Die Nachfrage in Zürichs Tourismuswirtschaft hat sich gegenüber dem ersten Quartal 2026 leicht erholt, von Entwarnung kann jedoch keine Rede sein. 44 Prozent der von «Zürich Tourismus» befragten Mitglieder und Partnerbetriebe melden weiterhin Rückgänge; besonders betroffen sind Beherbergung, Gastronomie und Freizeitangebote. Brisant ist weniger die Zahl der Annulationen als der Wandel im Verhalten: Gäste buchen später und konsumieren zurückhaltender. Die Halbjahreszahlen bestätigen dieses Bild. Stabile Schweizer und europäische Märkte stützen die Logiernächte, während ausgabenstarke Fernmärkte fehlen. Hotel Inside hat die Befragung von «Zürich Tourismus» analysiert.

Die zweite Mitgliederbefragung von Zürich Tourismus zeigt eine Branche, die sich an Unsicherheit gewöhnt hat, ohne sie überwunden zu haben. 44 Prozent der 182 teilnehmenden Betriebe verzeichneten in den vier bis sechs Wochen vor der Befragung einen Nachfragerückgang gegenüber dem Vorjahr. Im ersten Quartal waren es noch 54 Prozent. Gleichzeitig melden 45 Prozent eine stabile und 10 Prozent eine steigende Nachfrage. Auch der Ausblick hellt sich auf: Für die kommenden drei Monate erwarten 50 Prozent Stabilität und 40 Prozent einen Rückgang; in der ersten Befragung hatten noch 53 Prozent mit einer Abnahme gerechnet.
Das ist eine klare Verbesserung, aber noch keine Rückkehr zur Normalität. 41 Prozent beurteilen die Auswirkungen der geopolitischen Lage als etwa gleich stark wie im ersten Quartal; die Anteile jener, die eine stärkere oder eine schwächere Belastung sehen, halten sich mit 26 beziehungsweise 25 Prozent nahezu die Waage. Das Gesamtbild ist deshalb nicht das einer akuten Schockwelle, sondern eines anhaltenden Belastungszustands mit etwas geringerer Intensität.
Die Umfrage ist dabei als Stimmungsbild zu lesen, nicht als vollständige Abrechnung der Branche. Von 845 angeschriebenen Mitgliedern und Partnerbetrieben antworteten 182, was einem Rücklauf von 21,5 Prozent entspricht. Rund ein Drittel der Antworten stammt aus der Beherbergung, ein Viertel aus der Gastronomie. Die Resultate zeigen somit belastbar, wo der Druck wahrgenommen wird; sie erlauben aber keine millimetergenaue Hochrechnung auf jeden Betrieb und jede Teilbranche.

Das grössere Risiko liegt im Ertrag
Die wichtigste Verschiebung gegenüber der ersten Befragung betrifft nicht die Menge der Reisen, sondern deren wirtschaftlichen Wert. Zwar beobachten weiterhin 54 Prozent kurzfristigere Buchungen und Entscheide. Die Unsicherheit und Zögerlichkeit der Gäste wird mit 44 Prozent aber seltener genannt als im ersten Quartal, und der Anteil der Betriebe mit mehr Annulationen sank deutlich von 39 auf 23 Prozent. Reisen werden also weniger häufig komplett abgesagt.
Gleichzeitig berichten 46 Prozent von tieferen Ausgaben – zehn Prozentpunkte mehr als in der ersten Befragung. Besonders spürbar ist dies im Detailhandel, in der Kongress- und Eventinfrastruktur sowie in der Gastronomie. Darin liegt die eigentliche Warnung der Umfrage: Nachfrage kann statistisch stabil wirken und dennoch weniger Wertschöpfung erzeugen. Ein Hotelzimmer, ein Restaurantbesuch oder ein Freizeiterlebnis findet statt, wird aber später gebucht, preissensibler gewählt und mit weniger Zusatzkonsum verbunden.
Für die Betriebe bedeutet dies, dass Auslastung allein als Steuerungsgrösse zu kurz greift. Entscheidend sind auch Durchschnittsertrag, Zusatzumsätze und der Buchungsvorlauf. Wer nur auf Volumen reagiert und mit pauschalen Rabatten arbeitet, riskiert, den bereits vorhandenen Ertragsdruck zu verstärken. Gefragt sind flexible Angebote und Konditionen, ohne die eigene Preisposition vorschnell aufzugeben.

Der Gästemix verschiebt sich Richtung Nähe
Am deutlichsten ist die Belastung bei den Fernmärkten. In der Befragung melden 58 Prozent eine sinkende Nachfrage aus dem Nahen Osten und 55 Prozent aus Asien und Australien. Dagegen wird die Nachfrage der lokalen Bevölkerung und der Gäste aus der übrigen Schweiz von jeweils rund sechs von zehn Betrieben als stabil eingeschätzt. Auch Europa wirkt als Stütze; für Nordamerika ist das Bild zwar heterogener, aber deutlich robuster als bei den übrigen Fernmärkten.
Die offiziellen Halbjahreszahlen 2026 bestätigen diese Wahrnehmung. Die Tourismusregion Zürich verbuchte von Januar bis Juni 1,4 Prozent weniger Logiernächte als im Vorjahr. Nach Zuwächsen im Januar und Februar folgten ab März vier rückläufige Monate. Besonders stark sanken die Logiernächte aus Indien (-27,9 Prozent), Südostasien (-25,8 Prozent) und den Golfstaaten (-14,1 Prozent). Nordamerika legte hingegen leicht um 0,8 Prozent zu. Der Schweizer Heimmarkt wuchs um 1,1 Prozent und erreichte erstmals einen Anteil von 40,4 Prozent; die europäischen Nahmärkte gewannen insgesamt 1,3 Prozent.
Damit zeigt sich die Stärke eines breit diversifizierten Gästemixes: Die Nähe federt den Volumenrückgang ab. Sie ersetzt jedoch die Fernmärkte nicht vollständig. Gäste aus den Golfstaaten, Greater China und Südostasien zählen laut Zürich Tourismus zu den ausgabenstärksten Herkunftsmärkten. Zürichs Tourismus ist deshalb bei den Logiernächten vergleichsweise resilient, bei der Wertschöpfung aber verletzlicher, als die moderate Gesamtbilanz von minus 1,4 Prozent vermuten lässt.

Was Hoteliers daraus ableiten sollten
Für die Hotellerie ist die Kombination aus späteren Buchungen und verschobenem Gästemix besonders relevant. In der Befragung berichten 55 Prozent der Beherbergungsbetriebe von einer gesunkenen Nachfrage. Die Planungssicherheit bleibt gering, während die stabilisierenden Gäste aus der Schweiz und Europa häufig kurzfristiger entscheiden. Revenue Management muss deshalb enger am aktuellen Buchungstempo arbeiten und Szenarien für Personal, Einkauf und Zimmerverfügbarkeit laufend anpassen.
Gleichzeitig spricht vieles dafür, den Heimmarkt und die europäischen Nahmärkte noch gezielter zu bearbeiten: mit klaren Wochenend- und Kurzaufenthaltsangeboten, guten Direktbuchungsmöglichkeiten und Kooperationen, die einen Aufenthalt in Zürich als Gesamtpaket attraktiver machen. Entscheidend ist, nicht nur das Zimmer zu verkaufen. Gastronomie, Kultur, Shopping und Freizeitangebote können über gemeinsame Arrangements zusätzliche Ausgaben auslösen und den Rückgang ausgabenstarker Fernreisender zumindest teilweise kompensieren.

Chancen für Gastronomie, Freizeit und Detailhandel
Die Resultate zeigen zugleich, dass die Folgen weit über die Hotellerie hinausreichen. 44 Prozent der Gastronomiebetriebe, 53 Prozent der Anbieter von Freizeitaktivitäten und 52 Prozent der Detailhändler melden Nachfragerückgänge. Gerade diese Branchen spüren unmittelbar, wenn Gäste zwar nach Zürich kommen, vor Ort aber selektiver konsumieren.
Für Tourismusanbieter wird deshalb die kurzfristige Sichtbarkeit wichtiger: Angebote müssen mobil auffindbar, einfach buchbar und auch wenige Stunden vor dem Besuch verständlich sein. Ebenso zentral ist die lokale Bevölkerung, deren Nachfrage mehrheitlich stabil bleibt. Produkte, die sowohl für Einheimische als auch für Gäste funktionieren, verbreitern die Basis. Kooperationen zwischen Hotels, Restaurants, Museen, Veranstaltern und Handel helfen dabei, aus einzelnen Kontakten mehr Wertschöpfung in der Destination zu halten, ohne in einen reinen Preiswettbewerb zu geraten.

Die zweite Jahreshälfte bleibt der Härtetest
Die Umfrage enthält vorsichtige Zuversicht: Die Erwartungen sind weniger pessimistisch, Annulationen gehen zurück, und die Nahmärkte tragen. Gleichzeitig bleibt die Lage fragil. Vier von zehn Betrieben rechnen weiterhin mit einer schwächeren Nachfrage, fast die Hälfte beobachtet tiefere Ausgaben, und die ausgabenstarken Fernmärkte sind noch nicht zurück.
Juli und August gehören zu den logiernächtestärksten Monaten des Jahres. Sie werden zeigen, ob die Stabilisierung ausreicht, um die Lücke aus dem Frühjahr zu verkleinern. Für Zürichs Tourismusbetriebe lautet die zentrale Erkenntnis deshalb: Nähe und Diversifikation sichern das Volumen; Flexibilität, Kooperation und konsequentes Ertragsmanagement müssen nun die Wertschöpfung sichern.
Quellen: Zürich Tourismus, zweite Mitgliederbefragung zu den Auswirkungen geopolitischer Unsicherheiten (8.-15. Juli 2026, n=182) sowie Halbjahresbilanz der Tourismusregion Zürich vom 4. August 2026.
zur Übersicht