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Interview mit Kempinski-Chefin Barbara Muckermann: Zwischen Tradition, Besitz und globalen Krisen

Die traditionsreiche Hotelgruppe Kempinski steht vor einem strategischen Wendepunkt. Wie CEO Barbara Muckermann in einem Interview mit dem Handelsblatt erklärt, setzt das Unternehmen jetzt verstärkt auf Eigentum, Markenstärke und langfristige Perspektiven – und navigiert gleichzeitig durch geopolitische Unsicherheiten wie den Iran-Krieg. Der Kurs ist klar: weniger Austauschbarkeit, mehr Substanz und ein neues Verständnis von Luxus. Hotel Inside fasst das Interview zusammen:

Kempinski Hotel Adlon Berlin. Hier fand das Handelsblatt-Interview mit Barbara Muckermann statt.

Wie Barbara Muckermann gegenüber dem Handelsblatt erklärte, verfolgt Kempinski seit 2024 einen klaren Strategiewechsel: weg vom klassischen Asset-light-Modell hin zu mehr Immobilienbesitz. Dieser Schritt markiert eine Zäsur – erstmals seit 1970 hat die Gruppe wieder ein Hotel gekauft. Mit der Übernahme des „Augustine“ in Prag setzt Kempinski bewusst auf langfristige Investitionen. „Man kauft oder übernimmt ein Hotel für eine Perspektive von 20, 30 Jahren, nicht von fünf“, sagte Muckermann dem Handelsblatt. Kurzfristige Spekulationen seien im Hotelgeschäft nicht zielführend.

Krise als Realität: Der Irankrieg und seine Folgen

Das Interview mit dem Handelsblatt fand im Rahmen des IHIF 2026 in Berlin statt – überschattet vom Iran-Krieg. Wie Muckermann zum Handelsblatt sagte, herrsche eine spürbare Nervosität im Markt: Banken, Fonds und Investoren beobachteten die Lage genau. Kempinski sei besonders betroffen: Acht Hotels befinden sich in der Golfregion. Die Auslastung in den Vereinigten Arabischen Emiraten sei derzeit sehr niedrig. „Ein Hotel mit einer Belegung von 20 Prozent ist kein Hotel“, so Muckermann zum Handelsblatt.

Kempinski Hotel Vier Jahreszeiten München.

Trotz Krise: Optimismus für die Golfregion

Trotz der aktuellen Unsicherheiten bleibt Muckermann optimistisch. Wie sie im Interview betonte, sei ein Reopening im Herbst durchaus möglich. Die Region zwischen Saudi-Arabien, den Emiraten und Oman habe weiterhin enormes touristisches Potenzial. „Wir sind sehr bullish, was die Region als Reiseziel betrifft“.

Kempinski Hotel in Engelberg (Schweiz).

Marke oder nur Logo? Die Frage der Differenzierung

Ein zentrales Thema ist die Positionierung der Marke. Wie Muckermann im Handelsblatt-Interview erklärte, habe sie in den letzten Jahren über 40 neue Luxusmarken beobachtet. „Wir müssen uns fragen: Sind das Marken oder sind das Logos?“ Gäste seien heute anspruchsvoll und erwarteten mehr als nur einen neuen Namen auf der Hotelfassade.

Luxus neu gedacht: Das „Good Life“-Prinzip

Für Barbara Muckermann bedeutet Luxus mehr als klassische Fünf-Sterne-Standards. Wie sie dem Handelsblatt sagte, sei Luxus der Preis, den Gäste bereit seien, über die reine Übernachtung hinaus zu zahlen – für ein Erlebnis, das sie als „Good Life“ beschreibt. Entscheidend seien Details aus Gästesicht: etwa die Position von Lichtschaltern oder die Funktionalität eines Zimmers. „Wurde das Zimmer gedacht oder nur gemacht?“

Kempinski Hotel Palace Portoroz, Slowenien.

Tradition als Differenzierungsfaktor

Kempinski setzt bewusst auf seine lange Geschichte. Wie Muckermann gegenüber dem Handelsblatt betonte, lasse sich Tradition nicht künstlich erzeugen. Sie sei ein gewachsener Wettbewerbsvorteil. Diese Wurzeln reichen zurück bis zur Weinstube von Berthold Kempinski im Jahr 1872 in Berlin.

Wachstum mit Lücken

Trotz globaler Präsenz sieht Muckermann klare Wachstumspotenziale. Wie sie im Interview sagte, fehlen wichtige Destinationen wie London, Paris, Rom oder Zürich. Gleichzeitig betont sie, dass Expansion nicht um jeden Preis erfolgen soll. Entscheidend sei, dass jedes Haus die DNA von Kempinski trägt – von der Ausstattung über die Mitarbeiter bis zum Gesamterlebnis.

Kempinski Hotel in St. Moritz.

Führung und Detailkontrolle

Muckermann verbindet strategische Klarheit mit operativer Detailtiefe. Wie sie im Handelsblatt berichtete, überprüft sie bei Hotelbesuchen sogar die Matratzen – eine Gewohnheit aus ihrer Zeit in der Kreuzfahrtbranche. Dieses Detailbewusstsein steht sinnbildlich für ihren Führungsstil.

Das Handelsblatt-Interview zeigt: Kempinski befindet sich in einer Phase der Neupositionierung. Zwischen geopolitischen Risiken, wachsendem Wettbewerb im Luxussegment und einem klaren Strategiewechsel hin zu mehr Eigentum verfolgt Muckermann eine langfristige Vision. Ihr Ziel: eine Marke, die nicht nur besteht, sondern relevant bleibt – durch Substanz, Differenzierung und ein klares Verständnis dessen, was Gäste heute unter Luxus verstehen.

Quelle: Handelsblatt, 1. April 2026. Autor: Thorsten Firlus

Kempinski Hotel & Resort Muscat.

Hotel Inside-Kommentar: Strategiewechsel oder strategisches Risiko?

Barbara Muckermann sorgt für Aufmerksamkeit – und für Fragezeichen. Die Kempinski-Chefin stellt ein Prinzip infrage, das die globale Hotellerie seit Jahren prägt: Asset-light. Während Marriott, Hilton oder Accor konsequent auf Management- und Franchise-Modelle setzen, denkt Kempinski plötzlich in die andere Richtung – mehr Eigentum, mehr Kapitalbindung. Das ist mutig. Aber ist es auch strategisch überzeugend?

Ein Bruch mit der Logik der Branche

Die grossen internationalen Hotelkonzerne haben ihre Strategie längst klar definiert: Asset-light ist das dominante Modell. Marriott, Hilton, IHG, Accor und Hyatt haben in den vergangenen Jahren systematisch ihre Immobilien verkauft oder in Fonds ausgelagert. Das Prinzip dahinter ist einfach – und ökonomisch überzeugend: geringere Kapitalbindung, höhere Skalierbarkeit, weniger Risiko und stabilere Margen. Hotelunternehmen verstehen sich heute primär als Betreiber, Marken- und Distributionsplattformen – nicht als Eigentümer von Immobilien.

Kempinski wählt den Gegenkurs

Vor diesem Hintergrund wirkt der Kurs von Kempinski umso überraschender. Barbara Muckermann spricht in der Tat davon, stärker auf Immobilienbesitz zu setzen – ein Asset-heavy-Ansatz, der in der Branche fast schon als überholt galt. Die Idee dahinter: mehr Kontrolle, stärkere Markenidentität, bessere Umsetzung der eigenen Qualitätsansprüche. Doch genau hier beginnt die Unsicherheit. Denn der Markt hat sich in eine andere Richtung entwickelt – und Kempinski stellt sich bewusst dagegen.

Viele offene Fragen zur Positionierung

Was bislang fehlt, ist eine klare Antwort auf die zentrale Frage: Wohin will Kempinski eigentlich? Wie unterscheidet sich die Gruppe künftig von etablierten Luxusmarken wie Four Seasons, Mandarin Oriental, Peninsula oder Rosewood? Welche geografischen Schwerpunkte werden gesetzt – jenseits der oft genannten Golfregion? Asien, Amerika, Australien? Die Strategie bleibt in vielen Punkten vage.

Luxus neu denken – aber wie genau?

Während Wettbewerber konsequent auf integrierte Luxuskonzepte setzen – etwa mit Resorts, Branded Residences oder Luxusjachten – ist unklar, welche Rolle diese Segmente bei Kempinski spielen sollen. Die Luxus-Branche entwickelt sich weiter in Richtung ganzheitlicher Erlebniswelten. Ob Kempinski hier mithalten oder eigene Akzente setzen kann, ist derzeit nicht erkennbar.

Kommunikation als strategische Schwäche

Auffällig ist zudem die geringe Sichtbarkeit der Marke. Im Vergleich zu ihren Wettbewerbern ist es um Kempinski zuletzt erstaunlich ruhig geworden. Wer jedoch wieder in der internationalen Champions League der Luxushotellerie mitspielen will, muss nicht nur eine klare Strategie haben, sondern diese auch offensiv kommunizieren.

Ja, Kempinski steht an einem strategischen Scheideweg. Der Schritt hin zu mehr Immobilienbesitz mag aus Markensicht nachvollziehbar sein – er widerspricht jedoch der dominanten Logik der Branche. Ob daraus ein Wettbewerbsvorteil entsteht oder ein strukturelles Risiko, hängt davon ab, ob es gelingt, diese Strategie mit klarer Positionierung, globalem Fokus und überzeugender Kommunikation zu unterlegen. Derzeit bleibt vor allem eines: viele offene Fragen.

Hans R. Amrein

Wer ist Barbara Muckermann?

Die gebürtige Deutsche, die in Italien, Frankreich und den USA gelebt hat, spricht fünf Sprachen fließend und hat einen Doktortitel in Politik- und Wirtschaftswissenschaften sowie einen übergreifenden MBA-Abschluss der Columbia University und der London Business School. Während ihrer mehr als 25-jährigen Karriere im Tourismus hat sie unter anderem für führende globale Luxus- und Reisemarken wie «Loro Piana», «MSC Cruises» und NCL gearbeitet.

«Ich freue mich, in einer so entscheidenden Zeit für Kempinski Hotels als CEO zu arbeiten und eine wesentliche Rolle im nächsten Kapitel dieser unglaublich ikonischen Marke zu spielen», so Barbara Muckermann. «Gemeinsam mit großartigen Kollegen auf der ganzen Welt werden wir dafür sorgen, dass der Name Kempinski weiterhin als Synonym für individuellen Luxus steht.»

Kempinski auf Expansionskurs

Kempinski beabsichtigt, sein Portfolio in den kommenden Jahren um weitere 34 Hotels und Residenzen in Europa, dem Nahen Osten, Asien und Afrika zu erweitern. Aktuell betreibt die Luxushotelgruppe rund 80 Hotels in 36 Ländern, darunter zwei Hotels in der Schweiz (St. Moritz und Engelberg).

«Barbara war schon immer eine Vorreiterin in Sachen Luxus, und ihre nachweisbaren Erfolge, das Gästeerlebnis zu verbessern und gleichzeitig die Rentabilität für führende Reisemarken zu maximieren, macht sie zur idealen Wahl für die Leitung von Kempinski Hotels», so René Nijhof, Chairman of the Board of Directors Kempinski Hotels S.A. «Ihr dynamischer, zukunftsorientierter Ansatz wird von entscheidender Bedeutung sein, wenn wir eine neue Ära des Luxus für unsere Marke einläuten.»

Über Kempinski Hotels

Kempinski Hotels wurde 1897 in Deutschland gegründet. Die Gruppe betreibt derzeit rund 80 Hotels und Residenzen der Kategorie 5-Sterne in 36 Ländern. Weitere 34 Hotels in Europa, im Mittleren Osten, Afrika, Asien und Amerika sollen künftig dazukommen. Darüber hinaus ist Kempinski Gründungsmitglied der Global Hotel Alliance (GHA), des weltweit größten Netzwerks unabhängiger Hotelmarken. René Nijhof ist seit März 2023 Verwaltungsratsvorsitzender von Kempinski S.A. mit Sitz in Bahrain. Die Scheichs von Bahrain sind Shareholder, nachdem das thailändische Königshaus ausgestiegen ist.

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