Kommentar von Hans r. Amrein

Krieg im Nahen Osten: Warum einzelne «Totalausfälle» noch keine Tourismuskrise sind

Ein Online-Bericht der Verbandspublikation «Hotel Revue» zur Krise in den Golfstaaten sorgt für eine gewisse Aufmerksamkeit – vor allem wegen eines Begriffs: «Totalausfälle». Zwei kleinere Hotels in der Zentralschweiz berichten aufgrund der aktuellen Krise im Nahen Osten von massiven Buchungsrückgängen. Daraus wird in der Schlagzeile eine weitreichende Diagnose für die gesamte Schweizer Hotellerie. Genau hier beginnt das Problem.

Ja, Einzelfälle existieren. Das City Hotel Brunnen und das Seehotel Helvetia in Seewen melden tatsächlich Stornierungen, nachdem Flugrouten über den Iran gestrichen wurden und wichtige Verbindungen über den Golfraum beeinträchtigt sind. In diesen Betrieben spricht der Betreiber sogar von einem «Totalausfall», weil seine Häuser stark von bestimmten Reiseveranstaltern abhängig sind. Das ist für die betroffenen Hotels zweifellos schmerzhaft – aber es ist noch lange kein repräsentatives Bild für die Schweizer Hotellerie insgesamt.

Die Faktenlage ist derzeit dünn

Derzeit (Anfang März 2026) existieren schlicht keine belastbaren, repräsentativen Zahlen, die zeigen würden, dass die Krise im Nahen Osten bereits zu massiven Einbrüchen im Schweizer Tourismus führt. Auch Branchen-Recherchen und Einschätzungen von Schweiz Tourismus zeichnen ein differenzierteres Bild: Von flächendeckenden «Totalausfällen» kann keine Rede sein.

Ja, der internationale Flugverkehr ist gestört. Zehntausende Flüge wurden annulliert, und Reisende sitzen teilweise in Doha, Dubai oder Abu Dhabi fest. Airlines wie Swiss und Lufthansa haben vor einigen Tagen begonnen, gestrandete Passagiere mit Sonderflügen zurückzubringen. Das verursacht kurzfristige Turbulenzen – aber solche Situationen sind im globalen Luftverkehr leider kein Novum.

Ebenso wenig lässt sich derzeit bestätigen, dass asiatische Gäste massenhaft Europa meiden. Die Behauptung, chinesische oder generell asiatische Touristen würden aktuell deutlich weniger nach Europa reisen, ist bislang statistisch nicht belegt.

Der Nahe Osten bleibt ein wichtiger Markt

Natürlich ist der Markt aus den Golfstaaten für die Schweizer Hotellerie relevant. Vor allem Städte und Destinationen wie Genf, Zürich, Luzern oder Interlaken profitieren in den Sommermonaten stark von Gästen aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Katar. Sie gehören zu den ausgabefreudigsten Besuchergruppen im internationalen Tourismus.

Aber auch hier gilt: Derzeit existieren keine belastbaren Prognosen, dass im Sommer 2026 deutlich weniger Gäste aus dieser Region nach Europa reisen werden. Solche Aussagen wären zum jetzigen Zeitpunkt schlicht Spekulation.

Der Tourismus hat schon grössere Krisen überstanden

Wer die jüngere Geschichte des internationalen Tourismus betrachtet, erkennt schnell ein wiederkehrendes Muster: Krisen kommen – und sie gehen. Der Ukrainekrieg, geopolitische Spannungen, Terroranschläge oder zuletzt die Pandemie haben die Branche erschüttert. Und doch zeigt sich jedes Mal dasselbe: Reisen bleibt ein Grundbedürfnis.

Oft erholt sich der Tourismus nach Krisen sogar erstaunlich schnell. Nach der Pandemie etwa erlebten viele Destinationen eine regelrechte Nachholeffekte-Welle. Menschen wollen reisen – manchmal gerade deshalb, weil die Welt unsicher wirkt.

Medien tragen Verantwortung

Gerade deshalb sollten Medien in der aktuellen Situation besonders sorgfältig mit dramatischen Begriffen umgehen. Schlagzeilen über «Totalausfälle» in der Schweizer Hotellerie erzeugen ein Bild, das derzeit kaum durch Fakten gedeckt ist.

Natürlich muss über Risiken berichtet werden. Natürlich darf man mögliche Auswirkungen geopolitischer Krisen auf den Tourismus diskutieren. Aber zwischen Analyse und Alarmismus liegt ein entscheidender Unterschied.

Der Krieg im Nahen Osten ist eine ernste geopolitische Krise. Für den globalen Tourismus bedeutet er kurzfristige Unsicherheit – etwa durch steigende Energiepreise oder eingeschränkte Flugrouten. Doch daraus nach wenigen Tagen bereits eine umfassende Krise des europäischen Tourismus abzuleiten, ist schlicht verfrüht.

Kühlen Kopf bewahren

Die Tourismusbranche ist krisenerprobt. Sie hat gelernt, mit geopolitischen Spannungen, Wirtschaftsschocks und globalen Ereignissen umzugehen. Gerade deshalb braucht es jetzt vor allem eines: einen kühlen Kopf.

Ja, einzelne Betriebe können vorübergehend stark betroffen sein. Ja, geopolitische Konflikte beeinflussen Reiseentscheidungen. Aber aus zwei Einzelfällen bereits eine generelle Krise abzuleiten, hilft weder der Branche noch der öffentlichen Debatte.

Der Schweizer Tourismus steht auch diesmal vor einer Herausforderung – aber er steht noch lange nicht vor einem «Totalausfall».

Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter

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