Der Entscheid des Nationalrats, die Verlängerung des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für die Hotellerie abzulehnen, hat in der Branche Empörung ausgelöst. HotellerieSuisse spricht von einem unverständlichen Signal und warnt vor Wettbewerbsnachteilen. Doch bei aller Bedeutung des Sondersatzes sollte die Debatte nüchtern geführt werden. Ja, die steuerliche Begünstigung ist angenehm für die Branche. Nein, ihr Wegfall wäre keine existenzielle Krise. Die Schweizer Hotellerie steht vor weit grösseren Herausforderungen als einer Anpassung der Mehrwertsteuer.

Die Reaktionen aus Teilen der Hotellerie wirken derzeit fast so, als würde der Schweizer Tourismus unmittelbar vor einem Kollaps stehen. Dabei lohnt sich ein Blick über die Landesgrenzen. In Italien, Frankreich und Österreich liegt der Mehrwertsteuersatz für die Hotellerie bei 10%.
Hotels verschwinden nicht einfach, weil sich steuerliche Rahmenbedingungen ändern. Die Nachfrage nach Ferien, Geschäftsreisen oder Wochenendtrips richtet sich nicht ausschliesslich nach einzelnen Steuerpunkten.
Die Schweiz war noch nie ein Billigland. Gäste kommen wegen der Landschaft, der Sicherheit, der Infrastruktur, der Qualität und der internationalen Reputation. Wer ein Wochenende in Zermatt, St. Moritz oder Luzern plant, entscheidet dies kaum wegen der Frage, ob die Mehrwertsteuer 3,8 oder 8,1 Prozent beträgt. Natürlich kann ein höherer Satz Druck auf Margen ausüben und kurzfristig zu einer gewissen Planungsunsicherheit führen, wie die Tourismus-Lobby betont. Aber daraus eine existenzielle Bedrohung abzuleiten, ist schlicht übertrieben.
Die echten Probleme liegen anderswo
Die strukturellen Herausforderungen der Branche sind seit Jahren bekannt: Fachkräftemangel, steigende Lohnkosten, hohe Energiepreise, Investitionsdruck und die zunehmende Digitalisierung inklusive KI. Hinzu kommt ein intensiver Wettbewerb über internationale Buchungsplattformen. Genau dort entscheidet sich langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Hotellerie – nicht primär bei der Mehrwertsteuer.
Viele Betriebe arbeiten erfolgreich, obwohl die Schweiz generell ein Hochpreisland ist. Gerade die letzten Jahre haben gezeigt, dass der Tourismus trotz Krisen robuste Zahlen schreiben kann. Die Branche verfügt über Erfahrung, Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit. Sie hat Währungsschocks, Pandemie und internationale Konkurrenz überstanden. Warum sollte sie nun ausgerechnet an einer steuerlichen Anpassung scheitern?
Politische Retourkutsche oder sachlicher Entscheid?
Interessant ist die politische Dimension des Entscheids. Hinter den Kulissen kursiert die Vermutung, Teile der SVP hätten dem Gastgewerbe einen Denkzettel verpassen wollen. Die Tourismus- und Gastrobranche hatte sich im Abstimmungskampf klar gegen die «10-Millionen-Initiative» positioniert, welche am vergangenen Wochenende deutlich abgelehnt wurde. Nun wird spekuliert, die vielen Nein-Stimmen und Enthaltungen aus der SVP-Fraktion könnten eine Retourkutsche gewesen sein.
Ob diese Interpretation zutrifft, lässt sich von aussen kaum seriös beurteilen. Fakt ist aber: Der Nationalrat hat sich deutlich gegen eine Verlängerung des Sondersatzes gestellt – obwohl dieselben politischen Kräfte der Branche zuvor noch Planungssicherheit signalisiert hatten. Das hinterlässt Fragen. Dennoch wäre es falsch, nun reflexartig ein politisches Komplott zu konstruieren.
Ist der reduzierte Satz eine indirekte Subvention?
Eine unbequeme, aber legitime Frage bleibt: Handelt es sich beim reduzierten Mehrwertsteuersatz letztlich um eine indirekte Subventionierung der Hotellerie durch die öffentliche Hand? Darüber kann und darf man diskutieren.
Der Tourismus profitiert in der Schweiz bereits von vielfältigen staatlichen Unterstützungen – sei es über Infrastruktur, Standortförderung oder Organisationen wie «Schweiz Tourismus». Befürworter argumentieren, dies sei notwendig, weil der Tourismus volkswirtschaftlich wichtig sei und internationale Konkurrenz herrsche. Kritiker wiederum stellen die Frage, weshalb ausgerechnet die Beherbergungsbranche dauerhaft steuerlich bevorzugt werden soll, während andere Branchen regulär besteuert werden.
Diese Diskussion ist weder unsolidarisch noch tourismusfeindlich. Sie gehört zu einer ehrlichen ordnungspolitischen Debatte. Genau deshalb wäre etwas mehr Gelassenheit angebracht – auf beiden Seiten.
Der Ständerat hat das letzte Wort
Noch ist ohnehin nichts definitiv entschieden. Als Nächstes wird der Ständerat die Vorlage behandeln. Dort dürften die Chancen auf eine Verlängerung des reduzierten Satzes durchaus intakt sein. Gut möglich also, dass die Hotellerie am Ende doch noch bekommt, was sie fordert.
Und falls nicht? Dann wird die Branche weiterhin Gäste empfangen, investieren, renovieren und um internationale Kundschaft kämpfen – so wie sie es seit Jahrzehnten tut. Die Hotellerie braucht jetzt keinen Alarmismus, sondern einen kühlen Kopf. Das Leben geht weiter. Auch mit 8,1 Prozent Mehrwertsteuer.
Kurz und gut: Der reduzierte Mehrwertsteuersatz ist für die Schweizer Hotellerie zweifellos ein Vorteil. Niemand bestreitet das. Doch die gegenwärtige Dramatisierung wirkt überzogen. Die Branche steht wirtschaftlich nicht vor dem Abgrund, sondern vor einer politischen Debatte über Privilegien, Wettbewerbsfähigkeit und staatliche Unterstützung. Der Nationalrat hat ein Zeichen gesetzt. Nun liegt der Ball beim Ständerat. Bis dahin wäre etwas mehr Nüchternheit vermutlich hilfreicher als Untergangsrhetorik.
Hans R. Amrein
Publizist & Chefredaktor