Kommentar von Hans r. Amrein

«Die 101 Besten der Schweiz»: Warum die Schweizer Hotellerie mehr ist als Luxus

Die Bühne ist perfekt inszeniert: das Bürgenstock Resort, hoch über dem Vierwaldstättersee, rund 300 geladene Gäste, viel Hotelprominenz und eine Branche, die sich selbst feiert. Die «101 Besten Hotels der Schweiz» liefern genau das, was moderne Hospitality-Kommunikation sucht – Glanz, Emotionen und starke Bilder. Und dennoch bleibt nach diesem Sonntagabend eine zentrale Frage: Wie relevant ist ein Ranking, das sich fast ausschliesslich auf die Luxushotellerie konzentriert – und damit einen Grossteil der Branche systematisch ausblendet?

Im Scheinwerferlicht: Ex-Kempinski-Präsident Reto Wittwer wird als «ikonischer Hotelier» (Lebenswerkpreis) geehrt.

Die Wahrheit ist: Dieses Ranking (inklusive Gala) ist beeindruckend – und gleichzeitig unvollständig. Luxus als Aushängeschild – zu Recht. Nichts dagegen, aber…

Zunächst zur positiven Seite, die man nicht kleinreden darf. Die ausgezeichneten Häuser gehören ohne Zweifel zur nationalen Spitzenklasse, einige davon spielen sogar in der internationalen Champions League. Dass das «The Dolder Grand» in Zürich oder das «Beau-Rivage Palace» in Lausanne erneut ganz oben stehen, überrascht nicht – und ist absolut verdient. Diese Hotels sind hervorragend positioniert, verfügen über starke Marken, klare strategische Ausrichtungen und liefern konstant höchste Servicequalität.

Auch andere prämierte Häuser wie The Alpina Gstaad, das Kulm Hotel St. Moritz, das Bürgenstock Resort oder das Grand Resort Bad Ragaz stehen für eine Form von Exzellenz, die weit über die Landesgrenzen hinausstrahlt. Sie sind nicht nur Hotels, sondern Markenwelten, Erlebnisräume, wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen und zugleich Botschafter der Schweiz als Premiumdestination.

Gleiches gilt für die geehrten Persönlichkeiten. Hoteliers wie Benjamin Chemoul, Chris Franzen oder «Branchenikonen» wie Ex-Kempinski-Präsident Reto Wittwer stehen für Führung, Kontinuität und internationale Strahlkraft. Sie haben Vorbildcharakter – nicht nur für die Luxushotellerie, sondern für die gesamte Branche. Kurz gesagt: Die Luxushotellerie hat allen Grund, sich zu feiern. Und sie darf das auch.

«Ikonische Luxushoteliers» auf der Bürgenstock-Bühne. Ganz rechts: Initiant Carsten K. Rath.

Der grosse blinde Fleck: Der Mittelstand verschwindet aus dem Bild

Doch genau hier beginnt die kritische Betrachtung. Denn während sich auf dem Bürgenstock die Crème de la Crème der Branche versammelt, bleibt der eigentliche Kern der Schweizer Hotellerie unsichtbar. Über 90 Prozent der Betriebe gehören nicht zum Luxussegment. Rund die Hälfte sind Drei-Sterne-Hotels, dazu kommen zahlreiche Vier-Sterne-Häuser, die weder Grandhotel noch Boutique-Luxus sind.

Diese Betriebe bilden das Rückgrat der Branche. Sie sichern Arbeitsplätze, prägen Destinationen, tragen die touristische Grundversorgung und sprechen genau jene Zielgruppen an, die den Markt tatsächlich ausmachen. Und doch spielen sie in Rankings wie den «101 Besten» kaum eine Rolle. Das ist mehr als nur eine redaktionelle Entscheidung – es ist eine strukturelle Frage. Denn es entsteht ein verzerrtes Bild der Branche, in dem Exzellenz fast ausschliesslich mit Luxus gleichgesetzt wird.

Dabei ist die Realität eine andere. Viele kleine und mittlere, oft familiengeführte Hotels leisten täglich Herausragendes – unter deutlich schwierigeren Bedingungen als ihre luxuriösen Pendants. Sie kämpfen mit steigenden Kosten, Fachkräftemangel, zunehmender Regulierung, Investitionsdruck und nicht zuletzt mit der Frage der Nachfolge. Ihre Margen sind oft minimal, ihre unternehmerischen Risiken hoch.

Und trotzdem schaffen es viele dieser Betriebe, sich klar zu positionieren, starke Gästebindung aufzubauen und qualitativ überzeugende Angebote zu liefern.

Warum also tauchen sie in solchen Rankings kaum auf?

Für wen ist dieses Ranking eigentlich gemacht? Noch grundlegender ist die Frage nach der Zielgruppe. Wer profitiert von diesen Auszeichnungen? Die internationale Luxuskundschaft? Die Branche selbst? Oder die breite Öffentlichkeit?

Für den sogenannten Normalkonsumenten haben diese Rankings nur begrenzte Relevanz. Die Mehrheit der Gäste bewegt sich im Drei- und Vier-Sterne-Segment. Sie sucht Qualität, Verlässlichkeit, Authentizität – aber zu einem Preis, der bezahlbar bleibt. Zimmerpreise von 800, 1000 oder mehr Franken pro Nacht sind für die meisten schlicht keine Option.

Hier entsteht eine klare Diskrepanz zwischen medialer Inszenierung und marktwirtschaftlicher Realität. Was sichtbar gemacht wird, ist nicht das, was die Mehrheit konsumiert. Das wirft zwangsläufig die Frage auf: Wie konsumentengerecht ist ein Ranking, das sich primär auf ein Nischensegment konzentriert, aber gleichzeitig die grosse Bevölkerungsmehrheit erreichen will?

Innovation jenseits der Paläste

Ein weiterer Aspekt wird ebenfalls kaum berücksichtigt: die Rolle der Marken- und Konzept-Hotellerie. Während klassische Grandhotels dominieren, bleiben innovative Hotelkonzepte weitgehend aussen vor. Dabei kommen viele der spannendsten Entwicklungen der letzten Jahre genau aus diesem Bereich. Marken wie 25hours, Ruby, CitizenM oder Mama Shelter haben neue Zielgruppen erschlossen, Prozesse digitalisiert, Raumkonzepte neu gedacht und die Hotellerie in Richtung Lifestyle, Flexibilität und Urbanität weiterentwickelt.

Grosse internationale Ketten wie Marriott, Accor oder Hilton prägen den Markt zunehmend – gerade in der Schweiz, wo sie im Midscale- und Upscale-Segment kontinuierlich wachsen. Sie bringen Standards, Systeme, Vertriebsstärke und Innovationskraft mit, die für die Zukunft der Branche entscheidend sind. Im aktuellen Ranking spielen sie jedoch – abgesehen von einzelnen Luxusbetrieben (z.B. Fairmont Montreux Palace) – kaum eine Rolle. Das ist erstaunlich. Denn wer die Zukunft der Hotellerie verstehen will, muss auch diese Akteure berücksichtigen.

Ein Plädoyer für mehr Differenzierung und Mut

Ich persönlich stehe «Hotel-Hitparaden» grundsätzlich kritisch gegenüber. Das «beste Hotel» gibt es nicht – weder im Luxussegment noch anderswo. Es gibt herausragende Häuser, ja. Aber sie sind nicht vergleichbar, weil sie unterschiedliche Konzepte, Zielgruppen und Geschichten haben. Genau deshalb bräuchte es ein Umdenken bei solchen Rankings. Mehr Differenzierung, mehr Vielfalt, mehr Mut zur Realität. Warum nicht «Kategorien» schaffen wie (z.B.):

– die besten Drei-Sterne-Hotels der Schweiz

– die überzeugendsten familiengeführten Betriebe

– die innovativsten Midscale-Konzepte

– die stärksten Markenhotels

– die besten urbanen Lifestyle-Hotels

Ein solches erweitertes Verständnis von Exzellenz würde nicht nur ein realistischeres Bild der Branche zeichnen, sondern auch jene sichtbar machen, die heute im Schatten stehen – obwohl sie einen wesentlichen Beitrag leisten.

Eine glänzende Gala – mit begrenztem Blickwinkel

Kurz und gut: Die «101 Besten Hotels» sind zweifellos ein starkes und erfolgreiches Format. Sie schaffen Aufmerksamkeit, liefern positive Schlagzeilen und stärken das Image der Branche. Das ist wichtig – gerade in Zeiten, in denen die Hotellerie unter Druck und vor gewaltigen Herausforderungen steht. Aber die «101 Besten» erzählen eben nur einen Teil der Geschichte.

Wenn sich die Branche wirklich als Ganzes verstehen will, dann darf sie nicht nur die ikonischen Leuchttürme feiern. Sie muss auch den breiten Mittelbau sichtbar machen – jene Betriebe, die tagtäglich mit viel Engagement, Unternehmergeist und Leidenschaft arbeiten. Denn dort entscheidet sich letztlich die Zukunft der Hotellerie. Und vielleicht auch ihre Glaubwürdigkeit.

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