Es gibt Branchen, die veranstalten Kongresse. Und es gibt die Hotellerie. Die veranstaltet Begegnungen. Oder zumindest versucht sie das. Am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche (3. und 4. Juni) pilgern erneut rund 1’500 Hoteliers, Gastronomen, Berater, Investoren, Lieferanten, Technologieanbieter, Verbandsvertreter, Lobbyisten, Politiker und andere bekannte Gesichter der Hospitality-Welt nach Bern zum Hospitality Summit 2026. Ein satirisch-ironisch geprägter Kommentar von Hans R. Amrein.

Früher traf man sich in Zürich-Oerlikon. In einer alten Industriehalle mit viel Rost. Jetzt zieht der Anlass in die neue Festhalle Bern um. Allein der Name verspricht Grosses. Festhalle. Da wird nicht nur diskutiert, da wird gefeiert. Oder zumindest «genetzwerkt», wie man dem heute sagt. Vielleicht sogar beides gleichzeitig.
Der Hospitality Summit ist inzwischen gut fünf Jahre alt. Im Vergleich zu Deutschland oder Österreich ist er damit noch ein Teenager. Der Deutsche Hotelkongress der ahgz existiert seit fast drei Jahrzehnten, der Kongress der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) gehört ebenfalls seit vielen Jahren zum festen Branchenkalender. Die Schweiz hat also gewissermassen Nachholbedarf aufgeholt. Und das ist grundsätzlich eine gute Nachricht.

Endlich hat auch die Schweiz ihren eigenen Hotelgipfel
Lange Zeit blickte die Schweizer Hotellerie etwas neidisch über die Grenzen. Während sich die deutschen Kollegen Jahr für Jahr beim Hotelkongress der ahgz trafen und die österreichischen Hoteliers ihre jährliche Leistungsschau veranstalteten, fehlte in der Schweiz ein vergleichbarer Anlass mit nationaler Ausstrahlung. Diese Lücke wurde geschlossen.
Der Hospitality Summit hat sich innerhalb weniger Jahre als grösster Branchentreff des Landes etabliert. Das allein verdient Anerkennung. Denn eine Branche, die ständig über Zukunft, Transformation und Innovation spricht, braucht einen Ort, an dem sie diese Themen gemeinsam und im Grossformat diskutieren kann. Gleichzeitig unterscheidet sich das Schweizer Modell deutlich vom deutschen Vorbild. Während der Deutsche Hotelkongress von einem privaten Medienunternehmen (dfv Verlagsgruppe) organisiert wird und sich am Markt behaupten muss, steht in der Schweiz der Branchenverband HotellerieSuisse hinter dem Anlass.
Das wirft zwangsläufig Fragen auf. Kann ein Verband einen solchen Anlass überhaupt neutral organisieren? Ist ein Kongress in Verbandsregie sinnvoll? Und was passiert, wenn die Rechnung einmal nicht aufgeht? Die Antwort lautet aus meiner Sicht trotzdem: Ja, ein solcher Anlass macht Sinn. Aber nur dann, wenn er nicht als exklusive Verbandsveranstaltung verstanden wird, sondern als Plattform für die gesamte Schweizer Hospitality-Branche. Genau hier scheint seit 2025 ein Umdenken stattgefunden zu haben.

Die späte Entdeckung von GastroSuisse
Wer die ersten Jahre des Hospitality Summit aufmerksam beobachtet hat, konnte sich eines gewissen Eindrucks kaum erwehren. Manchmal wirkte der Anlass wie ein Familienfest von HotellerieSuisse, zu dem andere Branchenakteure zwar willkommen waren, aber nicht unbedingt als Mitgestalter vorgesehen schienen. Etwas überspitzt formuliert lautete die unausgesprochene Botschaft damals: «Das ist unser Kongress. Die Wirte können ja ihren eigenen Event organisieren.» Ganz so deutlich wurde das natürlich nie ausgesprochen. Aber die Stimmung ging stellenweise in diese Richtung.
Umso erfreulicher ist die Entwicklung der letzten Monate. Mit GastroSuisse erhält nun auch der grösste Branchenverband der Schweiz (ca. 20 000 Mitglieder) eine sichtbare Rolle auf der Bühne. Mehr noch: GastroSuisse wird offiziell als Partner geführt. Das ist nicht nur symbolisch wichtig, sondern auch inhaltlich richtig.
Denn die Realität der Hospitality-Branche sieht längst anders aus als noch vor zwanzig Jahren. Hotel und Gastronomie wachsen immer stärker zusammen. Food & Beverage ist für viele Hotels längst zum strategischen Erfolgsfaktor geworden. Restaurants entwickeln Hospitality-Angebote. Hotels investieren in Gastronomiekonzepte. Die Grenzen verschwimmen. Wer heute von Hospitality spricht, kann die Gastronomie bzw. die Wirte nicht einfach ausklammern.Dass dies nun auch organisatorisch sichtbar wird, ist eine der erfreulichsten Entwicklungen des diesjährigen Summits.

Die Schweiz erklärt der Schweiz die Schweiz
Ein Punkt hat mich in den vergangenen Jahren allerdings regelmässig beschäftigt. Die Schweizer Hotellerie spricht gerne über Internationalität. Das ist verständlich. Kaum eine Branche lebt so stark von internationalen Gästen, globalen Trends und weltweiten Entwicklungen. Wenn man jedoch manche Kongressprogramme der Vergangenheit studierte, entstand gelegentlich ein etwas anderer Eindruck.
Man diskutierte die Schweiz.
Man analysierte die Schweiz.
Man erklärte der Schweiz die Schweiz.
Und anschliessend diskutierte man nochmals über die Schweiz.
Das ist selbstverständlich legitim. Schliesslich findet der Anlass in der Schweiz – und jetzt erst noch in der Bundesstadt – statt. Trotzdem blieb der Blick über die Landesgrenzen oft erstaunlich zurückhaltend. Dabei verändert sich die globale Hospitality-Welt derzeit schneller als jemals zuvor. Internationale Hotelketten expandieren in rasantem Tempo (auch in der Schweiz). Künstliche Intelligenz verändert Geschäftsmodelle (auch in der Schweiz). Neue F&B-Konzepte entstehen in Asien. Investoren entwickeln weltweit hybride Hospitality-Projekte.
Die spannende Frage lautet deshalb: Was können wir von anderen Märkten lernen? Das Programm 2026 macht zumindest Hoffnung, dass dieser internationale Blick künftig etwas stärker berücksichtigt wird. Einige Panels und Diskussionen deuten darauf hin, dass globale Entwicklungen vermehrt thematisiert werden.Es wäre zu wünschen. Denn manchmal lohnt sich der Blick über den Tellerrand mehr als die hundertste Diskussion über die eigene Suppenschüssel.

Innovation gesucht – Jury unter Druck
Neu gestaltet wird in diesem Jahr auch die Award Night. Aus der traditionellen Wahl des «Hoteliers des Jahres» wird ein umfassenderes Auszeichnungsformat mit mehreren Kategorien. Die Idee gefällt. Gleichzeitig stellt sich aber eine interessante Frage: Findet die Jury genügend echte Innovationen? Nicht Innovationen im Sinne eines neuen Teppichs in der Lobby. Nicht Innovationen im Sinne einer zusätzlichen Frühstücksvariante.Nicht Innovationen im Sinne einer neuen Farbe für die Lounge-Sessel. Sondern Innovationen, die tatsächlich neue Wege aufzeigen.
Wer internationale Hospitality-Märkte beobachtet, weiss: Die Messlatte liegt hoch. Neue Geschäftsmodelle entstehen. Digitale Plattformen verändern ganze Märkte. Hybride Hotelkonzepte wachsen weltweit. Künstliche Intelligenz verändert Prozesse. Neue Architektur- und Designansätze entstehen in beeindruckender Geschwindigkeit.
Die Schweiz besitzt viele hervorragende Hotels. Ob sie auch genügend Innovationen hervorbringt, die international für Aufmerksamkeit sorgen, wird spannend zu beobachten sein. Die Jury der «Swiss Hospitality Awards» steht jedenfalls vor keiner einfachen Aufgabe.
Braucht es solche Großanlässe überhaupt noch?
Eine Frage taucht regelmässig auf. Braucht es im Jahr 2026 tatsächlich noch Kongresse mit 1’500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern? Schliesslich kann man heute nahezu alles online konsumieren. Vorträge. Podcasts. Webinare. Videos. LinkedIn-Posts. KI-generierte Zusammenfassungen. Warum also nach Bern fahren? Die Antwort lautet vermutlich: Wegen der Menschen.
Es lebe das Networking!
Kaum ein Begriff wird auf Kongressen häufiger verwendet als «Networking». Die Hospitality-Branche hat daraus längst eine eigene Wissenschaft entwickelt. Man trifft Menschen. Man tauscht Visitenkarten aus. Man diskutiert über RevPAR, Fachkräftemangel, Zimmerpreise und die neuesten Hotelprojekte. Man spricht über Investoren, Betreiber und Wettbewerber. Und gelegentlich sogar über Gäste.
Doch Hand aufs Herz: Wie viele dieser Begegnungen bleiben tatsächlich nachhaltig? Die Erfahrung zeigt, dass die Zahl überschaubar bleibt. Von hundert Gesprächen sind vielleicht zehn wirklich interessant. Fünf relevant. Und zwei oder drei führen später tatsächlich zu einer Zusammenarbeit. Der Rest besteht aus Small Talk. Und das ist keineswegs negativ gemeint.
Denn keine Branche beherrscht die Kunst des gepflegten Gesprächs besser als die Hotellerie. Hoteliers lieben es, Geschichten auszutauschen, Entwicklungen zu kommentieren und gemeinsam über die kleinen und grossen Eigenheiten ihrer Branche zu philosophieren. Hospitality ist eben ein People Business. Und People Businesses leben vom Gespräch.
Die üblichen Verdächtigen
Jeder Kongress besitzt seine Stammgäste. Der Hospitality Summit bildet da keine Ausnahme. Da ist der Berater, der seit zehn Jahren erklärt, die Branche stehe vor einem historischen Wendepunkt. Manchmal hat er sogar recht. Da ist der Investor, der seit drei Jahren erzählt, er suche nach dem perfekten Hotelobjekt in Zürich oder Genf.Da ist jener Hotelier, der behauptet, eigentlich keine Zeit für Kongresse zu haben – um dann zwei Tage lang vollständig präsent zu sein, vom ersten Kaffee bis zum letzten Glas Wein.
Natürlich fehlen auch die Technologieanbieter nicht. Sie versprechen Lösungen für Probleme, von denen manche Hoteliers bis dahin gar nicht wussten, dass sie diese überhaupt haben. Und irgendwo zwischen den Messeständen findet sich immer ein Referent, der gerade erklärt, wie künstliche Intelligenz die Branche revolutionieren wird, während er gleichzeitig krampfhaft versucht, sich ins WLAN einzuloggen.
Das klingt ironisch. Ist es auch. Aber genau diese Figuren machen solche Veranstaltungen sympathisch. Sie gehören mittlerweile fast ebenso zum Inventar des Hospitality Summit wie die Namensschilder, die Roll-ups und die Kaffeemaschinen.
Die Festhalle als perfektes Symbol
Der neue Austragungsort könnte kaum besser gewählt sein. FESTHALLE BERN. Bereits der Name klingt wie ein Programm. Hier wird nicht nur diskutiert, hier wird gefeiert. Tagsüber spricht die Branche über künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit, Leadership, Talentförderung und Transformation. Abends transformiert sie sich selbst Richtung Apéro, Award Night und Networking-Dinner.
Die Bühne steht bereit. Die Awards sind poliert. Die Scheinwerfer installiert. Die Moderatoren – natürlich prominente TV-Stars und/oder Sänger – minutiös vorbereitet. Die Sponsoren präsent. Und irgendwo stellt sich vielleicht die entscheidende Frage des Abends: Gibt es eigentlich echten Champagner? Ich weiss es nicht. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Was bringt der Hospitality Summit wirklich?
Der Hospitality Summit ist wichtig. Nicht weil dort alle Antworten gefunden werden. Nicht weil jede Keynote die Welt verändert. Und auch nicht, weil jede Diskussion bahnbrechende Erkenntnisse hervorbringt.
Der Summit ist wichtig, weil das nationale Gastgewerbe einen Ort braucht, an dem es zusammenkommt. Zum Diskutieren, Netzwerken, Streiten, Lernen und Feiern. Die besten Ideen entstehen ohnehin selten auf der grossen Bühne. Häufig entstehen sie zwischen zwei Panels, beim Kaffee oder am Rand eines Apéros – dort, wo Menschen ungezwungen miteinander ins Gespräch kommen.
Die stärkere Einbindung von GastroSuisse ist ein Schritt in die richtige Richtung. Mehr Internationalität wäre wünschenswert. Die neuen Hospitality Awards versprechen Spannung. Und die Festhalle Bern liefert die passende Bühne für das vielleicht grösste Klassentreffen der Schweizer Hospitality-Familie.
In diesem Sinne: Es lebe der Hospitality Summit 2026! Wir sehen uns beim Small Talk.
Hans R. Amrein
Publizist & Chefredaktor
Hinweis: Alle Bilder zur Illustration des Kommentars wurden von KI generiert. Die Motive sind frei erfunden.
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