Die Zahlen sind eindeutig – und sie sind politisch. Die USA verzeichneten zuletzt einen Rückgang der internationalen Ankünfte um sechs Prozent, zu Jahresbeginn 2026 nochmals ein Minus von 4,8 Prozent. Rund 11 Millionen internationale Gäste fehlen. Das bedeutet Milliardenverluste für Hotels, Airlines, Detailhandel und Freizeitindustrie. Wer glaubt, Tourismus sei eine Nebensache, verkennt seine volkswirtschaftliche Hebelwirkung. Und wer meint, eine Politik der Abschottung bleibe ohne ökonomische Folgen, ignoriert die Realität globaler Mobilität.
Verunsicherung statt Vorfreude
Viele Europäer – darunter zahlreiche Schweizer und Deutsche – überlegen es sich derzeit zweimal, ob sie in die USA reisen sollen. Restriktive Einreiseverfahren, zusätzliche Visa-Hürden, verschärfte Kontrollen elektronischer Geräte sowie eine zunehmend konfrontative politische Rhetorik haben das Bild der USA als offenes Reiseland spürbar verändert. Tourismus lebt von Emotionen: Vertrauen, Offenheit, Vorfreude. Doch genau diese Faktoren werden durch ein hartes Grenzregime systematisch untergraben.
Die Marktreaktionen sind messbar. Kanadische Besucherzahlen lagen zuletzt 28 Prozent unter Vorjahr – ein dramatischer Einbruch für Destinationen wie Florida oder Arizona, die stark vom Wintergeschäft leben. Auch aus Deutschland und Frankreich zeigen Sommerbuchungen zweistellige Rückgänge. Selbst traditionell stabile Märkte wie das Vereinigte Königreich reagieren sensibel. Das sind keine zufälligen Schwankungen, sondern klare Signale eines Vertrauensverlusts.
America First – Tourism Last
Die protektionistische Handelspolitik, neue Zölle und die rhetorische Dauerbeschwörung von «America First» mögen innenpolitisch mobilisieren, sie wirken international jedoch abschreckend. Tourismus ist kein Nischenmarkt, sondern ein zentraler Wirtschaftsfaktor mit Milliardenumsätzen und hunderttausenden Arbeitsplätzen. Internationale Gäste geben pro Aufenthalt deutlich mehr aus als Inlandsreisende – insbesondere in Metropolen wie New York, Miami oder Los Angeles. Wenn diese zahlungskräftige Klientel ausbleibt, trifft es urbane Zentren und den Hospitality-Sektor besonders hart.
Ironischerweise stammt der politische Kurs aus einem Umfeld, das die Hotelbranche aus eigener unternehmerischer Erfahrung kennen müsste. Doch statt auf Offenheit setzt der «weisse Mann» in Washington auf Abschottung. Wer Grenzen symbolisch hochzieht, darf sich nicht wundern, wenn Gäste fernbleiben. Ein Präsident (und Inhaber von Hotels), der selbst vom globalen Reiseverkehr profitierte, sollte wissen, dass internationale Mobilität kein Risiko, sondern eine wirtschaftliche Chance ist.
Europa und die Schweiz profitieren – vorläufig
Paradox, aber ökonomisch nachvollziehbar: Während die USA Marktanteile verlieren, profitieren Europa, die DACH-Region und insbesondere die Schweiz. Die Schweiz verzeichnete zuletzt rund 3,5 Millionen Logiernächte aus dem US-Markt – Rang zwei unter den Auslandsmärkten. Mit durchschnittlichen Tagesausgaben von rund 280 Franken pro Gast handelt es sich um ein Premiumsegment. Gleichzeitig verzichten viele Europäer bewusst auf eine USA-Reise und bleiben auf dem eigenen Kontinent.
Diese Umverteilung touristischer Nachfrage ist jedoch weniger Ausdruck europäischer Überlegenheit als Folge geopolitischer Verschiebungen. Wenn Reisende sich politisch unerwünscht fühlen oder die Einreise als bürokratisch und unangenehm wahrnehmen, weichen sie aus. Der globale Tourismusmarkt ist hochgradig substituierbar. Image und Vertrauen entscheiden – nicht allein Preis oder Attraktionen.
Ein strategisches Eigentor
Tourismus ist mehr als Konsum. Er ist Soft Power, Imagefaktor und wirtschaftliche Vernetzung zugleich. Wer internationale Gäste verunsichert, beschädigt langfristig die Attraktivität des eigenen Landes. «America First» kann kurzfristig innenpolitischen Applaus erzeugen – doch ökonomisch hinterlässt diese Politik Spuren. Die aktuellen Marktdaten legen nahe, dass die USA nicht nur Besucher verlieren, sondern auch Vertrauen und internationale Sympathie.
Der grösste Schaden entsteht nicht über Nacht, sondern schleichend. Destinationen, Airlines und Investoren reagieren auf Trends. Wenn sich das Bild der USA als schwieriges, politisch aufgeladenes Reiseziel verfestigt, kann daraus ein struktureller Wettbewerbsnachteil entstehen. Protektionismus mag politische Schlagzeilen dominieren – im globalen Tourismusmarkt jedoch zählt Offenheit. Und Offenheit ist kein ideologisches Statement, sondern ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor.
Der Tourismus ist ein Spiegel des Images eines Landes. Wer Vertrauen verspielt, verliert Gäste. Und wer Gäste verliert, verliert weit mehr als Hotelübernachtungen – er verliert Soft Power, wirtschaftliche Dynamik und strategischen Einfluss. Die Frage ist nicht, ob diese Politik Folgen hat. Die Zahlen zeigen, dass sie sie bereits hat.
Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter