Ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert, mehr als vier Hektaren Park, 49 Zimmer, Hochzeiten, Seminare, Individualgäste, Kunst im Garten – und dahinter ein Geschäftsmodell, das in der Schweizer Schlosshotellerie bemerkenswert ist. Schloss Hünigen bei Konolfingen (Kanton Bern) lebt nicht vom romantischen Bild eines reichen Mäzens, der Jahr für Jahr Verluste deckt. Das Haus muss Geld verdienen, aus eigener Kraft investieren können und trotzdem jene Grosszügigkeit bewahren, die ein historisches Anwesen dieser Klasse verlangt. Exakt diese Mischung macht Hünigen heute so interessant.

Ich war vor Ort, habe das Schloss, die Zimmer, die Veranstaltungsräume und den weitläufigen Park angesehen und mit Direktor und Gastgeber Mario Bucher stundenlang gesprochen.Mein Eindruck ist eindeutig: Nach wechselvollen Jahren hat dieses Haus heute eine selten stabile Konstellation gefunden. Eigentümer, Direktion und Team ziehen in die gleiche Richtung. Und sie tun dies ohne grosse Show, aber mit einer erstaunlichen Konsequenz.
Hans R. Amrein sprach mit Mario Bucher über Geschichte, Positionierung, F&B, Hochzeiten, Investitionen und Gästesegmente auf Schloss Hünigen. Das Video-Gespräch fand im Schlosspark, in der Bibliothek und im Weinkeller statt:
Ein Ort, der nicht laut sein muss
Schloss Hünigen liegt in Stalden auf Gemeindegebiet von Konolfingen, am Tor zum Emmental. Von Bern aus ist man je nach Verkehr in rund 20 bis 30 Minuten da. Und doch wirkt das Anwesen, sobald man in den alten Park einbiegt, wie eine kleine Welt für sich. Mächtige Bäume, Wiesen, Gartenräume, historische Fassaden und moderne Ergänzungen schaffen jene Distanz zum Alltag, die man heute gern mit dem etwas überstrapazierten Begriff «Hideaway» bezeichnet. In Hünigen passt er ausnahmsweise.

Das Viersterne-Boutiquehotel (hier trifft der Begriff «Boutique» in der Tat zu) verfügt über 49 Doppelzimmer und Juniorsuiten; 27 Zimmer befinden sich im historischen Schloss, 22 im neueren Gebäudeteil mit unmittelbarem Bezug zum Park. Hinzu kommen Bankett- und Seminarräume, der moderne Pavillon im Garten, Restaurant und Schlossbar sowie ein rund 190 Quadratmeter grosser Wellnessbereich mit Saunen, Dampfbad, Erlebnisduschen, Whirlpool und Ruhezone.
Für Veranstaltungen stehen Räume für kleine Sitzungen ebenso zur Verfügung wie für grössere Anlässe bis rund 240 Personen. Das ist wichtig, denn Hünigen ist nicht bloss ein schönes Hotel, sondern eine präzise gebaute Erlebnis- und Veranstaltungsmaschine – nur sieht man ihr die Maschine nicht an.

Auch die Kulinarik gehört zur Positionierung. Im heutigen Restaurant L’Artisan wird auf saisonale und regionale Produkte gesetzt, wenn immer möglich in Bio-Qualität. Im Keller lagern über 180 biodynamische oder biologische Weine. Diese Details passen zur Grundhaltung des Hauses: regional verwurzelt, aber nicht provinziell; hochwertig, aber nicht steif; nachhaltig, ohne daraus eine moralische Inszenierung zu machen.

800 Jahre Geschichte – und ein Schloss von 1555
Wer Schloss Hünigen nur als hübsche Hochzeitskulisse betrachtet, unterschätzt den Ort. Die Geschichte reicht weit zurück. Eine «Villa Hünigen» wird bereits im 12. Jahrhundert in einer Urkunde von Papst Eugen III. im Zusammenhang mit dem Klösterchen Röthenbach erwähnt. 1501 erwarb Hans Rudolf von Scharnachtal die Herrschaft Hünigen. Auf dem Hügel von Niederhünigen stand damals eine Burg, am Standort des heutigen Schlosses eine Mühle. Die Burg brannte nieder; Niklaus von Scharnachtal liess Mitte des 16. Jahrhunderts aus den alten Steinen das heutige Gebäude errichten. Das Hotel selbst nennt 1555 als Baujahr.


1588 ging Schloss Hünigen an die Berner Patrizierfamilie von May. Sie blieb mehr als 330 Jahre Eigentümerin. Die von Mays gehörten zu jenen Familien, die Politik, Militär, Handel und gesellschaftliches Leben des «alten Bern» prägten. Mit ihnen kamen Verbindungen zu anderen Patriziergeschlechtern wie den von Steiger, von Wattenwyl und von Tavel. Der Berner Mundartschriftsteller Rudolf von Tavel weilte bei seiner Tante auf Schloss Hünigen und schrieb hier Teile beziehungsweise zwei seiner Romane, darunter «D’ Frou Kätheli u ihri Buebe» und «dr Stärn vo Buebäbärg». Geschichte war in Hünigen also nie nur Mauerwerk; sie war immer auch Begegnung, Kultur und Weltläufigkeit.

Eine hübsche historische Seitenlinie führt sogar zu zwei Ikonen der Hotellerie und Gastronomie. 1892 erwarb César Ritz gemeinsam mit, beziehungsweise unter Beteiligung seines berühmten Küchenchefs Auguste Escoffier Land von der Familie von May. Daraus entstand die Berner Alpen Milchgesellschaft. In Stalden wurden später Kondens- und Pulvermilch produziert; Marken wie die «Bärenmarke» und die Stalden-Crème machten den Ort weit über das Emmental hinaus bekannt. Auch das gehört zur DNA dieses kleinen Landstrichs: Unternehmergeist, Landwirtschaft und Gastlichkeit waren hier schon früh miteinander verbunden.

Vom Patriziersitz zum Hotel – und durch turbulente Jahrzehnte
1922 endete die lange Ära der Familie von May. Für 193’000 Franken ging das Schloss an die Evangelische Gesellschaft des Kantons Bern, später Evangelisches Gemeinschaftswerk. Seit jenem Jahr wird das Gebäude als Hotel genutzt, zeitweise auch als Studien- und Erholungszentrum. Nach dem Krieg waren Heilmassagen, Molke- und Kräuterbäder gefragt; 1961 verzeichnete das Haus gemäss Schlosschronik bemerkenswerte 19’546 Übernachtungen. 1997/98 folgte ein grosser Um- und Ausbau und die Neuausrichtung zum Viersterne-Parkhotel Schloss Hünigen.
Dann begann eine unruhigere Eigentümerphase. Das Evangelische Gemeinschaftswerk wollte sich wieder stärker auf seine eigentliche kirchliche und diakonische Aufgabe konzentrieren und verkaufte das Parkhotel per 1. Januar 2011 an die Thurgauer Immobiliengesellschaft Lark Hill AG. 2013 wurde das Schloss umfassend umgebaut und neu positioniert. Bankette, Seminare und Events rückten stärker in den Mittelpunkt. Das war betriebswirtschaftlich nachvollziehbar und legte einen Teil des Fundaments für das heutige Modell.

2019 erfolgte die nächste Zäsur: Der Berner Unternehmer Walter Inäbnit und der Jungunternehmer Matthias Spycher kauften das Schloss von Lark Hill. Damit war Hünigen wieder in Berner Händen. Spycher ist Ende 2024 aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden. Seit März 2025 ist Walter Inäbnit Präsident des Verwaltungsrates; seine Frau Anna Inäbnit-Haag ist Vizepräsidentin. Die operative Geschäftsleitung liegt bei Mario Bucher, seine Frau Nicole Bucher ist ebenfalls mit Zeichnungsberechtigung im Unternehmen verankert. Diese heutige Struktur ist mehr als eine Formalie. Sie zeigt, dass sich nach Jahren mit wechselnden Eigentümerinteressen eine klare, langfristig orientierte Führung etabliert hat.

Walter Inäbnit: Investor, Unternehmer, aber kein Hotel-Mäzen
Walter Inäbnit ist kein klassischer Immobilienhändler und auch kein Schlosssammler. Er war Verwaltungsratspräsident und Miteigentümer der international tätigen Medizinaltechnik-Firma Haag-Streit und hat sein unternehmerisches Vermögen mit Industrie und Innovation aufgebaut. Nach Informationen von Hotel Inside liegt Schloss Hünigen heute mehrheitlich in der Sphäre des Ehepaars Inäbnit. Für mich ist dabei weniger die Vermögensgrösse entscheidend als die Haltung, mit der dieses Vermögen eingesetzt wird.
Natürlich investieren Walter und Anna Inäbnit laufend beträchtliche Mittel in die historische Liegenschaft und den Park. Alles andere wäre bei einem solchen Anwesen unrealistisch. Ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert mit über vier Hektaren Park, alten Bäumen, historischen Innenräumen und moderner Hoteltechnik lässt sich nicht mit einem gewöhnlichen Unterhaltsbudget betreiben. Doch Hünigen ist nach den Gesprächen vor Ort ausdrücklich kein «Mäzenen-Hotel», das nur deshalb existiert, weil ein vermögender Eigentümer jedes Jahr Millionenverluste aus Liebhaberei übernimmt.
Das ist ein entscheidender Unterschied. Ich kenne aus der Schweizer Luxushotellerie und aus der Welt historischer Häuser genügend Beispiele, bei denen betriebswirtschaftliche Rentabilität nicht das primäre Kriterium ist. Das kann legitim sein und wunderbare Hotels hervorbringen. Aber es ist ein anderes Modell. In Hünigen lautet die Vorgabe: Der Betrieb muss funktionieren. Er soll Erträge und Gewinne erwirtschaften und auch grössere Investitionen aus dem Cashflow mitfinanzieren können. Eigentümerkapital schafft Stabilität und ermöglicht Entwicklung; es ersetzt aber nicht die operative Leistung.
Mario Bucher legt als Direktor eines privaten Unternehmens keine Umsatz-, Gewinn- oder Renditezahlen offen. Das muss er auch nicht. Entscheidend ist seine klare Aussage im Hotel Inside-Gespräch: Das Haus verdient Geld. Und genau diese Ertragskraft ermöglicht Investitionen. Wer die Anlage sieht, die laufenden Erneuerungen wahrnimmt und gleichzeitig beobachtet, wie intensiv Seminare, Hochzeiten, Gastronomie und Individualhotellerie zusammenspielen, versteht, weshalb das glaubwürdig ist.

Das Geschäftsmodell: drei Gästewelten statt Monokultur
Die ökonomische Stärke von Schloss Hünigen liegt in einem klugen Gästemix. Das Haus stützt sich im Kern auf drei Säulen: Individualgäste, Seminar- und Tagungsgäste sowie Hochzeiten und private Feiern. Jede Säule hat eine andere Nachfragekurve, andere Wochentage und andere Ertragspotenziale. So entsteht Balance.
Seminare und Firmenanlässe bringen Geschäft unter der Woche. Die Nähe zum Wirtschaftsraum Bern, die gute Erreichbarkeit per Auto und Bahn und vor allem die Kombination aus professioneller Tagungsinfrastruktur und Park sind starke Argumente. Wer einen ganzen Tag in Sitzungsräumen verbringt, merkt den Unterschied, ob die Kaffeepause in einem anonymen Businesshotel oder unter alten Bäumen stattfindet. Der Scharnachtal-Pavillon und die Möglichkeit, Aktivitäten im Freien einzubauen, machen den Park zu einem funktionalen Bestandteil des Seminarprodukts.
Individualgäste wiederum sorgen dafür, dass das Schloss ein Hotel bleibt und nicht zu einer reinen Eventlocation mutiert. Sie kommen wegen der Ruhe, der Geschichte, der Kulinarik, des Wellnessbereichs, des Emmentals oder einfach für eine kleine Auszeit. Die dritte Säule sind Hochzeiten – und wirtschaftlich sind sie besonders interessant.

Hochzeiten: sehr lukrativ, aber bewusst begrenzt
Mario Bucher sagt es im Hotel-Inside-Video-Talk erstaunlich offen: Hochzeiten sind für Schloss Hünigen sehr lukrativ. Das überrascht nicht. Das Produkt ist fast ideal: historischer Von-May-Saal, moderner Haller-Saal, Trauungen und Apéros im Park, Fotokulissen, Übernachtungen, Gastronomie, Weinsammlung, Bankett, Frühstück – viele Wertschöpfungsstufen bleiben im Haus. Ein Hochzeitspaar kauft eben nicht nur einen Saal, sondern ein Gesamterlebnis.

Wir könnten das Haus fast jedes Wochenende mit Hochzeiten auslasten, aber das wollen wir bewusst nicht.
Mario Bucher, Direktor und Gastgeber
Dieser Satz ist betriebswirtschaftlich fast interessanter als eine Umsatzangabe. Denn er zeigt, dass die Direktion nicht einfach die kurzfristig ertragreichste Nachfrage maximiert. Würde Hünigen jedes Wochenende zur Hochzeitsfabrik, verlöre das Haus langfristig etwas von seiner Seele – und wohl auch Individualgäste, Stammgäste und jene Ruhe, die Teil der Marke ist. Gute Hotellerie besteht nicht darin, jeden verfügbaren Franken mitzunehmen. Sie besteht darin, die richtigen Franken zu verdienen, ohne das Produkt zu beschädigen.
In diesem Punkt wirkt das Hüniger Modell reif. Hochzeiten dürfen stark sein, aber nicht alles dominieren. Seminare bringen Stabilität, Individualgäste halten die Hotelidentität lebendig, Gastronomie und Events schaffen zusätzliche Frequenz. Das ist Revenue Management im weiteren Sinn: nicht nur Zimmerpreise optimieren, sondern die gesamte Nachfragearchitektur eines historischen Hauses steuern.

Mario und Nicole Bucher: Gastgeber mit Bodenhaftung
Dass dieses Modell funktioniert, hat viel mit Mario und Nicole Bucher zu tun. Beide stammen aus Balsthal und kennen die Branche von Grund auf. Mario absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre, später die Hotelfachschule Luzern. Stationen führten ihn unter anderem auf den Pilatus und ins Victoria-Jungfrau Interlaken; rund zehn Jahre leitete er die Grimselhotels. Nicole Bucher ist gelernte Köchin. Das Paar hat drei Söhne. Diese biografischen Details sind nicht Folklore: Man spürt im Betrieb, dass hier zwei Menschen führen, die operative Abläufe kennen und Hotellerie nicht aus PowerPoint-Präsentationen gelernt haben.
Mario Bucher übernahm 2017 die Direktion von Schloss Hünigen. 2020 gab es einen Direktorenwechsel; im August 2021 kehrten Mario und Nicole Bucher gemeinsam in die Verantwortung zurück. Heute treten sie sichtbar als Gastgeberpaar auf. Bucher ist kein Selbstdarsteller. Er redet lieber über Mitarbeitende, Produkte und Gäste als über sich selbst. Nicole Bucher wiederum ist im Tagesgeschäft präsent, gerade auch im Anlass- und Hochzeitsbereich. Diese Doppelspitze funktioniert, weil sie Nähe schafft, ohne die Organisation von zwei Personen abhängig zu machen.
Was mir besonders auffällt: Die Buchers stellen das Team konsequent in den Vordergrund. «Wertschätzung», «fördern und fordern», «Mitarbeitende mitnehmen» – das sind in der Hotellerie gern verwendete Schlagworte. In Hünigen wirken sie weniger wie Leitbildsprache und mehr wie Betriebsalltag. Das bestätigen nicht nur die Chefs, sondern auch Mitarbeitende.

Das Team: Wertschätzung, die man hören kann
Katrin Jakob, verantwortlich für Bankett und Buchhaltung, beschreibt ihren Arbeitsplatz mit einem Begriff, den kein Managementseminar verordnen kann: zweite Familie.
Weil es meine zweite Familie ist – Arbeiten mit einer durchdachten, nachhaltigen Philosophie und einer herzlichen und authentischen Führung.
Katrin Jakob, Leitung Bankett & Buchhaltung

Erstaunlich ist auch die Verantwortung, die jungen Mitarbeitenden übertragen wird. Alain Feer übernahm im Zuge der Mutterschaft der Küchenchefin in sehr jungen Jahren Führungsverantwortung in der Küche. In den internen Teamunterlagen wird er mit 23 Jahren als einer der jüngsten Küchenchefs der Schweiz bezeichnet.
Hier erfährt man ein unterstützendes, wertschätzendes und innovatives Umfeld, in welchem ich meine Passion für eine sinnvolle Naturküche vollkommen ausleben kann.
Alain Feer, Küche

Auch Larissa Grimm wird in den Mitarbeiter-Unterlagen mit einem Statement zitiert, das denselben Kern betont – Unterstützung, Wertschätzung, Innovation und die Freiheit, eine sinnvolle Arbeit zu leben. Das ist auffällig, weil es genau zu dem passt, was die Direktion als Führungsprinzip formuliert.
Schloss Hünigen ist viel mehr als ein Arbeitsplatz. Es ist ein wertvoller Ort, der viel Achtung verdient – bis ins kleinste Detail
Larissa Grimm, Stv. Leitung Hauswirtschaft

Die Bar ist meine Welt! Ich geniesse die Freiheit, zusammen mit unserer innovativen Küche die Saison-Cocktails für unsere Gäste zu kreieren – wie hier meinen Mirabelle 75
Fabio Herzog, Restauration
Vier Stimmen, unterschiedliche Funktionen, ein gemeinsames Muster: Menschen dürfen Verantwortung übernehmen und etwas Eigenes einbringen. Das ist für die Hotellerie von heute zentral. Der Fachkräftemangel lässt sich nicht mit Imagekampagnen lösen, wenn der Arbeitsalltag nicht stimmt. Schloss Hünigen investiert deshalb nicht nur in Mauern und Park, sondern sichtbar auch in Ausbildung. Mehrere Lernende gehören zum Team; junge Berufsleute werden nach Möglichkeit weiterbeschäftigt und erhalten früh Verantwortung. Für mich ist das eine der nachhaltigsten Investitionen, die ein Hotel überhaupt tätigen kann.

Der Park ist kein Dekor, sondern Teil des Produkts
Die stärkste physische Positionierung von Schloss Hünigen ist der Park. Die Angaben zur Fläche schwanken je nach Unterlage zwischen rund 40’000 und 44’000 Quadratmetern; in jedem Fall sprechen wir von mehr als vier Hektaren. Entscheidend ist ohnehin nicht die letzte Quadratmeterzahl, sondern was dieser Raum für das Hotel leistet. Der Park ist Ankunft, Aussicht, Rückzugsort, Hochzeitskulisse, Seminarraum, Spazierweg, Fotostudio, Biodiversitätsfläche und Bühne zugleich.
Deshalb passt auch die Mitgliedschaft bei den «Garten Hotels Schweiz». Dort ist der Garten ausdrücklich ein wesentlicher Teil der Hotelpositionierung und soll bis in Kulinarik und Gästeerlebnis hinein spürbar sein. Schloss Hünigen erfüllt dieses Kriterium geradezu exemplarisch. Der alte Baumbestand, der Mammutbaum, Gartenpavillons, Wiesen und Rückzugsorte geben dem Haus eine Grosszügigkeit, die man baulich kaum neu schaffen könnte. Lage ist in der Hotellerie nicht kopierbar; ein über Generationen gewachsener Park erst recht nicht.

Kunst im Park: Geschichte bekommt eine Gegenwart
2026 kommt eine weitere Ebene hinzu: Kunst. Im Rahmen von «Art Garten Hotels» werden in den Gärten von Mitgliedhotels Skulpturen und Installationen gezeigt. Schloss Hünigen ist Teil dieses Projekts; von April bis November sind im Park unter anderem Arbeiten von Jürg Ruess und Pius Morger zu sehen. Damit wird der Park nicht nur Naturraum, sondern temporär auch Galerie.
Das ist für die Positionierung klug. Ein historisches Hotel lebt immer in der Gefahr, nur von seiner Vergangenheit zu erzählen. Kunst schafft Gegenwart, Reibung und Gesprächsstoff. Eine Skulptur unter einem jahrhundertealten Baum verändert den Blick auf beides. Und sie liefert einen zusätzlichen Anlass, nach Hünigen zu kommen – für Gäste, Tagesbesucher und Menschen aus der Region. Solche Angebote sind kein Nebenprogramm, wenn sie konsequent kuratiert und kommuniziert werden; sie erweitern die Marke.

Dürrenmatt auf dem Nachttisch – ein kleines Detail mit grosser Wirkung
Zur lokalen Identität gehört auch Friedrich Dürrenmatt. Der weltberühmte Schweizer Dramatiker und Schriftsteller wurde 1921 in Stalden/Konolfingen als Sohn des Pfarrers Reinhold Dürrenmatt geboren und verbrachte hier seine Kindheit, bevor die Familie 1935 nach Bern zog. Konolfingen war für ihn prägend. Dass Schloss Hünigen an diese Verbindung erinnert, ist deshalb mehr als touristische Dekoration.

In den Zimmern liegen auf den Nachttischen Taschenbücher und Werke Dürrenmatts, in der Hausbibliothek finden sich Bücher und Hinweise auf den Schriftsteller. Das sind kleine Gesten, aber genau solche Details machen eine Positionierung glaubwürdig. Ein Gast kann in einem Schlosszimmer «Der Richter und sein Henker» oder «Der Besuch der alten Dame» aufschlagen und weiss: Der Autor stammt aus diesem Ort. Aus einem austauschbaren Hotelaufenthalt wird ein Stück Region. Im besten Fall nehmen Gäste das Buch in die Hand – und Konolfingen bleibt im Gedächtnis.

Mehr als ein Hotel für Konolfingen
Das Engagement der Eigentümer und des Teams wirkt über die Grundstücksgrenzen hinaus. Ein gut geführtes Schlosshotel zieht Hochzeitsgesellschaften, Firmen, Seminarveranstalter, Individualgäste und Kulturbesucher nach Konolfingen. Diese Menschen benutzen den Bahnhof, kaufen in der Region ein, arbeiten mit lokalen Produzenten und Dienstleistern, entdecken das Emmental und tragen den Namen des Ortes weiter. Auch die Kulinarik des Hotels arbeitet bewusst mit regionalen Partnern und Produkten. Damit fliesst ein Teil der touristischen Wertschöpfung zurück in die Umgebung.
Deshalb ist die Eigentümerfrage bei einem solchen Haus nicht privat im engeren Sinn. Natürlich gehört das Schloss privaten Eigentümern. Aber seine Wirkung ist öffentlich. Wenn ein historisches Anwesen stabil geführt, gepflegt und weiterentwickelt wird, profitiert eine ganze Region. Umgekehrt spürt eine Region auch, wenn ein solches Haus verfällt, zum Spekulationsobjekt wird oder alle paar Jahre die Strategie ändert.
Nach Informationen von Hotel Inside ist auch die Nachfolge auf Eigentümerseite mitgedacht. Walter und Anna Inäbnit sind heute im fortgeschrittenen Alter. Eine Tochter der Familie, von Beruf Architektin und bereits in familiären Unternehmensstrukturen engagiert, soll die strategische Verantwortung im Sinne der Eltern künftig mittragen. Das ist ein wichtiger Punkt: Langfristige Stabilität darf nicht an zwei Personen hängen. Wer ein Schloss für Generationen erhalten will, muss in Generationen denken.

Das seltene Kunststück: wirtschaftlich sein, ohne den Ort auszupressen
Mein Fazit nach dem Besuch ist deshalb klar. Schloss Hünigen ist nicht einzigartig, weil es alt ist. Alte Schlösser gibt es viele. Es ist auch nicht einzigartig, weil es Hochzeiten, Seminare, Wellness und gute Küche anbietet. Das tun andere Häuser ebenfalls.
Einzigartig beziehungsweise zumindest aussergewöhnlich ist die Kombination aus historischer Substanz, Park, wirtschaftlich klugem Gästemix, langfristig denkender Eigentümerschaft und einer Gastgeberkultur, die das Team ernst nimmt.
Walter und Anna Inäbnit wirken auf mich als seriöse, sympathische und weitsichtige Eigentümer, denen es nicht um kurzfristige Maximierung geht. Das bedeutet nicht, dass Profit unwichtig wäre – im Gegenteil. Gerade weil das Haus langfristig erhalten werden soll, muss es profitabel sein. Profit ist hier nicht Selbstzweck, sondern Voraussetzung für Unabhängigkeit, Investitionen und Qualität. Dieser Unterschied ist zentral.

Mario und Nicole Bucher wiederum übersetzen diese Eigentümerhaltung in den Alltag. Sie führen ein Haus mit Geschichte, ohne museal zu werden; sie nutzen Hochzeiten als starken Ertragstreiber, ohne das Schloss zur Hochzeitsfabrik zu machen; sie setzen auf Seminare, ohne in die Austauschbarkeit eines Konferenzhotels zu rutschen; sie pflegen Individualgäste, ohne die betriebswirtschaftliche Realität auszublenden. Und sie investieren in junge Menschen, weil ein Hotel nur so gut ist wie jene, die jeden Tag darin arbeiten.
Vielleicht ist genau das die modernste Form, ein Schloss zu führen: Man bewahrt nicht einfach Vergangenheit, sondern schafft Voraussetzungen dafür, dass der Ort auch morgen noch Bedeutung hat. Schloss Hünigen hat nach turbulenten Zeiten heute eine stabile Basis. Das Anwesen ist keine nostalgische Spielerei und kein privates Hobby mit Hotelrezeption. Es ist ein professioneller Betrieb mit Seele. Und gerade deshalb hat dieses Schloss Zukunft.
