Die Zahl der Firmeninsolvenzen ist in Deutschland auf den höchsten Stand seit 2005 gestiegen. Besonders betroffen: Hotels, Restaurants und gastgewerbliche Betriebe. Laut dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) wurden allein im April 2026 insgesamt 1.776 Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften registriert – drei Prozent mehr als im März und zehn Prozent mehr als vor einem Jahr. Besonders dramatisch ist die Entwicklung im Gastgewerbe. Dort wurden neue Höchstwerte erreicht. Was sind die Gründe?
Viele Beobachter sehen die Corona-Pandemie bis heute als Hauptursache der Krise. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Die Pandemie war weniger Ursache als vielmehr Beschleuniger einer Entwicklung, die sich bereits Jahre zuvor abgezeichnet hatte. Schon vor 2020 arbeiteten zahlreiche Hotels und Restaurants mit sehr geringen Margen, hoher Fremdkapitalquote und enormem Auslastungsdruck. Während der Pandemie verhinderten staatliche Hilfen, ausgesetzte Insolvenzantragspflichten und günstige Kredite kurzfristig einen Kollaps. Die strukturellen Probleme verschwanden jedoch nie – sie wurden lediglich zeitlich verschoben. Heute zeigt sich, dass viele Betriebe wirtschaftlich nie wirklich aus der Krise herausgefunden haben.

Die Kosten explodieren, aber die Preise haben Grenzen
Besonders dramatisch ist die Entwicklung auf der Kostenseite. Energiepreise, Lebensmittelkosten, Mieten und vor allem Personalkosten sind massiv gestiegen. Viele Betriebe stehen dadurch unter enormem wirtschaftlichem Druck. Gerade die Hotellerie und Gastronomie gehören zu den personalintensivsten Branchen überhaupt. Steigende Mindestlöhne und höhere Tarifabschlüsse verschärfen die Situation zusätzlich. Gleichzeitig lassen sich die Preise nicht beliebig erhöhen. Zwar haben viele Hotels ihre Zimmerpreise angepasst und Restaurants ihre Speisekarten verteuert, doch die Zahlungsbereitschaft der Gäste hat Grenzen. Inflation und wirtschaftliche Unsicherheit führen dazu, dass Reisen und Restaurantbesuche kritischer hinterfragt werden.
Der Fachkräftemangel wird zur Existenzfrage
Kaum ein Thema beschäftigt die Branche derzeit stärker als der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern. Viele Betriebe finden schlicht nicht mehr genügend Fachkräfte. Die Folgen reichen von reduzierten Öffnungszeiten bis hin zu geschlossenen Restaurantbereichen und eingeschränkten Serviceleistungen. Gleichzeitig steigt die Belastung der vorhandenen Teams massiv an. Branchenexperten weisen seit Jahren darauf hin, dass der Arbeitskräftemangel längst zu einem strukturellen Risiko geworden ist. Viele ehemalige Mitarbeiter haben die Branche während der Pandemie verlassen und sind nicht zurückgekehrt. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: hohe Arbeitsbelastung, unregelmässige Arbeitszeiten und oft begrenzte Verdienstmöglichkeiten.
Viele Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr
Die aktuelle Insolvenzwelle zeigt schonungslos, dass zahlreiche gastgewerbliche Geschäftsmodelle unter den heutigen Bedingungen kaum noch tragfähig sind. Vor allem Stadthotels kämpfen weiterhin mit einem schwächeren Geschäftsreiseverkehr. Gleichzeitig entstehen neue Wettbewerber – von Serviced Apartments bis hin zu Plattformen wie Airbnb. Restaurants wiederum leiden unter steigenden Einkaufspreisen und einer sinkenden Frequenz. Viele Betriebe verfügen zudem über keine klare Differenzierung und konkurrieren primär über Preis oder Lage. Gerade im mittleren Marktsegment wird das zunehmend zum Problem.

Die Rückkehr der Zinsen verändert die Branche
Über viele Jahre profitierte die Branche von extrem niedrigen Zinsen. Investitionen, Expansionen und Refinanzierungen waren vergleichsweise einfach. Diese Phase ist vorbei. Steigende Finanzierungskosten treffen vor allem jene Betreiber hart, die hoch verschuldet sind oder in den vergangenen Jahren stark investiert haben. Viele Eigentümer und Betreiber müssen heute deutlich höhere Kreditkosten tragen, während gleichzeitig die operative Profitabilität sinkt.
Experten warnen vor einer längeren Konsolidierung
Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung sieht derzeit keine Anzeichen für eine rasche Entspannung der Lage. Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung des IWH, erklärte, dass bis mindestens Juli mit sehr hohen Insolvenzzahlen zu rechnen sei. Auch andere Marktbeobachter gehen davon aus, dass die Branche vor einer längeren Konsolidierungsphase steht. Viele Experten erwarten, dass insbesondere im mittleren Marktsegment zahlreiche Betriebe verschwinden werden.
Die stille Transformation der Hospitality-Industrie
Die aktuelle Krise ist deshalb weit mehr als eine konjunkturelle Schwächephase. Sie markiert den Beginn einer tiefgreifenden Transformation der Branche. Die Hospitality-Industrie wird kleiner, professioneller und stärker polarisiert werden. Auf der einen Seite entstehen hochpositionierte Konzepte mit klarer Differenzierung und hoher Wertschöpfung. Auf der anderen Seite geraten austauschbare Betriebe zunehmend unter Druck. Digitalisierung, Individualisierung und Erlebnisorientierung gewinnen gleichzeitig weiter an Bedeutung.
Fest steht: Die Pleitewelle im deutschen Gastgewerbe ist Ausdruck eines strukturellen Umbruchs. Steigende Kosten, Fachkräftemangel, hohe Verschuldung, verändertes Konsumverhalten und fehlende Differenzierung treffen auf Geschäftsmodelle, die vielerorts ohnehin fragil waren. Die kommenden Jahre werden darüber entscheiden, welche Betriebe sich erfolgreich anpassen können – und welche vom Markt verschwinden.
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