Kommentar von Hans r. Amrein

Bürokratie statt Betten: Wie der Staat die Hotellerie ausbremst

Die Hotellerie in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich braucht Investitionen, Mut, Tempo und unternehmerischen Spielraum. Was sie immer häufiger bekommt, sind neue Pflichten, Nachweise, Reglemente, Bewilligungsverfahren und Kontrollen. Jede einzelne Vorschrift mag sich politisch begründen lassen. In der Summe aber entsteht ein Dickicht, das Projekte verteuert, Investoren abschreckt und Hoteliers zu Teilzeit-Verwaltungsangestellten macht. Es ist Zeit für eine Gegenbewegung: mehr Freiraum, weniger Staat – und endlich wieder das Prinzip «nur so viel Staat wie nötig», betont Hotel Inside-Publizist Hans R. Amrein.

Der Hotelier als Verwaltungs-Angestellter wider Willen

Ein Hotelier sollte sich um Gäste, Mitarbeitende, Qualität, Positionierung, Verkauf und Wertschöpfung kümmern. In der Realität verbringt er einen wachsenden Teil seiner Zeit mit Formularen, Dokumentationen, Meldungen, Kontrollen und der Interpretation neuer Vorschriften. Das ist keine Nebensache! Bürokratie ist eine verdeckte Kostenart – ja, und sie trifft eine Branche, deren Margen ohnehin unter Druck stehen.

Die Zahlen sind erschreckend: Gemäss Economiesuisse müssen Schweizer Unternehmen heute über 36’000 regulatorische Pflichten erfüllen – rund 12’000 mehr als noch vor 20 Jahren. Dazu kommen kantonale und kommunale Vorschriften, Weisungen, Meldepflichten und Vollzugsregeln. In der Hotellerie verdichtet sich das besonders drastisch: Arbeits- und Ruhezeiten, Energie- und Umweltvorgaben, Brandschutz, Hygiene, Steuern, Bau- und Raumplanung, Datenschutz, Deklarations- und Dokumentationspflichten. Vor allem kleinere, familiengeführte Hotels haben keine eigene Rechts-, Compliance- oder Verwaltungsabteilung. Dort sitzt der Unternehmer selbst am Schreibtisch – statt beim Gast.

Natürlich braucht es Regeln. Niemand fordert rechtsfreie Räume, unsichere Gebäude oder den Abbau elementarer Arbeitnehmer- und Umweltschutzstandards. Aber zwischen notwendigen Leitplanken und staatlicher Mikrobewirtschaftung liegt ein grosser Unterschied. Der Staat soll den Rahmen setzen. Er muss nicht jeden betrieblichen Handgriff mit einer Vorschrift begleiten.

Hotel Flaz: Das Recht auf Einsprache darf nicht zur Endlosschlaufe werden

Das Hotelprojekt Flaz in Pontresina ist dafür ein geradezu lehrbuchhaftes Beispiel. Über mehr als ein Jahrzehnt wurde geplant, politisiert, gestritten und prozessiert. Eine Initiative verlangte Änderungen, Einsprachen beschäftigten die Behörden, der Fall ging bis vor Bundesgericht. Die Baubewilligung von 2018 wurde erst 2022 höchstrichterlich rechtskräftig; 2025 folgten weitere Konkretisierungen und die Baufreigabe. Erst am 8. Juni 2026 konnte der Spatenstich gefeiert werden. Ein Hotelprojekt, das touristisch gewollt war, musste sich jahrelang durch politische, bürokratische und juristische Schleifen kämpfen, bevor überhaupt gebaut werden konnte.

Dabei ist der entscheidende Punkt nicht, demokratische Rechte kleinzureden. Initiativen, Referenden und Einsprachen sind in der Schweiz legitime und wertvolle Instrumente. Keine Frage:Sie gehören zur direkten Demokratie. Aber auch legitime Instrumente haben volkswirtschaftliche Kosten, wenn Verfahren keine klare zeitliche Disziplin kennen und immer neue Schleifen ermöglichen. Ein Rechtsstaat braucht Rechtsschutz – aber ebenso Rechtssicherheit und Verfahrensfinalität. Zugespitzt gesagt: Das Recht auf Einsprache darf kein Recht auf Endlosschlaufe werden.

Denn für Investoren zählt nicht nur, ob ein Projekt theoretisch bewilligungsfähig ist. Entscheidend ist, ob Zeit, Kosten und Ausgang kalkulierbar bleiben. Wer zehn Jahre lang nicht weiss, ob er bauen darf, investiert beim nächsten Mal vielleicht gar nicht mehr. Genau so entsteht schleichend Investitionsverweigerung – nicht aus mangelndem Interesse am Tourismus, sondern aus mangelnder Planungssicherheit.

Neubau? Inzwischen fast ein Luxus

Hotelneubauten sind in der DACH-Region ohnehin Hochrisikoprojekte. Grundstücke sind teuer, Baukosten hoch, Energie- und Technikstandards anspruchsvoll, Fachkräfte knapp. Dazu kommen komplexe Finanzierungsanforderungen der Banken: mehr Eigenkapital, detaillierte Nachweise, konservative Ertragsannahmen und hohe Anforderungen an die Tragbarkeit. Das ist aus Sicht der Kreditgeber nachvollziehbar. Doch wenn zu den wirtschaftlichen Risiken noch jahrelange Bewilligungsverfahren, Einsprachen und immer neue regulatorische Auflagen kommen, kippt die Rechnung.

Ein Hotel verdient kein Geld im Bewilligungsordner. Jeder zusätzliche Monat kostet Planungshonorare, Zinsen, Managementzeit und im schlimmsten Fall nochmals eine Überarbeitung des Projekts. Gleichzeitig steigen Baupreise und Finanzierungskosten weiter. Das Resultat sehen wir längst: Neubauten werden seltener, Projekte werden verschoben, redimensioniert oder ganz aufgegeben. Realisierbar bleiben oft nur noch Umnutzungen, Sanierungen oder Konzepte in besonders hochpreisigen Segmenten. Wer aber im Tourismus ein vielfältiges Angebot will – vom Familienhotel bis zum bezahlbaren Drei-Sterne-Haus –, darf Investitionen nicht systematisch in Richtung Luxus zwingen.

Der Staat wächst – aber nicht automatisch seine Leistung

Die Diskussion über Regulierung ist Teil einer grösseren Frage: Wie viel Staat verträgt eine wettbewerbsfähige Wirtschaft? Die Staatsquote misst zwar nicht direkt Bürokratie, sie zeigt aber die Dimension staatlicher Aktivität. In Deutschland lagen die Staatsausgaben 2024 bei rund 49,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Österreich kam 2025 auf rund 56,2 Prozent. Die Schweiz liegt deutlich tiefer; für 2024 werden rund 31,5 Prozent ausgewiesen. Doch auch hier ist der Trend zur Verdichtung von Aufgaben, Pflichten und Ausgaben unübersehbar.

Deutschland ist dabei ein warnendes Beispiel. Polemisch zugespitzt entsteht dort immer häufiger der Eindruck, der Staat sei nicht Dienstleister des Bürgers, sondern der Bürger Lieferant des Staates: von Steuern und Abgaben über Nachweise bis zu Melde- und Dokumentationspflichten. Das Problem ist nicht ein starker Rechtsstaat. Das Problem ist ein Staat, der seine Stärke an der Zahl seiner Vorschriften misst statt an der Qualität seiner Leistungen.

Die Schweiz hat mit Föderalismus und direkter Demokratie ein wichtiges Korrektiv. Am Ende kann der Bürger tatsächlich sagen, wo es langgeht. Aber auch die direkte Demokratie ist kein automatischer Schutz vor Verwaltungswachstum. Wer an der Urne über grosse Fragen entscheidet, möchte im Alltag trotzdem nicht für jede kleine unternehmerische Bewegung ein Formular, eine Bewilligung oder einen zusätzlichen Nachweis produzieren müssen.

Transparenzregister: vernünftiges Ziel, typischer Reflex

Ein aktuelles Beispiel ist das neue Schweizer Transparenzregister. Das Bundesgesetz über die Transparenz juristischer Personen und die Identifikation der wirtschaftlich berechtigten Personen tritt am 1. Oktober 2026 in Kraft. Das Ziel ist nachvollziehbar: Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung sollen wirksamer bekämpft werden, und die Eigentums- und Kontrollverhältnisse von juristischen Personen sollen transparenter werden. Dagegen kann man im Grundsatz wenig einwenden.

Und trotzdem zeigt gerade dieses Beispiel das Kernproblem. Wieder entsteht eine neue staatliche Pflicht, wieder müssen Unternehmen Daten erfassen, prüfen, melden und aktuell halten. Keine einzelne solche Regel bringt einen Hotelbetrieb zu Fall. Aber genau das ist die Falle der Regulierung: Jede Vorschrift ist für sich erklärbar – die Summe wird unerträglich. Das regulatorische Dickicht wächst nicht durch den einen grossen Schlag, sondern durch tausend politisch vernünftige Einzelentscheide.

Darum reicht es nicht mehr, bei jeder neuen Vorlage nur zu fragen: Ist diese Regel sinnvoll? Wir müssen zusätzlich fragen: Welche bestehende Pflicht fällt dafür weg? Wie hoch sind die Vollzugskosten? Was bedeutet die Regel für KMU? Und ist der zusätzliche Nutzen wirklich grösser als der administrative Aufwand? Ohne diese Gesamtbetrachtung ist «vernünftige Regulierung» am Ende bloss ein anderer Name für stetig wachsende Bürokratie.

«Nur so viel Staat wie nötig» ist kein nostalgischer Slogan!

Die frühere liberale Leitidee der Schweizer FDP – «nur so viel Staat wie nötig» – wäre heute aktueller denn je. Sie bedeutet nicht «kein Staat». Im Gegenteil: Der Staat hat zentrale Aufgaben. Er garantiert Rechtssicherheit, Eigentum, Sicherheit, Infrastruktur, fairen Wettbewerb und den Schutz grundlegender Interessen. Er sollte deshalb seine Energie auf diese Kernaufgaben konzentrieren – statt immer neue Detailsteuerung zu produzieren.

Für die Hotellerie heisst das konkret: kürzere und verbindliche Bewilligungsfristen, weniger Mehrfachprüfungen, ein federführender Ansprechpartner statt eines Behörden-Parcours, konsequente Digitalisierung nach dem «once only»-Prinzip und eine echte Regulierungsfolgenabschätzung, die nicht nur juristische, sondern auch betriebswirtschaftliche Kosten misst. Für jede neue Pflicht sollte ernsthaft geprüft werden, welche alte Pflicht gestrichen oder vereinfacht werden kann. Und bei KMU muss Verhältnismässigkeit wieder mehr sein als ein Wort in einer Botschaft.

Vor allem braucht es wieder Vertrauen. Unternehmer sind keine potenziellen Regelbrecher, die man vorsorglich mit immer neuen Nachweisen überziehen muss. Sie tragen Risiko, investieren eigenes Kapital, schaffen Arbeitsplätze, bilden Lernende aus, zahlen Steuern und halten ganze Tourismusorte am Leben. Wer Unternehmertum will, muss Unternehmern Luft zum Atmen lassen.

Branchenverbände: weniger Begleitung, mehr Widerstand

Deshalb geht mein Appell an HotellerieSuisse, DEHOGA, Österreichische Hotelvereinigung (ÖHV) und weitere Branchenorganisationen in der DACH-Region: Macht den Kampf gegen Überregulierung zu einem Hauptthema – nicht zu einer Fussnote. Die Verbände dürfen sich nicht darauf beschränken, neue Vorschriften zu erklären und ihren Mitgliedern Checklisten für den Vollzug zu liefern. Sie müssen viel früher und viel härter fragen, ob diese Vorschriften überhaupt nötig sind.

Die Branche braucht eine Entbürokratisierungsagenda mit messbaren Zielen. Nicht zehn neue Förderprogramme als Trostpflaster für zehn neue Auflagen, sondern weniger Auflagen. Nicht noch ein Portal, auf dem man dieselben Daten digital statt auf Papier einträgt, sondern weniger Daten, die überhaupt gemeldet werden müssen. Nicht ständig neue Ausnahmen und Sonderregeln, sondern einfache, stabile Rahmenbedingungen.

Denn am Ende ist die Sache simpel: Ein erfolgreicher Hotelstandort entsteht nicht im Amt. Er entsteht dort, wo jemand bereit ist, Kapital zu riskieren, ein Haus zu bauen oder zu erneuern, Mitarbeitende anzustellen und jeden Tag Gäste zu überzeugen. Wenn wir diesen Menschen immer mehr Hindernisse in den Weg legen, dürfen wir uns über fehlende Investitionen nicht wundern.

Mehr Freiraum, bitte!

Die DACH-Hotellerie braucht keinen schwachen Staat. Sie braucht einen klugen Staat, der weiss, wo er gebraucht wird – und wo er sich zurückhalten muss. Einen Staat, der schützt, aber nicht bevormundet. Der Regeln setzt, aber nicht jeden Einzelfall vorab kontrollieren will. Der Verfahren ermöglicht, statt Projekte jahrelang zu verwalten.

Deshalb: Mehr Freiraum, bitte! Weniger Staat. Weniger Bürokratie. Weniger Misstrauen gegenüber denen, die investieren und Verantwortung tragen. Denn eines sollte in einer sozialen und liberalen Marktwirtschaft selbstverständlich sein: Ein Hotelier sollte mehr Zeit mit seinen Gästen verbringen als mit seinen Behörden.

Hans R. Amrein
Publizist & Chefredaktor

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