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Kommentar zur Revo-Tragödie: Warum die Zukunft von 14 Schweizer Hotels jetzt auf dem Spiel steht

Die Zerschlagung der Revo Hospitality Group ist vollzogen. 450 Mitarbeitende der Berliner Zentrale haben ihre Kündigung erhalten, fünf internationale Hotelgruppen und Investoren übernehmen den Grossteil der Hotels. Die Namen dieser Käufer werden vorerst nicht genannt – ein bemerkenswerter Vorgang, der weder Vertrauen schafft noch zur Transparenz beiträgt. Doch während sich viele Beobachter auf das Ende eines Berliner Headquarter-Apparats konzentrieren, spielt sich die eigentliche Geschichte derzeit in der Schweiz ab. Dort befinden sich 14 Hotels, darunter sämtliche acht Mövenpick Hotels, die mit der operativen Krise von Revo nur wenig zu tun hatten. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wird man funktionierende Strukturen erhalten oder wird die Schweiz zum Filetstück einer grossen Rosinenpickerei?

Wer die Insolvenz von Revo verstehen will, muss zunächst einen fundamentalen Fehler vermeiden. Es wäre falsch, die gesamte Gruppe als einheitliches Gebilde zu betrachten. Genau das war sie nie. Während in Berlin eine immer komplexere Konzernstruktur aufgebaut wurde, funktionierten die Schweizer Hotels weitgehend eigenständig. Sie wurden über separate Aktiengesellschaften und eine GmbH geführt, verfügten über eigene Führungsstrukturen und arbeiteten operativ deutlich autonomer als viele andere Gesellschaften innerhalb des Revo-Konstrukts.

Mövenpick Basel.

Insider berichten seit Monaten, dass die Schweizer Häuser profitabel waren. Sie hatten stabile Teams, funktionierende Prozesse und eine klare Marktpositionierung. Die Hotels zahlten ihre Gebühren an die Konzernzentrale, waren jedoch operativ keineswegs von jeder Berliner Entscheidung abhängig. Genau deshalb erscheint es heute umso erstaunlicher, dass die Zukunft dieser Häuser plötzlich wieder völlig offen ist.

Während in Deutschland die Insolvenz als Folge eines gescheiterten Wachstumsmodells diskutiert wird, stellt sich in der Schweiz eine ganz andere Frage: Warum sollen erfolgreiche Hotels unter den Folgen eines Systems leiden, das sie selbst nie verursacht haben?

Revo-Regionaldirektor Schweiz, Reto Kocher (hier im Mövenpick Basel, Bild: Lucia Hunziker, 2021).

Der Mann hinter dem Schweizer Erfolg

Wer über die Schweizer Revo-Hotels spricht, kommt an Reto Kocher nicht vorbei. Der erfahrene Hotelier führte die Schweizer Häuser als Regionaldirektor und geniesst in der Branche einen ausgezeichneten Ruf. Seine Karriere umfasst unter anderem das renommierte Les Trois Rois in Basel – eines der bekanntesten Luxushotels Europas. Wer ein solches Haus erfolgreich führen kann, versteht Hotellerie nicht nur theoretisch, sondern operativ.

Genau diese operative Kompetenz scheint ein wesentlicher Grund dafür gewesen zu sein, weshalb die Schweizer Revo-Hotels vergleichsweise stabil blieben. Während anderswo ständig neue Strategien entwickelt, Strukturen verändert und Organisationen umgebaut wurden, konzentrierte man sich in der Schweiz auf das Wesentliche: Gäste, Mitarbeitende, Qualität und Ertrag.

Vielleicht ist dies die wichtigste Erkenntnis der gesamten Revo-Geschichte. Hotellerie wird nicht durch Organigramme erfolgreich. Hotellerie wird durch gute Führung erfolgreich. Und genau deshalb stellt sich heute die Frage, weshalb man eine Struktur auflösen sollte, die nachweislich funktioniert hat.

Seepark Kongresshotel Thun.

Drei Szenarien – und nur eines überzeugt wirklich

Nach Informationen aus dem Markt werden derzeit drei Varianten diskutiert, was die Zukunft der Schweizer Revo-Häuser betrifft. Die erste und aus Sicht vieler Branchenkenner sinnvollste Lösung wäre die Weiterführung der Schweizer Hotels unter einer eigenständigen Betreiberplattform. Der Name Revo würde verschwinden, die operative Struktur könnte jedoch weitgehend erhalten bleiben. Mitarbeitende, Eigentümer und Gäste hätten Kontinuität. Bestehendes Know-how würde nicht zerstört.

Die zweite Variante wäre die Aufteilung der 14 Schweizer Hotels auf verschiedene White-Label-Betreiber. Solche Modelle funktionieren durchaus, führen jedoch häufig zu einem Verlust von Synergien und einer stärkeren Fragmentierung. Jedes Hotel oder jedes Teilportfolio erhält neue Verantwortlichkeiten, neue Systeme und teilweise neue Kulturen. Was auf dem Papier effizient aussieht, erzeugt in der Praxis oft Reibungsverluste.

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Am wahrscheinlichsten erscheint vielen Beobachtern jedoch die dritte Variante. Die neuen Käufer der deutschen Portfolios könnten versuchen, einzelne Schweizer Hotels in ihre Bestände zu integrieren. Genau hier beginnt die eigentliche Gefahr. Denn die Schweizer Häuser sind innerhalb des bisherigen Revo-Portfolios die begehrtesten Objekte. Die Mövenpick Hotels verfügen über starke Standorte, das Belvédère Davos besitzt einen ausgezeichneten Ruf (und eine grosse Geschichte) und der Seepark Thun gehört seit Jahren zu den etablierten Kongressadressen des Landes. Wer künftig mehrere Dutzend Revo-Hotels in Deutschland übernimmt, dürfte versucht sein, sein Portfolio mit einigen Schweizer Prestigeobjekten aufzuwerten.
Doch was aus Sicht eines Investors attraktiv erscheint, muss noch lange nicht die beste Lösung für die betroffenen Hotels sein.

Mövenpick Zürich-Regensdorf.

Die Gefahr der Rosinenpickerei

Die Schweiz ist für viele Betreiber ein hochattraktiver Markt. Hohe Kaufkraft, internationale Nachfrage, stabile politische Rahmenbedingungen und starke Destinationen machen das Land seit Jahrzehnten zu einem bevorzugten Ziel von Investoren. Genau deshalb besteht die Gefahr, dass die Schweizer Revo-Häuser nicht als funktionierende Plattform betrachtet werden, sondern als Sammlung besonders attraktiver Einzelobjekte.

Genau das wäre jedoch ein Fehler. Denn erfolgreiche Hotelgruppen entstehen nicht allein durch gute Immobilien. Sie entstehen durch Führung, Kultur und operative Exzellenz. Wer lediglich die attraktivsten Häuser herauslöst und neu verteilt, riskiert den Verlust jener Faktoren, die überhaupt erst zum Erfolg geführt haben. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Beteiligten diesen Unterschied verstehen.

Revo-Gründer und CEO Ruslan Husry.

Das eigentliche Scheitern begann in Berlin

So wichtig die Diskussion über die Schweiz ist, so notwendig bleibt die Analyse der Ursachen. Denn die Insolvenz entstand nicht in Basel, Bern oder Davos. Sie entstand in Berlin. Revo-Gründer Ruslan Husry verfolgte eine Vision. Er wollte einen der grössten Hotelbetreiber Europas schaffen. Die Geschwindigkeit dieser Expansion war beeindruckend. Innerhalb kurzer Zeit entstand ein Portfolio mit über 250 Hotels, zahlreichen Marken und einer Präsenz in mehreren Ländern.

Doch irgendwann stellt sich jede Branche dieselbe Frage: Wächst hier ein Unternehmen oder wächst lediglich die Komplexität? Im Fall von Revo scheint die Antwort inzwischen offensichtlich. Die Expansion verlief schneller als die Integration. Neue Hotels wurden übernommen, neue Marken kamen hinzu und neue Strukturen entstanden. Gleichzeitig wurde die Organisation immer schwerer steuerbar. Insider berichten von Doppelspurigkeiten, parallelen Verantwortlichkeiten und einer zunehmenden Distanz zwischen Zentrale und operativem Geschäft. Irgendwann beschäftigte sich die Organisation offenbar stärker mit sich selbst als mit ihren Gästen. Für Dienstleistungsunternehmen ist dies fast immer ein Warnsignal.

Hotel Seehof Davos.

Die Rolle der Berater

Besonders bemerkenswert sind die Aussagen, die man derzeit hinter den Kulissen hört. Immer wieder fällt ein Begriff: Berater. Finanzberater. Unternehmensberater. Strategieberater. Analysten.
Niemand wird bestreiten, dass externe Expertise hilfreich sein kann. Doch Hotellerie ist kein Finanzprodukt. Hotels lassen sich nicht beliebig skalieren wie Softwareunternehmen oder Investmentplattformen. Sie bestehen aus Menschen, Prozessen, Servicequalität und Führung.

Deshalb hört man inzwischen von Brancheninsidern einen Satz: Nicht Ruslan Husry allein habe Revo in die Krise geführt. Vielmehr hätten zahlreiche Berater ihn in einem Expansionskurs bestärkt, dessen Risiken unterschätzt wurden. Ob diese Einschätzung vollständig zutrifft, lässt sich schwer beurteilen. Sie zeigt jedoch, wie kritisch die Branche den Einfluss externer Strategen inzwischen bewertet.

Grand Hotel Belvedere Davos.

Die Lehre aus dem Fall Revo

Die wichtigste Lehre dieser Insolvenz lautet möglicherweise, dass Hotellerie Geduld verlangt. Die erfolgreichsten Hotelunternehmen Europas entstanden nicht über Nacht. Motel One, Scandic, Accor oder CitizenM wurden über viele Jahre aufgebaut. Sie entwickelten Prozesse, Unternehmenskulturen und Markenidentitäten.
Revo wollte vieles gleichzeitig erreichen: Wachstum, Grösse, Marktanteile und internationale Präsenz. Vielleicht war genau dies das Problem. Denn Hotellerie belohnt selten Geschwindigkeit allein. Sie belohnt Konsequenz, Qualität und operative Exzellenz.

Mövenpick Hotel Egerkingen.

Warum die nächsten Wochen entscheidend werden

Die Zukunft der Schweizer Revo-Hotels dürfte sich in den kommenden fünf bis sechs Wochen entscheiden. Hinter verschlossenen Türen laufen Gespräche mit Betreibern, Eigentümern und Investoren. Portfolioanalysen werden erstellt, Szenarien gerechnet und Strategien diskutiert.
Doch bei aller Finanzlogik sollte man eines nicht vergessen: Hotels sind keine Excel-Tabellen. Sie sind Arbeitsplätze, Begegnungsorte und Marken. Sie funktionieren nur dann erfolgreich, wenn Menschen sie erfolgreich führen. Genau deshalb sollte die bisherige operative Kompetenz nicht leichtfertig geopfert werden.

Reto Kocher (Archivbild 2017)

Die Zerschlagung von Revo markiert das Ende einer ambitionierten europäischen Wachstumsstory. Für Deutschland bedeutet sie das Ende eines grossen Betreiberkonzepts. Für die Schweiz beginnt jetzt eine entscheidende Phase. Die 14 Schweizer Hotels waren nie das Problem. Im Gegenteil: Sie gehörten zu den stabilsten und erfolgreichsten Teilen des Portfolios. Wer immer künftig die Verantwortung übernimmt, sollte diesen Umstand nicht vergessen.

Aus Sicht dieses Kommentators wäre die beste Lösung klar. Die erfolgreiche Schweizer Plattform sollte möglichst geschlossen weitergeführt werden. Und die Menschen, die diesen Erfolg ermöglicht haben, sollten weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Reto Kocher gehört zweifellos dazu.
Nochmals: Die Schweiz war nie das Problem von Revo. Vielleicht ist sie heute sogar der wertvollste Teil der Lösung.

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