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Konkurse auf Rekordhoch (Teil 2): Warum Hotels in der Schweiz und in Österreich in Schieflage geraten

Das Gastgewerbe in der Schweiz und in Österreich befindet sich in einer paradoxen Lage: Die Nachfrage ist vielerorts robust, teilweise sogar rekordhoch, doch die wirtschaftliche Stabilität vieler Betriebe bleibt angespannt. In der Schweiz erreichte die Hotellerie 2025 mit 43,9 Millionen Logiernächten einen historischen Höchstwert; gleichzeitig stiegen die Unternehmenskonkurse massiv. In Österreich nahm die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2025 weiter zu, und Gastronomie sowie Beherbergung zählen weiterhin zu den besonders betroffenen Branchen. Die Zahlen zeigen: Nicht jeder Betrieb, der Gäste hat, verdient auch ausreichend Geld. Und nicht jede Schliessung ist ein Nachfragethema. Häufig geht es um Kosten, Liquidität, Nachfolge, Personal, Finanzierung und strukturelle Ertragskraft.

Schweiz: Rekordjahr in der Hotellerie, aber starke Konkursdynamik

Die Schweiz liefert derzeit ein besonders deutliches Beispiel für die doppelte Realität im Gastgewerbe. Auf der einen Seite steht eine starke touristische Nachfrage. Das Bundesamt für Statistik meldete für das Jahr 2025 insgesamt 43,9 Millionen Logiernächte in der Schweizer Hotellerie. Gleichzeitig generierte die Hotellerie 2025 mit Übernachtungen rund 6,2 Milliarden Franken, ein Plus von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auffällig ist jedoch: Das Wachstum wurde stark durch Volumen getragen. Die Einnahmen pro Logiernacht stiegen lediglich um 0,6 Prozent auf durchschnittlich 139,80 Franken. In der 5-Sterne-Hotellerie lag der Wert pro Logiernacht bei rund 410 Franken und damit 6,3 Prozent über Vorjahr, während 3-Sterne-Häuser kaum Preisfortschritte erzielten. Diese Zahlen zeigen: Die Schweizer Hotellerie ist nachfrageseitig stark, doch die Ertragskraft wächst nicht im gleichen Tempo wie die Frequenz.

Parallel dazu ist das Konkursgeschehen in der Schweiz deutlich angestiegen. Nach Angaben von CRIF wurden 2025 schweizweit 12’375 Konkurse eröffnet, ein Plus von 38,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die meisten Konkurseröffnungen entfielen auf das Baugewerbe mit 1’752 Fällen, auf die Gastronomie mit 1’210 Fällen und auf den Detailhandel mit 869 Fällen. Damit gehört die Gastronomie zu den am stärksten betroffenen Branchen. Bemerkenswert ist auch, dass die Zahl der Neugründungen 2025 zwar auf 54’281 Unternehmen stieg, die Gastronomie bei den Neugründungen jedoch rückläufig war. CRIF weist hier ein Minus von 10,4 Prozent aus. Das bedeutet: Während insgesamt weiter viele neue Firmen entstehen, nimmt die Gründungsdynamik in der Gastronomie ab – ein Alarmsignal für eine Branche, die ohnehin von hoher Fluktuation geprägt ist.

Für 2026 verschärft sich das Bild. Im ersten Quartal 2026 wurden laut CRIF in der Schweiz 3’902 Firmenkonkurse eröffnet. Das entspricht einem Anstieg von 79,6 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2025. Die Gastronomie lag mit 391 Konkurseröffnungen erneut weit vorne; im Vorjahresquartal waren es 222 Fälle. Das entspricht einem Plus von 76,1 Prozent. Nur das Baugewerbe lag mit 478 Fällen noch höher. Diese Dynamik ist zwar nicht allein konjunkturell zu interpretieren, sie ist aber dennoch bemerkenswert. Ein zentraler Sonderfaktor ist eine Gesetzesänderung: Seit 1. Januar 2025 dürfen in der Schweiz auch Steuerschulden von im Handelsregister eingetragenen Schuldnern auf Konkurs betrieben werden. Dadurch sinkt die faktische Hürde für Konkursverfahren. Dennoch bleibt die Botschaft klar: Gerade im Gastgewerbe trifft die strengere Durchsetzung auf eine Branche mit dünnen Margen und hoher Kostenbelastung.

Schweizer Kernproblem: hohe Kosten, dünne Margen, Arbeitskräftefrage

Die Ursachen der Schweizer Entwicklung liegen nicht allein in einer schwachen Nachfrage. Im Gegenteil: Die Nachfrage ist in vielen Regionen gut. Das Problem liegt tiefer. Gastbetriebe arbeiten mit hohen Fixkosten, steigenden Löhnen, hohen Warenkosten und zunehmend anspruchsvollen Gästen. GastroSuisse verweist auf eine besonders kritische Kostenstruktur: Die Personalkosten machen heute rund 45 bis 51 Prozent eines Umsatzfrankens aus; Anfang der 2000er-Jahre waren es noch 43 Prozent. Gleichzeitig sinken die Margen. Der Verband warnt im Zusammenhang mit der Arbeitskräftefrage ausdrücklich vor Betriebsschliessungen, kürzeren Öffnungszeiten und steigenden Preisen, wenn das Arbeitskräfteangebot weiter eingeschränkt wird.

Die Schweiz steht damit vor einem strukturellen Widerspruch: Sie ist ein hochattraktives Tourismusland mit starker Marke, hoher internationaler Nachfrage und hoher Zahlungsbereitschaft in bestimmten Segmenten. Gleichzeitig ist sie ein Hochkostenstandort. Für viele kleine und mittlere Betriebe (KMU) reicht eine gute Auslastung nicht mehr aus, wenn Löhne, Energie, Mieten, Warenkosten, Versicherungen und Investitionen gleichzeitig steigen. Besonders gefährdet sind Betriebe ohne klare Positionierung, ohne Nachfolgelösung, mit Investitionsstau oder mit zu geringer Produktivität pro Mitarbeiter. Schliessungen entstehen deshalb nicht nur durch klassische Zahlungsunfähigkeit, sondern auch durch Aufgabe, fehlende Nachfolge oder die Erkenntnis, dass ein Betrieb unter heutigen Bedingungen wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll weitergeführt werden kann.

Österreich: Insolvenzen bleiben hoch, Gastronomie und Beherbergung unter den Top-Branchen

In Österreich zeigt sich ein ähnliches, aber anders strukturiertes Bild. Laut Statistik Austria gab es 2025 insgesamt 6’809 Unternehmensinsolvenzen, rund 4 Prozent mehr als 2024. Damit stieg die Zahl der Firmenpleiten im Jahresvergleich bereits das fünfte Jahr in Folge. Die meisten Insolvenzen entfielen auf Dienstleistungsbereiche, Bau und Handel. Beherbergung und Gastronomie verzeichneten nach Statistik Austria 2025 insgesamt 898 Insolvenzen, nach 875 im Jahr 2024; das entspricht einem Plus von 2,6 Prozent. Im vierten Quartal 2025 wurden in Beherbergung und Gastronomie 224 Insolvenzen gezählt, nach 220 im Vorjahresquartal.

Auch die Daten des KSV1870 zeigen die hohe Belastung. Der Kreditschutzverband meldete für 2025 insgesamt 6’810 Unternehmensinsolvenzen in Österreich, ein Plus von 3,4 Prozent. Die vorläufigen Passiva sanken zwar deutlich auf rund 8,48 Milliarden Euro, was vor allem an weniger Grossinsolvenzen lag. Entscheidend für das Gastgewerbe ist jedoch die Branchenstruktur: Der Handel führte 2025 mit 1’192 Fällen, dahinter lag die Bauwirtschaft mit 1’080 Fällen. Auf Position drei folgte Gastronomie und Beherbergung mit 803 Fällen. Damit bleibt der Sektor einer der grossen Insolvenztreiber der österreichischen Wirtschaft.

Im ersten Quartal 2026 meldete der KSV1870 insgesamt 1’769 Unternehmensinsolvenzen in Österreich, ein leichter Rückgang von 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Von einer echten Entspannung kann jedoch kaum gesprochen werden. Gastronomie und Beherbergung verzeichneten 230 Insolvenzen und lagen damit erneut auf Platz drei der Branchenstatistik. Gegenüber dem Vorjahr war dies ein Plus von 16 Prozent. Der KSV1870 spricht ausdrücklich davon, dass sich die Lage in dieser Branche in den vergangenen Monaten weiter verschärft habe. Handel, Bau sowie Gastronomie und Beherbergung stellten zusammen 44 Prozent aller Firmenpleiten im ersten Quartal 2026.

Österreichische Ursachen: Kaufkraft, Betriebskosten und Öffnungszeiten

Die Gründe sind in Österreich klar benennbar. Der KSV1870 nennt für Gastronomie und Beherbergung einen Ursachenmix aus hohen Betriebskosten, schwacher wirtschaftlicher Gesamtlage, reduzierten Restaurantbesuchen, geringen Gewinnmargen und starkem Wettbewerb. Dazu kommen Energie-, Lebensmittel- und Personalkosten. Viele Betriebe verkürzen Öffnungszeiten, weil Personal fehlt oder weil sich lange Öffnungszeiten wirtschaftlich nicht mehr rechnen. Das wiederum erzeugt einen problematischen Kreislauf: Wenn ein Betrieb weniger lang geöffnet ist, muss er seine notwendigen Einnahmen in kürzerer Zeit erzielen. Gelingt das nicht, geraten Liquidität und Rentabilität unter Druck.

Besonders kritisch ist in Österreich die hohe Zahl der mangels Masse nicht eröffneten Verfahren. Der KSV1870 weist darauf hin, dass 2025 mehr als 2’600 Fälle mangels Kostendeckung nicht eröffnet wurden.Solche Fälle machen rund 39 Prozent aller Firmenpleiten aus. Im ersten Quartal 2026 stieg der Anteil sogar auf 41 Prozent. Das ist ein hartes Signal: Viele Unternehmen sind finanziell so ausgezehrt, dass nicht einmal mehr die Kosten für ein geordnetes Insolvenzverfahren gedeckt werden können. Für Beschäftigte und Gläubiger ist dies besonders problematisch, weil eine professionelle Aufarbeitung kaum möglich ist.

Schliessungen sind nicht immer Insolvenzen

Wichtig ist die begriffliche Unterscheidung: Konkurs, Insolvenz und Schliessung sind nicht dasselbe. Ein Konkurs oder eine Insolvenz ist ein rechtlich erfasstes Verfahren. Eine Schliessung kann dagegen auch aus anderen Gründen erfolgen: fehlende Nachfolge, Pachtende, Verkauf der Immobilie, strategische Aufgabe, Umbau, Umnutzung oder freiwilliger Rückzug. Gerade in der Hotellerie sind solche Fälle relevant. In der Schweiz ist seit Jahren eine Konsolidierung zu beobachten: Die Zahl kleinerer Beherbergungsbetriebe nimmt tendenziell ab, während grössere, professioneller geführte Einheiten an Bedeutung gewinnen. In Österreich zeigt sich in vielen Regionen ebenfalls eine Polarisierung zwischen starken Leitbetrieben und kleineren, unter Druck stehenden Häusern.

Für die Bewertung der Lage reicht es deshalb nicht, nur Insolvenzzahlen zu betrachten. Ein Hotel kann wirtschaftlich schwach sein und dennoch nie in einem Insolvenzregister erscheinen, weil es vorher verkauft, geschlossen oder umgenutzt wird. Umgekehrt kann eine starke Nachfrage in den Logiernächten verdecken, dass einzelne Betriebe kaum noch investieren können. Gerade im Gastgewerbe sind Liquidität, Ertragskraft und Investitionsfähigkeit wichtiger als reine Frequenzzahlen.

Vergleich Schweiz und Österreich: gleiche Symptome, unterschiedliche Auslöser

Im Vergleich zeigt sich: Die Schweiz und Österreich kämpfen mit ähnlichen Symptomen, aber teilweise unterschiedlichen Auslösern. In der Schweiz ist der starke Anstieg 2025 und 2026 besonders durch eine veränderte rechtliche Durchsetzung von Steuerschulden beeinflusst. Gleichzeitig trifft diese Änderung auf eine Gastronomie mit hoher Kostenbelastung und sinkender Gründungsdynamik. In Österreich ist die Entwicklung stärker durch eine Kombination aus schwacher Kaufkraft, hohem Kostenniveau, Personalmangel und strukturell niedrigen Margen geprägt. In beiden Ländern gilt jedoch: Das Gastgewerbe ist nicht per se nachfrageschwach, sondern ertragsschwach. Das ist der entscheidende Unterschied.

Die Zahlen zeigen auch eine zunehmende Marktbereinigung. Schwächere, unterkapitalisierte oder schlecht positionierte Betriebe geraten unter Druck. Betriebe mit starker Marke, klarer Zielgruppe, professionellem Kostenmanagement und stabiler Finanzierung haben bessere Chancen. Das gilt für Hotels ebenso wie für Restaurants. Die Branche wird nicht verschwinden, aber sie wird sich weiter verändern: weniger improvisiert, stärker kapitalgetrieben, professioneller und in vielen Fällen auch teurer.

Zahlen und Fakten im Überblick

Schweiz: 2025 wurden laut CRIF 12’375 Konkurse eröffnet, 38,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Gastronomie war mit 1’210 Fällen nach dem Baugewerbe die zweitstärkste betroffene Branche. Im ersten Quartal 2026 wurden 3’902 Firmenkonkurse registriert, ein Plus von 79,6 Prozent. Die Gastronomie zählte 391 Fälle, 76,1 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Gleichzeitig erreichte die Schweizer Hotellerie 2025 mit 43,9 Millionen Logiernächten einen Rekordwert und setzte mit Übernachtungen rund 6,2 Milliarden Franken um.

Österreich: 2025 wurden laut Statistik Austria 6’809 Unternehmensinsolvenzen gezählt, rund 4 Prozent mehr als 2024. Beherbergung und Gastronomie kamen auf 898 Insolvenzen, ein Plus von 2,6 Prozent. Der KSV1870 meldete für 2025 6’810 Unternehmensinsolvenzen und 803 Fälle im Bereich Gastronomie und Beherbergung. Im ersten Quartal 2026 zählte der KSV1870 insgesamt 1’769 Unternehmensinsolvenzen, 1,4 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum; Gastronomie und Beherbergung legten jedoch um 16 Prozent auf 230 Fälle zu.

Fazit: Die Lage in der Schweiz und in Österreich ist ernst, aber nicht eindimensional. Die Hotellerie kann Rekorde bei Logiernächten erzielen, während gleichzeitig einzelne Betriebe wirtschaftlich scheitern. Die Gastronomie kann volle Lokale haben und trotzdem zu wenig verdienen. Der Kern der Krise liegt nicht nur in fehlenden Gästen, sondern in einem verschärften Verhältnis von Kosten, Personal, Preisen, Liquidität und Produktivität. Die Jahre 2025 und 2026 zeigen, dass sich die Branche in einer Phase der Bereinigung befindet. Wer überlebt, wird nicht allein durch Nachfrage entschieden, sondern durch Kapitalstärke, Positionierung, Effizienz, Mitarbeiterbindung und die Fähigkeit, Preise glaubwürdig durchzusetzen.

Quellenhinweis

Verwendete Quellen: CRIF Schweiz, Medienmitteilungen zu Firmenkonkursen 2025 und Q1 2026; Bundesamt für Statistik Schweiz und Berichterstattung zu Logiernächten und Beherbergungsumsatz 2025; GastroSuisse, Medienmitteilung zur Arbeitskräfte- und Kostenlage im Gastgewerbe; Statistik Austria, Insolvenzen und Registrierungen 2025; KSV1870, Unternehmensinsolvenz 2025 und Q1 2026.

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