Rolf Westermann ist einer der erfolgreichsten Hoteljournalisten in der DACH-Region. Als langjähriger Chefredaktor des deutschen Fachmediums ahgz hat er sich einen Namen weit über Deutschland hinaus gemacht. Nun verlässt der 64-jährige, ehemalige DPA- und BILD-Redaktor die ahgz. Hotelhistoriker und Hotel Inside-Autor Andreas Augustin über Awards, Hotelgeschichten und einen Journalisten, der zum Abschied «Servus» sagt. Oder war es „Auf Wiedersehen“?

Rolf Westermann, bis Ende Juni 2025 Mitglied der Chefredaktion der deutschen ahgz, führte beim Swiss Hospitality Summit 2025 in Zürich-Oerlikon durch das Panel „Next Level Hospitality“. Auf der Bühne: Michael Struck (Gründer und CEO Ruby Hotels), Karl-Heinz Pawlizki (CEO Arabella Hospitality) und Anne Wahl-Pozeg (Kommunikationschefin Accor DACH). Es ging um Werte, Wandel und Visionen – pointiert, praxisnah und mit Haltung vorgetragen. Die Branche hörte genau hin. Westermann? Cool, klar, kompetent.

Unter die Hospitality-Fachwelt in Zürich-Oerlikon hat sich einer geschlichen, der mittlerweile fast so bekannt ist wie César Ritz himself. Dabei ist er kein gelernter Gastronom, kein Hotelier. Und doch prägte er über ein Jahrzehnt die Debatte über Qualität, Trends und Persönlichkeiten der Branche: Rolf Westermann, studierter Publizist, Politologe und Psychologe, langjähriger Chefredakteur der ahgz – und damit Stimme und Seismograph der deutschen Hospitality-Industrie. Er hat Hunderte Interviews geführt und Dutzende Fachveranstaltungen moderiert, vom Hotel-Immobilienkongress über den „Digital Hotel Day“ bis zum Deutschen Hotelkongress und der „Nacht der Sterne“. Beim „Hotelier des Jahres“ in Deutschland hat er im Lauf der Jahre mehr als 20 große Hotel-Persönlichkeiten ausgezeichnet und ist dabei fast selbst zur Legende geworden. So lautet jedenfalls die Einschätzung von Teilnehmern und Insidern am Zürcher Hotelkongress.

Nun zieht sich Westermann zurück. Er wirft einen letzten Blick in die Runde, wandert von Handshake zu Handshake. Mehr als zehn Jahre lang leitete er die Redaktion des deutschen Fachmediums mit dem sperrigen Namen Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung (ahgz). Die Zeitung gibt es unter diesem Namen seit dem Zweiten Weltkrieg. Bei ihrer Gründung im Jahr 1900 hieß sie noch «Küche und Keller“. Noch leisten sich die Kollegen in Deutschland eine Printausgabe – man findet sie auf Schreibtischen von Hoteldirektionen. Es ist wohl das oft zitierte Argument der Haptik – wir kennen die Begründung der „former generation“. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sie nur noch digital existiert.

Diese ahgz hat einen begehrten Preis erfunden: „Hotelier des Jahres“. Der erste Preisträger des deutschen Awards hieß 1990 Klaus Kobjoll vom Schindlerhof in Nürnberg. Eine Auszeichnung mit Weitsicht, denn das Hotel erhielt 35 Jahre später beim renommierten Ludwig-Erhard-Preis 2025 eine besondere Ehrung. Nach Erfolgen in den Jahren 1998, 2003, 2012, 2023 und 2025 wurde der Schindlerhof als erste Organisation mit der Auszeichnung in Platin für seine dauerhaft herausragenden Leistungen geehrt.

Die Idee, auch in der Schweiz einen „Hotelier des Jahres“ zu wählen, war naheliegend, erinnert sich hotelinside.ch-Chefredakteur und Publizist Hans R. Amrein, einer der geistigen Väter des eidgenössischen Awards. Gemeinsam mit Fiorenzo Fässler von der smarket ag initiierte er 2014 den Preis als eigenständiger Branchen-Event nach deutschem Vorbild. Ein Meister der Branche, André Witschi, verleiht dem Preis als Jury-Präsident jene Integrität, auf die es heute ankommt. Im Rahmen des Swiss Hospitality Investment Forum (IGEHO) in Basel wurde 2015 erstmals ein Schweizer Hotelier ausgezeichnet: Raphael Wyniger, Inhaber des Teufelhofs in Basel.
Seit zehn Jahren schon versammelt sich die Schweizer Hotellerie an der Gala „Hotelier des Jahres“. 2025 zum letzten Mal in der ehemaligen Industrie-Halle 550 in Zürich-Oerlikon. Ab 2026 findet der Hospitality Summit mit der Award-Gala in Bern statt.

18. Juni 2025, kurz nach 18 Uhr. Aperitif draußen in der Sommerhitze, die Herren hemdsärmelig. Ein langer Tag mit Workshops, Panels, Referaten, Networking. Frank Marrenbach, CEO & Managing Partner bei Althoff Hotels und selbst mehrfach als Hotelier des Jahres (u.a. Gault & Millau und ahgz) ausgezeichnet, wurde als prominenter Gast auf der Bühne interviewt und gewährte persönliche Einblicke. Wie ihn die Corona-Zeit verändert habe. Wie er gelernt habe, noch besser zuzuhören.

Rund 1000 Hoteliers und ihre Entourage füllen die Event-Halle. Zwei Trophäen werden nun vergeben. Der „Hotelier des Jahres“ und ein „Special Award“ gehen an zwei Preisträger, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hotelier des Jahres 2025 wurde Michael Smithuis, General Manager des Fairmont Le Montreux Palace – ausgezeichnet für seine konstant hohe Führungsleistung in einem Haus mit 236 Zimmern und über 500 Mitarbeitenden. https://hotelinside.ch/hotelier-des-jahres-2025-michael-smithuis-warum-sind-sie-hotelmanager-geworden/
Der Special Award ging an Diego Glaus, Inhaber des Albergo Losone im Tessin – laut Hotel-Rankings eines der besten Familienhotels der Schweiz. Kein typisches Luxushotel, aber mit einzigartigen Konzepten wie Generationenrabatt, Schlechtwetterversicherung und eigenem Kinderarzt äußerst erfolgreich (im Sommer in der Regel immer ausgebucht). In seiner Dankesrede sprach Diego Glaus berührend über seinen Sohn, der ihn zur Idee inspiriert habe.

Dann aber flott zum letzten Tagesordnungspunkt: köstliche Buffets. Das muss mal gesagt werden: Die Oberwald Hotel-Klinik punktete mit Limetten-Chili Fisch Ceviche, blooms aus dem The Dolder Grand mit einem Kürbisgericht und Tomate-Erdbeer-Salat, planted, der Spin-off der ETH Zürich, mit einem sensationellen Roastbeef – angeblich Fleischersatz auf Erbsenprotein-Basis, ohne Zusatzstoffe, ich glaub’s nicht! Die EHL Hospitality Business School sorgte für den süßen Abschluss, bei HotelPartner Revenue Management konnte man markengetreu auf die richtigen Zahlen setzen (Casino-Spieltisch). Kurz blitzt Geschichte auf, wenn wir zurückdenken, dass 1909 der Weinimporteur Jean Bindella begonnen hatte, Chianti aus der Toskana zu importieren. Gemäß seinem Motto La vita è bella sponserte Bindella den feuchten Teil des Abends. So verlief denn auch der Abend fröhlich mit Drinks an der Bar – die Kondition der Brancheninsider ist schließlich legendär.

Woher kommen eigentlich die Hospitality-Awards?
Nun, die Ursprünge moderner Hospitality-Awards liegen in den 1980er-Jahren. Es war der amerikanische Finanzverlag Institutional Investor, der die ersten, global beachteten Hotelrankings veröffentlichte. Statt auf Restaurantkritiker setzte man auf Business-Reisende aus der Hochfinanz – CEOs, Fondsmanager, Banker. Ihre Bewertungen zu Service, Lage, Sicherheit und Diskretion formten die Liste der „Top 100 Hotels for Business Travelers“. Auffallend war: „Spitzenplätze belegten auffallend oft Häuser am Austragungsort des letzten Weltbankgipfels“, so Ex-Oriental-General Manager Kurt Wachtveitl – etwa das Peninsula in Hongkong, das Mandarin Oriental in Bangkok oder das Four Seasons George V in Paris.

1987 folgte Condé Nast Traveler mit dem „Readers Choice Award “, später Travel + Leisure. Die ältesten Auszeichnungen aber stammen aus Europa: der Guide Michelin (seit 1900) und Gault & Millau (gegründet 1965 von Henri Gault und Christian Millau). Auch sie waren keine Gastronomen, sondern brillante Journalisten – wie Westermann. Gault arbeitete in Politik und Wirtschaft, Millau im Feuilleton. Ihre Mission: ein Guide jenseits steifer Hierarchie, fokussiert auf Kreativität, Geschmack und Eigenständigkeit.
1972 prägten sie mit dem ersten Gault & Millau-Guide den Begriff der „Nouvelle Cuisine“. Köche wie Bocuse, Guérard und die Troisgros-Brüder wurden durch sie berühmt. Ihre Bewertungsskala: 20 Punkte, keine Sterne – Individualität statt Status. Eine Revolution. Stilbildend. Gefürchtet.

Wildgans schnappt Möwe
Ich sprach mit Rolf Westermann einmal über die Verlockung reißerischer Schlagzeilen. „Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit stehen über allem. Sonst macht Journalismus keinen Sinn. Geile Schlagzeilen sind trotzdem gut – wenn sie den Punkt treffen. Wildgans schnappt Möwe, hieß mal eine ahgz-Titelseite zur Übernahme von Mövenpick durch Accor.“
Doch genau daran mangelt es oft in der Hospitality-Branche: an guten Journalisten und Journalistinnen.
„Es wird zu viel abgeschrieben“, kritisierte Westermann. „Recherche erschöpft sich oft darin, Pressemitteilungen von einem System ins andere zu kopieren. Die Branche hätte mehr echte Journalisten verdient – neugierig, reflektiert, unvoreingenommen. Voreingenommene Besserwisser braucht keiner. Und manchmal hilft auch ein bisschen Abstand.“

Während sich Hotels nicht gerne kritisieren lassen, sind sie ganz wild auf Auszeichnungen. Deshalb entstanden dutzende Formate: World Travel Awards(seit 1993), TripAdvisor’s Travellers’Choice (seit 2002), ITB Awards, ILTM – oft von ehemaligen Hoteliers initiiert, die das Spiel durchschaut haben – und wissen, wo die Werbe-Etats sitzen. Manche Auszeichnungen kosten Geld: etwa ein berüchtigter Stern + Edelstein-Award aus den USA – gerne mal 20.000 US-Dollar und mehr. Pay-to-Play? Ein offenes Geheimnis. Teilnahmegebühr, Gala-Ticket, Sponsoring. Und der Gast? Glaubt ans Gütesiegel.
Echte Hoteltests sehen anders aus. Hans R. Amrein hat kürzlich in seinem Essay „Was muss ein Hoteltester können?“ darüber geschrieben.
(https://hotelinside.ch/von_hans_r_amrein/was-muss-ein-hoteltester-koennen/

Rolf Westermann, der beim deutschen Preis viele Jahre lang Jury-Vorsitzender war und den Galaabend zusammen mit der Tagesschau-Moderatorin Judith Rakers und der Schauspielerin Jessica Schwarz präsentiert hat, gestand mir einmal über die Auszeichnungsinflation: „Ich verstehe nicht, warum alle so unbedingt irgendeinen Award gewinnen wollen, egal welchen und wie er zustande kommt. Wirklich keine Ahnung.“
Und doch gibt es Ausnahmen: „Bei den glaubwürdigen Hotelier-des-Jahres-Preisen kommt es auf die Jury an“, sagt Westermann. „Wenn sie fachlich gut besetzt ist und unabhängig entscheidet, ist ein Preis eine wertvolle Auszeichnung. Leuchttürme helfen der Branche, sich zu orientieren.“

Beim Digestif am Hospitality Summit 2025 in Zürich-Oerlikon kreisten die Gespräche noch um die Zukunft der Hotellerie: „Es muss sich rechnen, sonst ist alle Leidenschaft nur von kurzer Dauer“, sagte Rolf Westermann. „Wertschätzung ist der Schlüssel für viele Türen. Zusammenarbeit und Zusammenhalt sind wichtig.“

Dann ging er ab – von einer Bühne, die er über ein Jahrzehnt geprägt hatte. Ein Journalist, der immer die richtigen Worte gefunden hat. Wird er zurückkehren? Wird er gar selbst ein Hotel eröffnen? Quo vadis, Rolf Westermann?
„Ich habe viele Ideen“, sagte er – und schenkte der Runde ein geheimnisvolles Lächeln, ehe er leise nachschob: „Was wäre ein Leben ohne Überraschungen?“
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