Zweieinhalb Tage ITB Berlin liegen hinter mir. Zweieinhalb Tage zwischen Messeständen, Panels, endlosen Hallen, langen Fusswegen und permanentem Zeitdruck. Die ITB gilt als die weltweit wichtigste Tourismusmesse. Doch wer sich dort speziell für die Hotellerie interessiert, stellt sich zunehmend eine Frage: Spielt die Hospitality-Branche hier überhaupt noch eine zentrale Rolle? Mein Eindruck vor Ort: die Hotellerie ist auf der ITB zwar noch präsent (vor allem die Hotel-IT-Branche), aber sie steht längst nicht mehr im Zentrum.

Die stille Abwesenheit der grossen Hotelgruppen
Vor zehn oder fünfzehn Jahren war die Situation eine vällig andere. Viele grosse internationale Hotelketten präsentierten sich mit eindrucksvollen Messeständen, luden zu Gesprächen ein und nutzten die ITB als zentrale Bühne für ihre strategischen Botschaften. Heute fällt vor allem auf, wer fehlt. Mehrere prominente Hotelgruppen und Marken verzichten seit einigen Jahren bewusst auf eine Präsenz. Die Begründung ist meist ähnlich: Die Messe sei zu gross, zu unübersichtlich und thematisch zu stark von Destinationen, Airlines und Kreuzfahrtunternehmen geprägt. Für Hotels werde es immer schwieriger, in diesem Umfeld sichtbar zu bleiben.
Eine Messe, die ihre Besucher überfordert
Das zweite Problem ist die schiere Dimension der Veranstaltung. In der Theorie dauert die ITB drei Tage. In der Praxis reichen selbst zweieinhalb Tage kaum aus, um einen halbwegs sinnvollen Überblick zu gewinnen. Wer sowohl die Messehallen als auch den ITB-Kongress besuchen möchte, gerät schnell in einen permanenten Zielkonflikt: Entweder Gespräche an den Ständen führen oder spannende Panels besuchen. Beides gleichzeitig ist kaum möglich. Selbst wenn man sich auf wenige Themen konzentriert, verschlingt allein die Bewegung zwischen den Hallen enorm viel Zeit.

Lange Wege, schlechte Akustik, wenig Aufenthaltsqualität
Die Navigation durch die Messe ist komplex, die Fusswege sind lang, und wer einen Termin in einer anderen Halle hat, sollte genügend Pufferzeit einplanen. Dazu kommen die klassischen Probleme grosser Messen: schlechte Akustik, eine stickige Atmosphäre in den Hallen und ein permanentes Gedränge. Wirkliche Rückzugsorte fehlen fast vollständig. Es gibt kaum öffentliche Sitzgelegenheiten, keine echten Ruheräume und nur wenige Orte, an denen man in Ruhe und konzentriert ein vertieftes Gespräch führen kann.
Besetzte Toiletten und Currywurst statt kulinarischer Ideen
Auch bei ganz praktischen Dingen offenbaren sich Schwächen. Toiletten sind häufig überfüllt, Warteschlangen prägen die WC-Szenerie. Und dann die Gastronomie: Wer sich eine internationale Tourismusmesse vorstellt, auf der kulinarische Trends aus der weltweiten Kulinarik präsentiert werden, wird enttäuscht. Stattdessen dominieren an vielen Stellen Currywurst mit Pommes oder andere eher beliebige Messeklassiker. Gesunde Ernährung, innovative Konzepte oder gastronomische Inspiration sucht man oft vergeblich. Gerade für eine Messe, die auch das Gastgewerbe repräsentieren will, ist das ein erstaunlich schwaches Signal.
Eine Leitmesse, die ihre eigene Messlatte verfehlt
Die ITB versteht sich als globale Leitmesse der Reiseindustrie. Dieser Anspruch ist in vielen Bereichen auch gerechtfertigt: Die internationale Vielfalt ist beeindruckend, die politischen Diskussionen relevant und der ITB-Kongress liefert wertvolle Impulse. Doch gerade bei den einfachsten Dingen – Besucherkomfort, Atmosphäre, Aufenthaltsqualität und gastronomisches Niveau – bleibt die Messe deutlich hinter ihren eigenen Ansprüchen zurück.
Warum sich die Hotellerie neu orientiert
Vielleicht erklärt genau das, warum manche Hotelgruppen der ITB inzwischen fernbleiben. Wenn eine Messe immer grösser wird, verliert sie für einzelne Branchen schnell an Fokus. Für viele Hoteliers stellt sich deshalb zunehmend die Frage, ob kleinere Fachveranstaltungen, gezielte Branchentreffen oder digitale Formate nicht effizienter sind als ein gigantisches Messegelände, auf dem man einen grossen Teil der Zeit mit Laufen, Warten und Orientieren verbringt.
Kurz und gut: Die ITB Berlin bleibt ohne Zweifel ein globaler Treffpunkt der Tourismusbranche. Doch für die Hotellerie stellt sich immer deutlicher die Frage nach ihrer Rolle in diesem gigantischen System. Vielleicht braucht die Messe weniger Wachstum und mehr Konzentration. Weniger Quadratmeter – und mehr Qualität.
Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter