Kommentar von Hans r. Amrein

Jürg Schmid und die unbequeme Wahrheit über den Bündner Tourismus

Ja, ich gebe es offen zu: Als Jürg Schmid an der Delegiertenversammlung von «HotellerieSuisse Graubünden» zu sprechen begann, hätte ich vieles erwartet – nur keinen derart klaren, nüchternen und in Teilen unbequemen Befund. Von einem Präsidenten von «Graubünden Ferien», von einem ehemaligen Direktor von «Schweiz Tourismus», erwartet man gemeinhin das grosse Bild, die positive Erzählung, den berühmten Schönwetter-Modus. Schmid hätte allen Grund gehabt, genau das zu liefern. Er tat es nicht.

Sein Referat war kein Wunschkonzert. Kein touristisches Heilewelt-Gemälde, keine Durchhalteparolen, keine Beschwörung der eigenen Stärke. Stattdessen: Analyse. Zahlen. Konsequenzen. Schmid benennt die Schwächen des Bündner Tourismus offen – und gerade deshalb glaubwürdig.

Er redet nicht klein, was stark ist. Aber er weigert sich, Probleme wegzulächeln. Die strukturell tiefe Auslastung, die zu geringen Margen, die fehlende Investitionskraft, die abnehmende Attraktivität für Investoren – all das wird nicht als Randnotiz erwähnt, sondern als Kernproblem identifiziert. Das ist bemerkenswert. Und es ist wohltuend.

Besonders wichtig ist dabei, was Schmid nicht tut. Er zeichnet kein Zerrbild des Standorts. Er verfällt weder in Alarmismus noch in Selbstzufriedenheit. Genau darin liegt die Stärke seines Auftritts. Wer Probleme benennt, ohne Panik zu verbreiten, wird ernst genommen.

Am deutlichsten wird Schmid dort, wo es wehtut: beim Sommer. Oder genauer gesagt: bei der falschen Prioritätensetzung der Vergangenheit. Jahrzehntelang wurde der Wintertourismus zum identitätsstiftenden Zentrum erhoben. Er bleibt wichtig, keine Frage. Aber Schmid sagt klar, was viele in der Branche längst wissen, aber selten so deutlich aussprechen: Die Zukunft entscheidet sich im Sommer.

Nicht aus ideologischen Gründen, nicht aus modischem Zeitgeist – sondern aus Logik. Der Klimawandel verschiebt Komfortzonen. Der Hochsommer im Süden wird zur Belastung, der kühle Alpenraum zur Alternative. Reisezeiten verändern sich, der Herbst gewinnt, der Sommer wird zur Hauptsaison. Wer diese Realität ignoriert, ignoriert den Markt.

Schmid verkauft diese Entwicklung nicht als Selbstläufer. Im Gegenteil. Sommertourismus ist kein Geschenk, sondern eine Aufgabe. Er verlangt andere Preise, andere Angebote, andere Denkweisen. Winterpreise im Sommer sind keine Provokation, sondern betriebswirtschaftliche Vernunft. Erlebnisorientierung ist keine Marketingfloskel, sondern Voraussetzung für Nachfrage.

Besonders überzeugend ist Schmids Konsequenz. Er bleibt nicht im Befund stehen. Er leitet ab. Internationalisierung ist kein Nice-to-have, sondern zwingend. Neue Märkte sind keine Gefahr, sondern Absicherung. Und vor allem: Ohne Mitarbeitende ist jede Strategie wertlos. Wer die guten Mitarbeitenden hat, hat die guten Gäste. So einfach – und so richtig!

Genau deshalb ist Schmids Referat mehr als eine Standortanalyse. Es ist ein realistischer Strategievorschlag. Einer, der Chancen aufzeigt, ohne Illusionen zu verkaufen. Einer, der fordert, ohne zu überfordern.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob dieser Weg der richtige ist. Er ist es. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Haben Branche, Destinationen und Politik den Mut, die Konsequenzen daraus zu ziehen? Der Winter bleibt wichtig. Aber entscheiden wird der Sommer.

Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter

zur Übersicht