Nach der Übernahme der deutschen Lean Luxury-Marke Ruby Hotels mit zurzeit mehr als 20 Häusern in Europa will Intercontinental Hotels & Resorts (IHG) mit dem Label weltweit expandieren. Die britische Hotelkette hat in der Tat große Pläne, über die IHG-Nordeuropachef Mario Maxeiner mit Rolf Westermann in Berlin sprach. Weitere Themen: Welche Perspektiven sieht IHG angesichts der globalen Krisen für das Reisen insgesamt und welche Pläne hat der Konzern mit der Marke Nummer 21 „Noted Collection“?

Mario Maxeiner, IHG hat bisher stark von der weltweiten Reisedynamik profitiert. Muss das Jahr 2026 nun wegen des Nahost-Kriegs neu berechnet werden?
Die Hotellerie hat sich in der Vergangenheit als sehr resilient erwiesen. Natürlich beobachten wir geopolitische Entwicklungen genau, passen unsere langfristigen Strategien jedoch nicht kurzfristig an einzelne Ereignisse an. In der Regel verschieben sich Reiseziele oder Reisegewohnheiten, anstatt dass die Nachfrage insgesamt einbricht.
Welche Auswirkungen sehen Sie konkret?
Wir beobachten derzeit vor allem regionale Verschiebungen in der Nachfrage. Einige Fernreisedestinationen zeigen kurzfristig weniger Buchungen, während andere Märkte stabil bleiben oder sogar profitieren. Insgesamt bleibt die Reisetätigkeit jedoch robust.

Erwarten Sie eine Stärkung der Destinationen in Europa? Gibt es schon konkrete Steigerungen?
Europa profitiert in unsicheren Zeiten oft als sichere und gut erreichbare Destination. Dies spiegelt sich in stabiler Nachfrage wider. In vielen Märkten sehen wir bereits positive Entwicklungen, die auf eine nachhaltige Belebung hinweisen.
Nach Ruby hat IHG nun seine 21. Marke eingeführt: Die „Noted Collection“, eine neue Collection-Marke. Was ist der Unterschied zu Vignette?
Die Vignette Collection ist im oberen Upscale- und Luxussegment positioniert und legt einen starken Fokus auf individuell geprägte Häuser. Die Noted Collection richtet sich dagegen an Upscale-Stadt- und Resort-Hotels, die bereits über eine eigene Identität und Marktposition verfügen, aber von einer internationalen Plattform in Vertrieb, Distribution und Umsatz profitieren möchten. Sie ist unsere Antwort auf den Conversion-Markt in diesem Segment. Heute entstehen 80 bis 90 Prozent der Neueröffnungen über Umwandlungen und nicht über Neubauten. Dafür braucht es flexible Markenmodelle wie Noted.

Ich habe den Eindruck, dass die großen Hotelkonzerne mit ihren Collection-Marken wie Unbound by Hyatt, Tribute oder Autograph von Marriott sowie Handwritten von Accor ein neues Zeitalter eingeläutet haben. Ist das ein erfolgreicher Weg, eine große Zahl bisher privat geführter Hotels zu integrieren, die sonst unabhängig bleiben würden?
Ja, Collection-Marken sind ein sehr erfolgreiches Modell, um unabhängige Hotels in ein globales Netzwerk zu integrieren. Viele Eigentümer möchten ihre individuelle Identität bewahren, gleichzeitig aber von weltweiten Vertriebs-, Loyalty- und Technologie-Plattformen profitieren. Collection-Marken bieten genau diese Balance.

Wie läuft die Integration von Ruby? Die Marke gehört schon seit einem Jahr zu IHG, kann aber immer noch nicht über das System gebucht werden. Woran liegt es?
Ruby ist eine digital sehr fortschrittliche Marke mit eigener Technologieinfrastruktur. Die Integration in unsere Systeme erfordert daher eine sorgfältige technische Abstimmung. Wir arbeiten Schritt für Schritt daran, alle Häuser vollständig in unsere Plattformen einzubinden, um den vollen Mehrwert unserer Vertriebs- und Loyalty-Systeme zu realisieren.

Welche Pläne verfolgen Sie mit Ruby?
Wir sehen für Ruby ein erhebliches internationales Wachstumspotenzial, insbesondere in wichtigen urbanen Märkten in Europa, Nordamerika und Asien. Das Lean-Luxury-Konzept trifft den Geschmack moderner Reisender sehr gut und ergänzt unser vielfältiges Portfolio strategisch. Wir haben das Ziel, die Marke in den nächsten zehn Jahren auf mehr als 120 Hotels weltweit und in den nächsten 20 Jahren auf mehr als 250 Hotels auszubauen. Wir erwarten ein weiterhin beschleunigtes globales Wachstum im Segment der „Urban Micro“-Hotels. Es dürfte das Interesse von Eigentümern und Reisenden an Ruby noch weiter steigern.

Wie weit ist die Kooperation mit ihrem weltweit größten Franchisenehmer, Novum Hospitality, vorangekommen?
Unsere Partnerschaft mit Novum ist ein zentraler Baustein unserer strategischen Expansion in Deutschland. Die Integration ihrer Hotels in unsere Markenfamilie verläuft planmäßig und ist ein wichtiger Impulsgeber für das weitere Wachstum unseres Portfolios in der Region. Mehr als 100 Hotels in das IHG-System zu integrieren, ist in unserer Branche nichts Alltägliches – umso erfreulicher ist es, dass diese ambitionierte Integration so reibungslos voranschreitet. Ein wesentlicher Teil dieses Erfolgs liegt darin, dass IHG der exklusive Partner von Novum ist. Das bedeutet, dass die Novum-Hotels ihre internen Prozesse gezielt auf die Abläufe von IHG ausrichten können.

Europa gilt ja oft als das wirtschaftliche Sorgenkind. Nach dem Jahresbericht von IHG für 2025 legt die Region Europa, Afrika, Naher Osten und Asien beim RevPar deutlich um 4,6 Prozent zu, während Greater China -1,6 Prozent einbüßt. Trifft die positive Entwicklung auch auf ihre Region Nordeuropa mit 15 Ländern zu?
In Nordeuropa sehen wir insgesamt eine stabile Entwicklung, auch wenn die Performance je nach Markt unterschiedlich ausfällt. Insgesamt profitieren wir von einer robusten Nachfrage und der Stärke eines diversifizierten Markenportfolios, das ein breites Spektrum an Zielgruppen anspricht. Besonders erfreulich ist unsere Entwicklungspipeline mit 102 Hotels in Nordeuropa, davon mehr als 50 in Deutschland. Trotz des makroökonomischen Drucks bleibt der Markt resilient. Das liegt auch an der starken Conversion-Ausrichtung im Markt: Umnutzungsprojekte bieten Eigentümern eine attraktive Rendite und ermöglichen durch die schnellere Inbetriebnahme eine Reduzierung der Vorlaufkosten. Global entfielen 2025 rund 52 Prozent aller Eröffnungen und 40 Prozent aller Vertragsunterzeichnungen auf Conversions. In Europa lag dieser Anteil im vierten Quartal 2025 bei rund 85 Prozent der Eröffnungen und 48 Prozent der Vertragsunterzeichnungen, einschließlich Novum und Ruby. Über das Gesamtjahr 2025 lagen die Werte bei 84 Prozent bei den Eröffnungen und 61 Prozent bei den Vertragsunterzeichnungen.

Besonders erfolgreich laufen die Premium-Marken. Sie machen 15 Prozent des IHG-Bestandes aus und 22 Prozent der Pipeline. Welches Verhältnis peilen Sie in ihrer Region an?
Premium- und Luxussegmente gewinnen strategisch weiter an Bedeutung. Gleichzeitig ist es für uns wichtig, ein ausgewogenes Portfolio zu halten. Midscale- und Upper-Midscale-Marken bleiben ein wesentlicher Bestandteil unseres Geschäfts und sichern die Breite unseres Angebots.
Es gibt nur noch ein Interconti in Deutschland, nämlich hier in Berlin. Wann steht wieder eine Neueröffnung auf dem Plan? Das frühere InterConti in Frankfurt wird ja wohl bis 2028 zu einer anderen Marke wechseln.
Deutschland bleibt ein wichtiger Markt für unsere Luxusmarken. Wir prüfen kontinuierlich Möglichkeiten für neue InterContinental-Hotels, können zu konkreten Projekten aktuell aber noch keine Details nennen.

Wie läuft das vor einem Jahr eröffnete Kimpton in Frankfurt?
Das erste Jahr für das „Kimpton Main Frankfurt“ ist sehr positiv verlaufen. Als erstes Kimpton-Hotel in Deutschland hat es sich schnell im Markt etabliert und profitiert von seiner starken Innenstadtlage im FOUR Frankfurt-Projekt sowie von einer klaren Lifestyle-Positionierung, die sowohl bei internationalen Reisenden als auch bei Einheimischen gut ankommt. Wir haben viel positives Gästefeedback und ein starkes Interesse an den Food-&-Beverage-Angeboten verzeichnet, die ein zentraler Bestandteil des Kimpton-Erlebnisses sind. Das hat uns großes Vertrauen in das Potenzial der Marke in Deutschland und in ganz Europa gegeben.

Ist ein Six Senses in Deutschland denkbar? Und wie läuft das neue Luxushotel in Crans Montana in der Schweiz?
Wir schließen grundsätzlich keinen Markt für Six Senses aus, prüfen aber sehr genau, ob Standort und Konzept zur Marke passen. Das Six Senses in Crans-Montana entwickelt sich planmäßig und zeigt, dass die Nachfrage nach hochwertigen, nachhaltigen Luxuskonzepten weiter steigt.

IHG Hotels & Resorts
Die Hotelgruppe wurde 1946 als Tochter von PanAm gegründet und ist heutzutage ein britisches Unternehmen. Es verfügt über 21 Marken (Holiday Inn, Ruby, Regent, Crowne Plaza, InterContinental Hotels & Resorts, Six Senses, Iberostar) mit mehr als einer Million Zimmern in rund 6700 Hotels. Im vergangenen Jahr wurden 443 Hotels neu eröffnet, die Pipeline ist mit knapp 700 Hotels gut gefüllt. Der Umsatz lag 2025 bei zirka 5,2 Mrd. US-Dollar (rund 4,1 Mrd. Schweizer Franken), ein Plus von 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) wuchs um 15 Prozent auf rund 1,3 Mrd. Dollar. IHG betreibt derzeit 220 Hotels in Deutschland (190), Österreich (14) und der Schweiz (16). Darüber hinaus befinden sich weitere 59 Hotels in diesen drei Märkten in der Entwicklungspipeline. Elie Maalouf hat die Position desChief Executive Officer im Juli 2023 übernommen.
Mario Maxeiner ist seit 2018 Managing Director für die Region Northern Europe und verantwortet damit die Hotels in 15 Ländern der Region.
