Reisen ist in wenigen Jahrzehnten vom Privileg einer kleinen, wohlhabenden Schicht zu einer selbstverständlichen Erwartung breiter Bevölkerungskreise geworden. Das ist zivilisatorisch ein Fortschritt. Doch seit dem postpandemischen Reiseboom zeigt sich die Kehrseite dieser Demokratisierung immer deutlicher: Nicht das Reisen an sich ist das Problem, sondern ein Tourismusmodell, das Erfolg vor allem in Ankünften, Übernachtungen und Umsatz misst – und viel zu selten danach fragt, wer den Nutzen erhält und wer die Kosten trägt.

Der Boom nach der Stille
Die Pandemie hat das Reisen nicht erfunden. Sie hat aber sichtbar gemacht, wie tief der Wunsch nach Ortswechsel, Begegnung und Welt-Erfahrung inzwischen in unseren Lebensentwürfen steckt. Nach den Reiseverboten und Unsicherheiten der Jahre 2020 und 2021 kam nicht bloss eine wirtschaftliche Erholung, sondern eine Art kollektive Nachholbewegung. 2025 wurden weltweit rund 1,52 Milliarden internationale Touristenankünfte gezählt; Europa allein kam auf 793 Millionen. Damit lag der Kontinent bereits rund sechs Prozent über dem Vorkrisenjahr 2019. In der EU wurden 2025 knapp 3,1 Milliarden Übernachtungen in Beherbergungsbetrieben registriert – erneut ein Rekord.
Man kann diese Zahlen als Triumph lesen. Die Menschen reisen wieder, Unternehmen verdienen wieder, Städte und Regionen füllen ihre Kassen. Man kann sie aber auch als Warnsignal lesen. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob der Tourismus wächst, sondern ob die Orte, an denen er wächst, dadurch besser werden. Eine amerikanische Studie bringt das Dilemma in einem Satz auf den Punkt: «Wir messen, was der Tourismus produziert, nicht, wer davon profitiert.» Genau diese Frage ist für Europa und besonders für die DACH-Region inzwischen zentral.

Vom Privileg zum Grundbedürfnis
Historisch betrachtet ist die breite Reisefreiheit eine junge Errungenschaft. Die Grand Tour gehörte einst zum Bildungsprogramm des europäischen Adels und der wohlhabenden Eliten. Später machten Eisenbahn, bezahlter Urlaub, Massenmotorisierung, Charterflug und Pauschalreise das Unterwegssein erschwinglicher. Heute gehört die Reise für viele Menschen zur Vorstellung eines gelungenen Lebens: Ferien sind nicht nur Erholung und Abenteuer, sondern biografisches Kapital. Man sammelt Orte, Erfahrungen, Bilder, Geschichten – und manchmal auch ein Stück Selbstverständnis.
Ich halte diese Demokratisierung des Reisens grundsätzlich für richtig. Reisen kann Bildung sein, gerade weil es uns mit dem Fremden konfrontiert. Wer andere Sprachen hört, andere Alltage sieht und andere gesellschaftliche Regeln erlebt, begreift im besten Fall, dass die eigene Lebensform nicht die einzig mögliche ist. In diesem Sinn ist Reisen eine Schule der Relativierung – und damit eine Schule der Toleranz. Es wäre gesellschaftspolitisch ein Rückschritt, ausgerechnet diese Erfahrung wieder zum Privileg der Vermögenden zu machen.
Aber daraus folgt kein Recht auf unbegrenzten Zugang zu jedem Ort, zu jeder Zeit und zu jedem Preis. Es gibt einen Unterschied zwischen der Freiheit zu reisen und dem Anspruch, dass der Markusplatz, das Jungfraujoch, der Eiffelturm, die Münchner Altstadt oder ein alpines Hochtal jederzeit unbegrenzt verfügbar sein müssen. Freiheit endet dort nicht, wo andere Menschen leben – sie beginnt dort, sich mit deren Freiheit zu arrangieren.

Wer profitiert – und wer bezahlt?
Die grössten unmittelbaren Nutzniesser des Tourismus sind leicht zu benennen: Reisende erhalten Erlebnisse; Hotels, Gastronomie, Bergbahnen, Veranstalter, Airlines und Attraktionen erzielen Umsätze; Gemeinden profitieren von Abgaben und Steuern; Immobilienbesitzer können in begehrten Lagen von steigenden Erträgen profitieren. Hinzu kommen digitale Plattformen, die an jeder vermittelten Nacht mitverdienen. 2025 wurden in der EU über Airbnb, Booking und Expedia rund 952 Millionen Übernachtungen in Kurzzeitunterkünften gebucht – gut elf Prozent mehr als im Vorjahr und über 32 Prozent mehr als 2023.
Die Rechnung wird schwieriger, sobald man die indirekten Kosten einbezieht. Wer trägt zusätzliche Verkehrsbelastung, wer finanziert Spitzenkapazitäten bei Abfall, Wasser, Sicherheit und öffentlichem Raum? Wer verliert, wenn Wohnungen dauerhaft in Ferienapartments umgewandelt werden oder ein Quartier seine Bäckerei, Apotheke und Alltagsläden gegen Souvenirshops und Gastro-Konzepte tauscht? Eine Studie der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU zu Paris, Mailand und Rom fand zwar kein simples, überall gleiches Ursache-Wirkungs-Muster, aber durchaus Zusammenhänge zwischen hohen Anteilen von Kurzzeitvermietungen, höheren Angebotsmieten beziehungsweise Immobilienpreisen und einer Verschiebung hin zu touristisch orientierten Dienstleistungen. Das ist wichtig: Tourismus ist selten der einzige Grund für Wohnungsnot – aber in angespannten Märkten kann er den Druck verstärken.
Auch der Arbeitsplatz allein ist noch kein Beweis für Wohlstand. Die OECD verweist auf alte Strukturprobleme vieler Tourismusberufe: niedrige Löhne, unregelmässige und lange Arbeitszeiten, Saisonalität und begrenzte soziale Absicherung in Teilen des Sektors. Wenn die Servicekraft im Vier-Sterne-Hotel vierzig Kilometer pendeln muss, weil sie sich den Ort nicht leisten kann, ist die touristische Wertschöpfung real – aber ihre Verteilung fragwürdig. Hier entscheidet sich, ob Tourismus ein lokales Wohlstandsmodell oder ein Extraktionsmodell ist.

DACH: Akzeptanz ist kein Blankoscheck
Besonders aufschlussreich ist die Perspektive der Einheimischen. Das Deutsche Institut für Tourismusforschung an der «FH Westküste» misst seit 2019 den Tourismusakzeptanzsaldo. 2024 lag der Saldo für die Auswirkungen des Tourismus auf den eigenen Wohnort bei +42; 2019 waren es +58. Wegen veränderter Erhebungsmethoden ist der Zeitvergleich mit Vorsicht zu lesen, doch die Studie selbst diagnostiziert seit 2019 eine sinkende ortsbezogene Akzeptanz. Noch deutlicher ist die Lücke zum persönlichen Nutzen: Der persönliche Akzeptanzsaldo lag 2024 nur bei +24. Mit anderen Worten: Viele Menschen erkennen, dass Tourismus «für den Ort» wichtig ist, spüren den Gewinn aber im eigenen Alltag viel weniger.

Österreich zeigt gleichzeitig, dass die Stimmung keineswegs generell tourismusfeindlich ist. In der repräsentativen Erhebung 2025 bewerteten 45 Prozent der Bevölkerung die Auswirkungen des Tourismus positiv, 8 Prozent sahen einen Nachteil; der Tourismusakzeptanzsaldo blieb mit +37 klar positiv. Das ist ein wichtiger Gegenpunkt zur Overtourism-Rhetorik: Nicht «zu viel Tourismus» ist überall das Problem. Das Problem ist seine räumliche und zeitliche Konzentration.
Tirol gehört 2024 zu den wenigen EU-Regionen mit mehr als 50 000 touristischen Übernachtungen je 1 000 Einwohner; 90,8 Prozent der Übernachtungen entfielen dort auf ausländische Gäste. Hallstatt wiederum wurde zum Symbol dafür, wie grotesk das Verhältnis werden kann: An Spitzentagen drängen sich mehrere Tausend Tagesgäste in einem Dorf mit nur einigen Hundert Einwohnern. Solche Beispiele sind spektakulär, aber sie dürfen nicht zur Diagnose für ganze Länder verallgemeinert werden. Auch ein vom Schweizer SECO beauftragtes Inputpapier zur Tourismusverträglichkeit betont, dass Belastungen stark kontextabhängig sind und sich in der Schweiz vor allem an einzelnen Hotspots – etwa im Berner Oberland (Jungfraujoch), in Luzern (Schwanenplatz) oder sogar in kleineren Orten –zuspitzen.

Die falsche Antwort: Reisen wieder verteuern
Aus der Überlastung einzelner Orte den Schluss zu ziehen, Reisen müsse wieder ein Privileg werden, wäre verführerisch einfach – und politisch falsch. Wer Überfüllung nur über hohe Preise löst, schafft Ruhe, aber er schafft sie sozial selektiv. Dann reist nicht derjenige, der besonders rücksichtsvoll, interessiert oder nachhaltig unterwegs ist, sondern derjenige, der den höheren Preis bezahlen kann. Das wäre keine Qualitätsstrategie, sondern eine Vermögensselektion.
Trotzdem wird man nicht um Begrenzung herumkommen. Die Frage lautet deshalb: Wie begrenzen wir, ohne Reisen wieder zur Klassenfrage zu machen? Die Antwort liegt in einer Mischung aus Kapazitätsmanagement, fairen Gebühren, Regulierung und neuen Erfolgskennzahlen. Nicht jeder Engpass braucht denselben Hebel. Bei einem sensiblen Naturraum kann eine tägliche Besucherobergrenze sinnvoll sein, bei einer Altstadt ein Zeitfenster-System, bei einer überlasteten Tagesdestination eine höhere Abgabe für Tagesgäste, bei einem angespannten Wohnungsmarkt eine Begrenzung professioneller Kurzzeitvermietung. Wo Preise steuern, sollten sie möglichst sozial verträglich sein; wo Plätze knapp sind, können Kontingente oder Reservationen gerechter sein als bloss teurere Tickets.

Qualität statt Quantität – aber was heisst Qualität?
«Qualität statt Quantität» gehört inzwischen zum Standardvokabular der Branche. Der Satz ist richtig, solange Qualität nicht heimlich «mehr zahlungskräftige Gäste» bedeutet. Ein Gast ist nicht hochwertiger, weil seine Kreditkarte ein höheres Limit hat. Qualität muss vielmehr den Netto-Beitrag eines Besuchs zum Ort beschreiben.
Ein qualitativ besserer Tourismus wäre demnach einer, bei dem Gäste länger bleiben statt nur für zwei Fotostopps anzureisen; bei dem mehr Geld bei lokalen Betrieben, Produzenten und Beschäftigten ankommt; bei dem der öffentliche Verkehr attraktiver ist als der zusätzliche Mietwagen; bei dem Saisonspitzen geglättet werden; bei dem Natur- und Kulturgüter aus den Tourismuseinnahmen tatsächlich erhalten werden; und bei dem die Bevölkerung einen konkreten Nutzen erkennt. Die OECD fordert 2026 ausdrücklich den Wechsel zu «value-based tourism models» und eine stärkere Ausrichtung auf soziale und ökologische Ergebnisse, lokale Wertschöpfung, Besucherlenkung und belastbare Daten.
Ja, das klingt technisch, ist aber politisch brisant. Denn es bedeutet, dass Destinationen andere Kennzahlen veröffentlichen müssten. Nicht nur: Wie viele Gäste kamen? Sondern auch: Wie hoch ist die lokale Wertschöpfung pro Gästetag? Welcher Anteil touristischer Abgaben fliesst in öffentlichen Verkehr, Wohnraum, Kultur oder Naturschutz? Wie entwickeln sich Mieten und Pendeldistanzen touristischer Beschäftigter? Wie hoch ist die Tourismusakzeptanz? Wie viel CO2, Wasserverbrauch und Verkehr verursacht eine zusätzliche Übernachtung? Und vor allem: Verbessert sich die Lebensqualität der Menschen, die ganzjährig dort wohnen?
Eine Tourismusdividende – nicht zwingend als Geld
Ein US-Tourismusexperte schlägt die Idee einer Tourismusdividende vor. Für Europa muss man darunter keine jährliche Auszahlung verstehen. Interessanter ist das Prinzip: Wenn ein Ort seine Landschaft, seine Kultur, seine Infrastruktur und seinen öffentlichen Raum als Grundlage einer milliardenschweren Besucherökonomie zur Verfügung stellt, dann muss ein sichtbarer Teil des Ertrags an die Gemeinschaft zurückfliessen.
Das kann ein dichterer ÖV-Takt sein, der auch den Einheimischen nützt; günstiger Wohnraum für Beschäftigte; die Finanzierung von Schwimmbädern, Museen, Wanderwegen, Ortsbildpflege oder Kinderbetreuung; ein Einwohnerpass mit Zugang zu kulturellen Angeboten; oder die Renaturierung jener Landschaft, die den touristischen Wert überhaupt erst erzeugt. Entscheidend ist Transparenz. Eine Tourismusabgabe, die am Ende nur wieder in mehr Werbung und mehr Nachfrage fliesst, ist kein Ausgleich, sondern ein Wachstumsmotor mit Gebührenetikett.
Ebenso zentral ist die Eigentumsfrage. Je stärker lokale Unternehmen, Genossenschaften, Familienbetriebe und regionale Lieferketten beteiligt sind, desto eher bleibt Wertschöpfung vor Ort. Je stärker ein Reiseziel von globalen Plattformen, auswärtigen Immobilieninvestoren oder vertikal integrierten Konzernen geprägt ist, desto grösser kann der Abfluss sein. Tourismuspolitik darf deshalb nicht nur Marketingpolitik sein. Sie ist auch Boden-, Wohnungs-, Verkehrs-, Arbeitsmarkt-, Kultur- und Umweltpolitik.

Vom Destinationsmarketing zum Destinationsmanagement
Der vielleicht grösste institutionelle Wandel besteht darin, dass Tourismusorganisationen ihr Selbstverständnis ändern müssen. Jahrzehntelang war ihre Kernaufgabe klar: Nachfrage erzeugen. Doch eine Destination, die bereits voll ist, braucht nicht zwingend mehr Nachfrage. Sie braucht Steuerung. Marketingbudgets sollten deshalb teilweise zu Managementbudgets werden: für Echtzeitdaten, Besucherlenkung, Mobilität, Anwohnerdialog, Kapazitätsplanung und die Entwicklung weniger belasteter Zeiten und Räume.
Dabei ist Vorsicht geboten. «Entzerrung» darf nicht bedeuten, den Massentourismus einfach in das nächste stille Tal zu exportieren. Neue Orte sollten nur dann stärker beworben werden, wenn Infrastruktur, Bevölkerung und Natur diese Entwicklung wollen und tragen können. Wachstum ist kein Naturgesetz. Es ist eine politische Entscheidung über knappe Räume und darüber, welche Nutzung wir ihnen zumuten.

Ein neuer Gesellschaftsvertrag für das Reisen
Der stärkste Satz der erwähnten US-Tourismusstudie lautet für mich: «Die Anwohner sind nicht Teil des touristischen Angebots. Sie sind die Gemeinschaft.» Diese Unterscheidung verändert die Perspektive. Ein Dorf ist keine Kulisse. Eine Altstadt ist kein Freizeitpark. Eine lebendige lokale Kultur ist kein Inventar, das sich beliebig skalieren lässt. Wer Tourismus plant, plant deshalb immer auch das Leben anderer Menschen.
Ich würde die Demokratisierung des Reisens nicht zurückdrehen. Im Gegenteil: Möglichst viele Menschen sollten die Chance haben, andere Länder, Regionen und Lebensweisen kennenzulernen. Aber genau deshalb müssen wir die knappen Orte gerechter und intelligenter bewirtschaften. Reisen für alle kann nur funktionieren, wenn nicht alle gleichzeitig dasselbe Ziel konsumieren wollen – und wenn die Kosten dieses Konsums nicht bei jenen hängen bleiben, die dort wohnen.
Vielleicht braucht der Tourismus tatsächlich einen neuen Gesellschaftsvertrag. Sein Massstab wäre nicht Verzicht, sondern Gegenseitigkeit. Gäste erhalten Zugang zu Schönheit, Infrastruktur, Kultur und Gastfreundschaft; im Gegenzug hinterlassen sie einen Beitrag, der mehr ist als Umsatz in der Hotelrechnung. Destinationen erhalten Einkommen und Arbeitsplätze; im Gegenzug garantieren sie, dass Wohnraum, Natur, öffentliche Räume und Lebensqualität nicht bloss Produktionsfaktoren des Tourismus werden.
Am Ende bleiben die drei Fragen aus der US-Tourismusstudie erstaunlich präzise: Was verbraucht der Tourismus? Welchen Beitrag leistet er? Und wer erhält die Differenz? Wenn eine Destination darauf keine überzeugende Antwort geben kann, sind Rekordzahlen kein Erfolgsausweis. Dann sind sie vielleicht nur die schönere Form einer Überlastungsanzeige.
Reisen soll kein Privileg werden. Rücksicht, Begrenzung und ein fairer Anteil für die Gastgebergesellschaft dürfen es aber sehr wohl sein. Der beste Tourismus der Zukunft ist deshalb nicht der, der immer mehr Menschen bewegt. Es ist der, der Menschen bewegt – ohne die Orte, die sie besuchen, dabei zu verbrauchen.
Hans R. Amrein
Publizist & Chefredaktor