6,2 Milliarden Franken Umsatz, steigende Logiernächte, stabile Preise: Auf den ersten Blick präsentiert sich die Schweizer Hotellerie in der Bilanz 2025 in bester Verfassung. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell, dass diese Zahlen nur einen Teil der Realität abbilden – und möglicherweise sogar in die falsche Richtung führen. Denn hinter der Fassade von Wachstum und Stabilität steckt eine Branche im tiefgreifenden Umbruch. Ich habe in den letzten Monaten mehrfach darauf hingewiesen.
Die Zahlen – und was sie verschweigen
Die offiziellen Zahlen, vor wenigen Tagen in den Medien publiziert, sind schnell erzählt: 6,2 Milliarden Franken Umsatz im Jahr 2025, ein Wachstum von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Preise pro Logiernacht stiegen hingegen nur minimal um 0,6 Prozent auf durchschnittlich 139.80 Franken. Das Wachstum ist also klar volumengetrieben.
Genau hier beginnt das Problem. Denn steigende Nachfrage bei gleichzeitig stagnierenden Preisen bedeutet vor allem eines: mehr Arbeit für gleichbleibende oder nur leicht steigende Erträge. Oder anders gesagt: Die Branche wächst – aber sie verdient nicht zwingend mehr.
Ich beobachte seit Monaten, wie diese Zahlen medial verbreitet und unkritisch interpretiert werden. Die Botschaft ist stets dieselbe: Der Schweizer Hotellerie geht es gut. Wieder ein Rekord, wieder ein Wachstum, wieder positive Signale. Doch diese Interpretation greift zu kurz – und sie ist gefährlich, weil sie strukturelle Probleme überdeckt.
Der Mythos der florierenden Branche
Ja, es gibt sie – die erfolgreichen Hotels. Häuser in Toplagen, mit klarer Positionierung, starker Marke und hoher Zahlungsbereitschaft der Gäste. In der Fünf-Sterne-Hotellerie etwa liegen die Durchschnittspreise bei rund 410 Franken pro Nacht, mit deutlichem Wachstum. Doch diese Realität gilt nur für einen Teil der Branche. Die Mehrheit der Betriebe – insbesondere im Drei-Sterne-Segment und darunter – kämpft mit ganz anderen Herausforderungen. Dort stagnieren die Preise, während die Kosten steigen. Die Margen geraten unter Druck, Investitionen werden schwieriger, und die Zukunftsperspektiven sind zunehmend unsicher.
Das eigentliche Problem ist nicht die Nachfrage. Das eigentliche Problem ist die Rentabilität.
Strukturwandel statt Erfolgsgeschichte
Was wir derzeit erleben, ist kein Boom, sondern ein Strukturwandel. Und dieser trifft vor allem die mittelständische Hotellerie – jene Betriebe, die weder über die Skalenvorteile internationaler Ketten noch über die Preissetzungsmacht der Luxussegmente verfügen.
Viele dieser Hotels haben keine klare Positionierung. Studien gehen davon aus, dass ein erheblicher Teil der Betriebe austauschbar ist – ohne klares Profil, ohne differenzierbares Angebot. In einem zunehmend kompetitiven Markt ist genau das ein existenzielles Risiko.
Gleichzeitig verschärfen sich die Rahmenbedingungen. Die Kosten steigen kontinuierlich – bei Energie, Personal, Einkauf. Gleichzeitig fehlt es an qualifizierten Mitarbeitenden, insbesondere im operativen Bereich. Der Fachkräftemangel ist längst kein temporäres Problem mehr, sondern strukturelle Realität.
Hinzu kommt die Digitalisierung – und mit ihr die nächste Herausforderung. Künstliche Intelligenz, neue Distributionsmodelle, steigende Abhängigkeit von Plattformen wie Google oder Booking.com: Wer hier nicht Schritt hält, verliert Sichtbarkeit und damit Nachfrage.
Die Realität hinter den Rankings
Was mich besonders irritiert, ist die Diskrepanz zwischen Realität und Wahrnehmung. Während viele Betriebe ums Überleben kämpfen, wird die Branche öffentlich gefeiert. Rankings wie die «101 besten Hotels» oder ähnliche Formate tragen dazu bei, ein Bild von Exzellenz und Erfolg zu zeichnen, das mit der Breite der Branche wenig zu tun hat.
Natürlich sind die gefeierten, gelobten uns prämierten Spitzenbetriebe beeindruckend. Aber sie sind nicht repräsentativ für die Gesamtbranche. Sie sind die Ausnahme – nicht die Regel.
Die Gefahr dieser Inszenierung liegt auf der Hand: Sie verzerrt die Wahrnehmung. Politik, Öffentlichkeit und teilweise auch Investoren gehen davon aus, dass es der Branche insgesamt gut geht. Die strukturellen Probleme bleiben unsichtbar – und werden entsprechend nicht adressiert.
Ein Appell zur Ehrlichkeit
Ich bin überzeugt: Die Schweizer Hotellerie braucht keine Schönfärberei, sondern Ehrlichkeit. Die Zahlen sind wichtig – aber sie müssen richtig eingeordnet werden.
Ja, die Nachfrage ist da. Ja, die Branche ist – übers ganze Land gesehen – attraktiv. Aber sie ist auch fragmentiert, unter Druck und mitten in einem tiefgreifenden Wandel.
Die entscheidende Frage lautet nicht, wie viele Logiernächte erzielt werden. Die Frage lautet: Welche Betriebe werden in Zukunft noch profitabel arbeiten können – und welche nicht?
Solange wir diese Frage nicht offen diskutieren, werden wir weiterhin Rekordzahlen feiern – und gleichzeitig zusehen, wie ein grosser Teil der Branche langsam, aber stetig an Substanz verliert.
Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter