Es fühlt sich an wie ein historischer Moment: Europa sortiert seinen Reisekalender neu. Was seit Jahrzehnten als Naturgesetz galt – der Sommer gehört dem Süden – bricht leise, aber unumkehrbar auseinander. Ich sehe es auf meinen eigenen Reisen, höre es in Gesprächen mit Hoteliers und Tourismusexperten, und die Daten bestätigen es: Der Sommer ist vielerorts keine Erholungszeit mehr, sondern eine Belastungsprobe.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Temperaturen über 40 Grad sind in vielen Regionen Südeuropas keine Ausnahme mehr. Reiseanbieter melden zweistellige Buchungszuwächse für September und Oktober. Städte wie Florenz, Athen oder Rom verzeichnen im Oktober teilweise höhere Besucherzahlen als im September. Gleichzeitig erreichen die Hotelpreise im Oktober vielerorts Sommerniveau – ein unmissverständliches Zeichen dafür, wie stark die Nachfrage in den Herbst wandert.

Ja, der klassische Sommer im Süden bröckelt. Zu heiss, zu voll, zu unberechenbar. Waldbrände, geschlossene Sehenswürdigkeiten und überfüllte Strände sind für viele Reisende schlicht kein Argument mehr. Besonders Luxusreisende und ältere Gäste haben reagiert: Sie verschieben ihre Ferien bewusst in den Herbst. Der vielzitierte europäische «Fall Boom» ist kein Trend – er ist ein struktureller Wandel im Verhalten der Reisenden.
Parallel dazu passiert eine Entwicklung, die fast poetisch wirkt: Die Alpen erleben ihre Renaissance. Im 19. Jahrhundert, als der europäische Tourismus entstanden ist, war der Sommer die Hochsaison in den Bergen. Man reiste zur Erholung in die Höhe, suchte frische Luft, Weite und Kühle. Der Wintertourismus kam erst Jahrzehnte später. Heute, angesichts unerträglicher Hitze in den Städten, kehrt dieses Reiseverhalten zurück. Destinationen über 1000 Meter verzeichnen im Sommer zweistellige Wachstumsraten, und «Coolcations» – Ferien an kühlen Orten – gehören zu den stärksten Reisetrends. Die Berge sind wieder der logische Sehnsuchtsort des Sommers. Ich kenne Luxushotels in St. Moritz, Zermatt oder Crans Montana, die im Sommer immer mehr wohlhabende Gäste beherbergen, die bewusst auf ihre Luxusjacht im Mittelmeer verzichten – und sich in die «kühlen Berge» zurückziehen. Fazit: Die Wertschöpfung verschiebt sich langsam vom Winter in den Sommer.

Der Herbst hingegen ist zur neuen Goldzeit geworden. Nicht still, nicht günstig, nicht nebensächlich – sondern die intelligentere, angenehmere, besser temperierte Fortsetzung des Sommers. September ist der neue Juli. Oktober der neue August. Und viele Destinationen im Mittelmeerraum leben inzwischen davon, dass ihre Saison bis in den November hinein stark bleibt.
Für die Schweizer Hotellerie eine riesige Chance. Südtirol zeigt seit Jahren, wie man konsequent auf Ganzjahresbetrieb setzt. Das Tessin könnte der nächste grosse Gewinner sein: mediterranes Klima bis weit in den Herbst, starke Positionierungsmöglichkeiten, ideale Voraussetzungen für eine verlängerte Sommersaison. Und die alpinen Regionen der Schweiz sind prädestiniert dafür, den Sommer neu zu definieren – als kühle, naturnahe, klimatisch entspannte Alternative zu den überhitzten Städten und Stränden Europas.

Wir erleben gerade die Entstehung eines neuen Reisekalenders: Sommer in den Bergen und im Norden. Herbst im Süden. Winter wie gehabt auf den Pisten oder Loipen. Und ein Frühling, der zunehmend als Vor-Saison für Städtereisen gilt. Der Sommer zieht um – und mit ihm die Menschen. Und wer sich heute als Destination oder Hotel darauf einstellt, gehört morgen zu den Gewinnern eines stillen, aber historischen Wandels.
Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter