In kaum einer Branche ist die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit so offensichtlich wie in der Hotellerie. Viele Schweizer Hoteliers sind leidenschaftliche Gastgeber, fleissige Unternehmer und wahre Multitalente. Doch wenn es um strategische Fragen, Prozessoptimierung oder digitale Transformation geht, zeigt sich ein erstaunliches Phänomen: eine beinahe stolze Beratungsresistenz.
Hoteliers scheuen externe Beratung oft wie ein Zahnarztbesuch – man wartet, bis es weh tut. Dann ist es meist zu spät oder der Schaden grösser als nötig. Dabei hat sich das Gastgewerbe in den letzten Jahren zu einem komplexen, technologie-getriebenen Ökosystem entwickelt. Revenue-Management, KI-basierte Preisgestaltung, Social-Media-Marketing, Energieoptimierung, Employer Branding – wer hier ohne Fachwissen agiert, verliert schnell den Anschluss.
Hinzu kommt: Viele KMU-Hotels verfügen über keine aktuelle Strategie. Die letzten Konzepte stammen aus der Zeit, als man die Buchungen noch per Fax bestätigte. Was man «Positionierung» nennt, scheint in weiten Teilen der Branche ein Fremdwort zu sein. Man lebt von Stammgästen, hofft auf Laufkundschaft – und wundert sich, warum der Ertrag stagniert. Dabei wäre gerade jetzt der Moment, mutig neue Wege zu gehen.
Die Angst vor Beratern ist teilweise hausgemacht. Zu viele Agenturen haben in der Vergangenheit teure PowerPoint-Präsentationen abgeliefert, ohne die Realität im Betrieb wirklich zu kennen. Doch professionelle Beratung von erfahrenen Branchenleuten ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Es geht nicht darum, die Hoteliers zu belehren – sondern darum, ihnen Instrumente an die Hand zu geben, um in einem immer komplexeren Umfeld zu bestehen.
Liebe Hoteliers, lasst euch helfen! Holt euch Expertise von aussen, bevor der Druck von innen zu gross wird. Beratung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Weitsicht. Wer glaubt, alles selbst zu wissen, steht bald allein da – mit veralteten Strukturen, überhöhten Kosten und einer Belegschaft, die nicht versteht, wohin die Reise geht.
Die meisten Experten sind sich einig: Die Zukunft der Hotellerie ist hybrid, datengetrieben und international vernetzt. Strategiearbeit, Kostenmanagement, Prozessoptimierung und digitale Tools sind keine Feinde des guten Gastgebers, sondern seine Verbündeten. Wer Beratung als Chance versteht, gewinnt neue Perspektiven – und bleibt konkurrenzfähig. Denn eines ist sicher: Die Komplexität der Branche wird nicht kleiner. Doch wer sie versteht und professionell meistert, hat die besseren Karten im Spiel um Gäste, Talente und Zukunft.
Hotel Inside Background: Woran erkennt man einen guten Hotelberater?
Die Schweizer Hotellerie steht unter Druck. Margen schrumpfen, Kosten steigen, Fachkräfte fehlen, und der Markt wird zunehmend von digitaler Technologie, KI und globalen Plattformen dominiert. Kein Wunder also, dass Betriebe nach externer Unterstützung suchen. Doch Beratung ist nicht gleich Beratung – und nicht jeder, der PowerPoint, Excel und Fachbegriffe beherrscht, bringt einen Betrieb wirklich voran.
Was einen guten Berater ausmacht
Ein professioneller Hotellerie-Berater ist kein Theoretiker, sondern jemand, der den Betrieb aus eigener Erfahrung versteht. Er kennt die Sprache der Gastgeber, die Realität der Kostenstrukturen und die täglichen Herausforderungen des Personals. Er oder sie bringt analytisches Denken mit, gepaart mit Pragmatismus – und kann komplexe Themen verständlich machen. Ein guter Berater erkennt Potenziale und Schwachstellen, ohne den Hotelier zu belehren. Er arbeitet partnerschaftlich, stellt die richtigen Fragen und entwickelt gemeinsam mit dem Betrieb Lösungen, die realistisch, messbar und umsetzbar sind.
Transparenz ist ein zentrales Qualitätsmerkmal. Ein guter Berater legt offen, wie er arbeitet, welche Methoden er anwendet und wie sich der Erfolg messen lässt. Er verlangt faire, marktübliche Honorare – keine versteckten Zusatzkosten, keine nebulösen «Erfolgsbeteiligungen». Und er begleitet den Prozess bis zur Umsetzung. Denn Beratung ohne Implementierung ist wertlos
Woran Hoteliers einen schlechten Berater erkennen
Ein schlechter Berater erkennt man meist schon an der Verpackung. Wenn das Angebot in erster Linie Hochglanzfolien, Schlagworte und grosse Versprechen enthält, ist Vorsicht geboten. Viele dieser «Experten» kommen aus artfremden Branchen, kennen die Mechanismen der Hotellerie kaum und kopieren Standardkonzepte. Sie analysieren, aber sie führen nicht. Sie präsentieren, aber sie begleiten nicht. Ihr Fokus liegt oft auf Eigenmarketing statt auf der nachhaltigen Entwicklung des Betriebs.
Besonders gefährlich sind Berater, die mit Provisionsmodellen oder Kickbacks arbeiten – etwa durch den Verkauf von Tools, Softwarelösungen oder Lieferantenverträgen. Hier steht nicht das Wohl des Hotels, sondern das eigene Einkommen im Vordergrund. Auch auffällig: Wer sofort mit Patentlösungen auftritt, ohne sich ein genaues Bild vor Ort zu machen, hat den Betrieb nicht verstanden. Jedes Hotel ist anders – Lage, Zielgruppen, Mitarbeitende, Gästestruktur. Ein guter Berater weiss das, ein schlechter ignoriert es.
Worauf Hoteliers achten sollten
Bevor ein Hotel einen Berater engagiert, sollte klar definiert werden, was das Ziel der Zusammenarbeit ist. Geht es um Prozessoptimierung, Positionierung, Digitalisierung, Employer Branding oder eine umfassende Restrukturierung? Nur mit einem klaren Auftrag lassen sich Ergebnisse messen. Hoteliers sollten sich zudem Referenzen zeigen lassen, frühere Projekte prüfen und darauf achten, ob der Berater über Erfahrung in vergleichbaren Betrieben verfügt.
Empfehlenswert sind Fachleute mit praktischem Hintergrund – ehemalige Hoteliers, Betriebsökonomen mit Branchenfokus oder erfahrene Hospitality-Spezialisten. Wichtig ist, dass sie zuhören, individuell analysieren und nicht nur Konzepte verkaufen. Die besten Berater sind jene, die auch unangenehme Wahrheiten aussprechen – respektvoll, aber bestimmt.
Mit anderen Worten: Gute Beratung in der Hotellerie bedeutet, den Betrieb auf Augenhöhe zu begleiten, ihn kritisch, aber konstruktiv zu hinterfragen und zukunftsfähig zu machen. Schlechte Beratung hingegen produziert Papier, Folien und Frust. Der Unterschied liegt in der Haltung: Wer helfen will, muss verstehen. Und wer verstanden hat, weiss, dass Erfolg in der Hotellerie kein Zufall ist – sondern das Resultat von Kompetenz, Reflexion und professioneller Unterstützung.
Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter