«Das Ende des Tourismus?». Unter diesem Titel haben drei Professoren der Universität St. Gallen (HSG) ein Buch verfasst. Hotel Inside sprach mit Prof. Dr. Christian Laesser über die Publikation, die in Tourismuskreisen auch kontroverse Debatten ausgelöst hat. Wird sich der Tourismus in den nächsten Jahren in der Tat fundamental verändern?

Das Forschungsteam Thomas Bieger, Pietro Beritelli und Christian Laesser, angesiedelt am Institut für Systemisches Management und Public Governance (IMP-HSG) der Universität St.Gallen, präsentiert im Buch «Das Ende des Tourismus?» eine umfassende Neugestaltung der Tourismuslehre. Der Titel spiegelt die Herausforderungen, welchen sich der traditionelle Tourismus gegenübersieht.

Hotel Inside-Journalist Hans R. Amrein sprach mit Prof. Dr. Christian Laesser, dem sog. «Tourismuspapst der Schweiz», über Thesen, Trends und die Entwicklung des «Fremdenverkehrs» in den nächsten fünf bis zehn Jahren:
Paradigmenwechsel im Tourismusverständnis
- Verschmelzung von Arbeit und Freizeit, moderne Lebensformen mit mehreren Standorten:
Neue Lebens- und Arbeitsmodelle wie Homeoffice und «Workation» verwischen die Grenzen zwischen Wohn- und Arbeitsort. Menschen leben in Patchwork-Beziehungen und internationalen Familienbeziehungen. Sie haben mehrere Wohnorte. Viele Reisen, wie der Besuch von Freunden und Familie im Ausland, sind deshalb nicht mehr im engeren Sinne touristisch. Dies erschwert die klassische Definition von Tourismus, die auf dem Verlassen des gewöhnlichen Umfelds basiert.
- Digitale Plattformen als neue Akteure:
Unternehmen wie Airbnb, Booking.com und Uber prägen zunehmend das touristische Angebot und stellen traditionelle Strukturen infrage. Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob Tourismus mit den klassischen Instrumenten überhaupt noch gesteuert werden kann.

- Unklare Destinationsgrenzen:
Die Vielfalt der Reisemotive und -ströme führt dazu, dass Destinationen nicht mehr klar abgrenzbar sind. Reisende konsumieren Leistungen oft über traditionelle Destinationsgrenzen hinweg. Es stellt sich die Frage, ob die traditionelle, oft geographisch ausgerichtete Struktur der Tourismusorganisation noch greift.
- «Overtourism» und Reisen, das der Umwelt schadet:
Angesichts von Klimakrise, Infrastrukturüberlastung und Wohnraummangel wird der Tourismus in vielen Regionen kritisch gesehen. Es stellt sich die Frage, ob in Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum und zunehmenden Freizeitbedürfnissen Tourismusförderung überhaupt noch sinnvoll ist und ob Standortförderung insgesamt nicht hinterfragt werden muss.

Die Schweiz im Spannungsfeld von Tradition und Innovation
Die Forschenden sehen sowohl Chancen als auch Herausforderungen für die Schweiz als klassische Tourismusdestination und Wirtschaftsstandort mit starkem Bevölkerungswachstum. Die traditionelle Tourismuslehre wird nicht nur hinterfragt. Die Autoren legen auch die Grundlage für eine neue Tourismuslehre. Beispiele sind:
- Das Verständnis des gewöhnlichen Lebensumfelds als Netzwerk teilweise weit auseinander gelegener Orte.
- Die Erweiterung des touristischen Systemmodells mit den gewichtigen Plattformen.
- Die Erklärung der Tourismusnachfrage als Resultat eines Systems von Teilentscheidungen, Reisebiografie und sozialem Umfeld.
- Die Neugestaltung touristischer Angebote mit dem Ziel, nicht nur Qualität, sondern auch Produktivität zu sichern. Konsolidierung der Betriebe und Einsatz von Robotik bieten Perspektiven, Produktivität zu steigern und touristische Tätigkeiten attraktiver zu gestalten.
- Destinationen neu erfassen und verstehen: Reiseziele flexibel und nachfrageorientiert über politische und geographische Grenzen hinaus denken.
- Die Folgen des Tourismus für die Natur, aber auch die Gesellschaft besser zu verstehen. «Gentrification», die Verdrängung von weniger wertschöpfungsintensiven Aktivitäten oder weniger zahlungskräftigen Einwohnenden und Kunden sind ein ständiger Prozess, der Städte und Räume umgestaltet. Es braucht auch für gesellschaftliche Nachhaltigkeit neue Konzepte der Tourismus- und Standortförderung.
Fazit
Der Tourismus steht an einem Wendepunkt. Traditionelle Konzepte werden durch neue Lebensrealitäten, technologische Entwicklungen und gesellschaftliche Debatten herausgefordert. Für die Schweiz bedeutet dies, flexibel auf Veränderungen zu reagieren und innovative Ansätze zu verfolgen, um weiterhin eine führende Rolle im globalen Tourismus einzunehmen.

Hotel Inside Background: Tourismus auf dem Prüfstand
Auszug aus dem Buch „Das Ende des Tourismus?“
Im Buch «Das Ende des Tourismus» stellen die Autoren Thomas Bieger, Christian Laesser und Pietro Beritelli verschiedene herkömmliche Weisheiten rund um den Tourismus auf den Prüfstand. Klassische Definitionen und Steuerungsmechanismen verlieren ihre Gültigkeit. Tourismus ist zunehmend weniger steuerbar, schwer abgrenzbar – und was als Tourismus wahrgenommen wird oft nicht mehr „touristisch“.
Zum einen wird das Systemverständnis immer komplexer, da sich touristische Aktivitäten in immer mehr Lebensbereichen einnisten und damit immer weniger abgegrenzt werden können. Dies wird getrieben durch veränderte Lebens- und Arbeitsmodelle (bspw. Patch-workfamilien, parallele Karrieren, Homeoffice, Workation), womit sich immer mehr Menschen in einem eigentlichen dynamischen Netzwerk von (Lebens-) Standorten bewegen.

Damit wird die Abgrenzung von «Tourismus» immer schwieriger; bisherige Kriterien wie Aufenthaltsdauer, Entfernung oder Reisezweck sind nicht mehr anwendbar. Mobilität erfolgt zunehmend für grundlegende Daseinsgrundfunktionen (wie Arbeit, Bildung, Konsum, Freizeitaktivitäten, Pflege sozialer Netzwerke, etc.), welche sich kurzfristig auch amal-gamieren. Zu guter Letzt: Das, was wir als Tourismus beobachten und versuchen zu definieren, ist letztlich das aggregierte Ergebnis vieler individueller Entscheidungen und damit ein nachfragegetriebenes Phänomen. Besucher nutzen Ressourcenräume, die keine klassi-schen Konsumgüter sind, sondern zur individuellen Erfüllung von Daseinsgrundfunktionen (inkl. Freizeit) dienen.
Und, für die staatliche Tourismusförderung besonders wichtig, die Wirkung von Social Media Plattformen wie Instagram übersteuern die touristischen Marketing-Anstrengungen bei weitem. Plattformen wie AirBnB schaffen Kapazitäten jenseits jeglicher touristischen Planung. Insgesamt wird Tourismus in der Gesellschaft immer weniger als förderungswürdiges Objekt, sondern vielmehr als Last empfunden, die das tägliche Leben erschwert.

Zahlreiche Paradigma sind herausgefordert. Betroffene Themen sind etwa (1) Definition des Tourismus, (2) Abgrenzung Tourismussystem, (3) Tourismusverhalten, (4) Tourismusangebote, (5) Destinationen und im Besonderen (6) Tourismusförderung. Diese wurden anlässlich der Generalversammlung der Fördergesellschaft des Instituts ein erstes Mal reflektiert und diskutiert.
Die möglichen und nicht abschließenden Konsequenzen sind potenziell weit reichend und könnten sein (Auswahl):
- Definition Tourismus: Üblicher/ gewohnter Lebens- und Arbeitsort ist ein Netzwerk von Orten – Tourismus wird immer weniger touristisch
- Fehlende Systemgrenzen Tourismus: Vieles, was als Tourismus erscheint, ist Aus-druck moderner Lebensformen wie internationale Familien oder Freizeitverhalten
- Tourismusnachfrage – immer mehr nichttouristisch und situativ: Was ist als Touris-musnachfrage überhaupt noch frei steuerbar
- Tourismusdestinationen – mehrdimensional und nicht mehr räumlich definiert: Vom Destinationsmanager zum Kundengruppen- oder Product Manager
- Tourismusangebot – von aussen (Plattformen) gesteuert: Entweder Plattformen steuern oder ihre Konsequenzen
- Tourismusleistung – traditionelle Qualitäten und Leistungsformen durch Automatisierung gefordert: Tourismus sollte nicht Motor zusätzlicher Einwanderung sein und auf niedrigem Produktivitätsniveau verharren
- Tourismus lässt sich kaum steuern und muss immer weniger gefördert werden: Gentrifikation von Tourismus: Produktivere Flächennutzungen verdrängen Tourismus.
Tourismus ist in hochentwickelten Ländern immer weniger «nötig» und wird vor dem Hintergrund des starken Bevölkerungswachstums als Overtourism wahrgenommen.

Treiber der Entwicklung, die aktuell ein Handeln erfordern
Die aktuelle Tourismustheorie und die darauf abgestützte Tourismuspolitik geht im Kern immer noch von Paradigmen des 20. Jh. aus. Der Tourismus ist wichtiger Arbeitsplatzlieferant, Exportsektor und hat insbesondere eine Ausgleichsfunktion für den regionalen Zusammenhalt der Schweiz durch die Förderung von peripheren Regionen. Dies ist heute fundamental anders.
Volkswirtschaftlich
- die Produktivitätsdifferenzen zwischen Tourismus und anderen Sektoren sind so hoch, dass sich die Frage stellt, ob Arbeitsplätze im Tourismus, die häufig mit aus-ländischen Arbeitskräften besetzt werden müssen, noch nötig sind.
- die Zahlungsbilanz der Schweiz ist so positiv, dass eher ein Ausgleich durch Konsum im Ausland gesucht werden muss.
- Randregionen sind heute vielfach so gut mit öffentlichem Verkehr erschlossen und (partielles) Homeoffice ermöglicht neue Arbeitsmuster, die Wohnen in vorher peripheren Regionen ermöglicht. So wird in vielen früheren Rand- und Tourismusregionen die Entwicklung stark durch die residenzielle Ökonomie gefördert bzw. überlagert.
Bevölkerungsentwicklung
- Der starke Bevölkerungszuwachs durch Migration führt in der Schweiz zu einer Überlastung von (Verkehrs)-Infrastrukturen, so dass der Tourismus häufig keinen Platz mehr hat.
- Der Freizeitbedarf der wachsenden internationalen Bevölkerung überlagert sich mit der touristischen Nachfrage und kristallisiert sich an Orten, wo dann Overtourism wahrgenommen wird.
- Moderne Lebens- und Arbeitsformen führen zu einem Multi Standort Lebensmuster, das Motilität zusätzlich fördert und Verkehrs- bzw. Tourismusinfrastrukturen auslastet, beispielsweise der zunehmende internationale VFR-Tourismus.
Steuerbarkeit
- Internationale Plattformen beeinflussen den Tourismus so, dass Marketing von Destinationen kaum mehr relevante Wirkung entfaltet.
Tourismus muss deshalb grundsätzlich in seiner Funktionalität in einem hochentwickelten Einwanderungsland überdenkt werden. Es besteht deshalb Denk- und Diskussionsbedarf insbesondere zur Wahrnehmung, zur Förderungswürdigkeit und zur Steuerungsfähigkeit des Tourismus. Idealweise wird hierzu ein geeigneter und koordinierter Prozess aufgesetzt.

Das Buch

Das Ende des Tourismus? Tourismuslehre neu gedacht. Verlag: Haupt, 1. Auflage.
Autoren: Thomas Bieger, Christian Laesser, Pietro Beritelli. ISBN: 9783825263690.
Bildlegende Hauptfoto: “Tourismuspapst” Prof. Dr. Christian Laesser.
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