Kommentar von Hans r. Amrein

Schluss mit dem Winterschlaf. Das Tessin wacht endlich auf

Fast alle führenden Exponenten des Tessiner Tourismus sind sich einig: Der Südkanton braucht eine Neuausrichtung, weg von der kurzatmigen Sommersaison hin zur echten Ganzjahresdestination. Das Konzept Ticino365 wurde genau mit diesem Ziel vorgestellt – um dem Tessin wirtschaftliche Kontinuität, touristische Stabilität und neue Impulse zu geben. Doch ausgerechnet dort, wo der Wandel beginnen müsste, stösst er auf Widerstand: bei vielen Hoteliers und Gastronomen – vor allem in der Region Locarno-Ascona.

Aus ihren Reihen hört man immer wieder dieselben Argumente: „Das Tessin ist und bleibt eine Sommerdestination.“ Punkt. Im Herbst und Winter kämen die Gäste nicht, es lohne sich nicht, die Betriebe offen zu halten – zu teuer, zu wenig Nachfrage, zu viel Risiko. Manche verweisen gar auf frühere, gescheiterte Versuche: „Wir haben es x-mal probiert, es funktioniert nicht.“ Und so schliesst man lieber die Türen von Oktober bis Ostern, statt neue Ideen zu wagen.

Diese Haltung ist rückwärtsgewandt – und gefährlich. Wer heute noch glaubt, dass Tourismus nur von Mai bis Oktober funktioniert, hat die Zeichen der Zeit wirklich nicht erkannt. Die Gäste von morgen suchen authentische, nachhaltige Erlebnisse, Ruhe und Qualität – genau das, was das Tessin auch in der Nebensaison bieten kann. Die Stadt Lugano beweist längst, dass Ganzjahrestourismus funktioniert: kulturell, wirtschaftlich, atmosphärisch. Dort lebt das Tessin – auch im Winter.

Ganz anders das Bild im Sopraceneri, in den Regionen rund um Locarno, Ascona, Ronco oder Brissago: geschlossene Hotels, dunkle Restaurants, verlassene Uferpromenaden. „Friedhofstille“ beschreibt die Stimmung treffend. Ein paar Lichter vom Weihnachtsmarkt, eine Eisbahn auf der Piazza Grande – das war’s. Von touristischer Belebung keine Spur.

Wer ernsthaft glaubt, das Tessin könne sich auf seinem Sommerimage als „Sonnenstube der Schweiz“ ausruhen, verkennt die Realität. Die Konkurrenz (sprich Südtirol, Gardasee) schläft nicht – und sie ist längst ganzjährig wach. Der Klimawandel verschiebt die Reisezeiten, der Markt sucht flexible Destinationen, und die Touristen wollen das ganze Jahr über reisen. Wenn das Tessin diese Chance nicht nutzt, werden andere sie nutzen.

Die Botschaft ist klar: Das Tessin muss zur Ganzjahresdestination werden – nicht als Marketingfloskel, sondern als Überlebensstrategie. Nur wer das ganze Jahr offen hat, bleibt relevant. Nur wer Angebote schafft, schafft Nachfrage. Und nur wer wagt, gewinnt.

Wer also im Oktober die Türen schliesst, macht nicht einfach Ferien – er schliesst seine Zukunft gleich mit ab.

Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter

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