oder Rom eröffnete und führte? Noch heute spricht man vom „König der Hoteliers“. Noch heute spielt seine Servicephilosophie eine tragende Rolle im Gastgewerbe. Oder Johannes Badrutt in St. Moritz, der mit seinen Hotelinnovationen im Kulm-Hotel eine europaweite Ausstrahlung erreichte. Oder Alexander Seiler in Zermatt, der ab Mitte des 19. Jahrhunderts halb England nach Zermatt lockte.

Ami Chessex (1840 bis 1917) oder Charles Albert Bähler aus Thun (1868 bis 1937) waren Botschafter der Schweizer Hotellerie im Ausland. Bähler führte u.a. Hotels in Ägypten (Shepheard’s Kairo) und Israel (King David, Jerusalem). Oder die Hoteliers-Familien Gredig, Bürgi, Cattani, Bucher, Durrer, Bon oder Pfyffer – sie waren echte Pioniere und repräsentierten die Schweizer Hotellerie nicht nur in ihrer Heimat, sondern in aller Welt.

Hinzu kommt, dass die älteste Hotelfachschule der Welt in der Schweiz gegründet wurde, nämlich in Lausanne. 1883 öffnete die Ecole hôtelière de Lausanne (EHL) ihre Türen und lockte sofort Studierende aus aller Welt an. Noch heute ist die EHL die führende Hotelfachschule der Welt. Hinzu kommen renommierte Schulen wie die SHL in Luzern und einige Privatschulen.

Mit anderen Worten: Die Schweiz hat eine einzigartige Hotelgeschichte. Die Eidgenossen setzten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Maßstäbe, wenn es um Hotellerie und Gastgewerbe ging. Und zwar weltweit!

Und heute? Setzt die aktuelle Schweizer Hotellerie Maßstäbe? Wo sind sie, die Hotelpioniere der Neuzeit mit internationaler Ausstrahlung? Die kreativen, innovativen Köpfe der Schweizer Hospitality-Branche, die man auch in Berlin, Paris oder London wahrnimmt?

Die Antwort überlasse ich Ihnen.

Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter

Bildlegende Hauptfoto: Hotelpioniere Cäsar Ritz (links) und Dieter Müller (Gründer Motel One).

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