Management

Hotel Inside-Serie (Teil 2): Von RevPAR-Illusionen und sinkenden Margen. Oder warum der Gewinn kein Zufall ist

Hotelmanager sprechen gerne über RevPAR. Über Auslastung. Über ADR-Rekorde. Doch immer seltener sprechen sie über das, was am Ende wirklich zählt: Gewinn. Neue internationale Daten zeigen, dass der Abstand zwischen Umsatzwachstum und tatsächlicher Profitabilität dramatisch wächst. Besonders im DACH-Raum – und noch ausgeprägter in der Schweiz – ist diese Entwicklung brisant. Hoteliers, die nicht umdenken und handeln, riskieren trotz voller Häuser wirtschaftlich auszubluten, schreibt Hotel Inside-Chefredaktor Hans R. Amrein in einem Essay.

Global ist der RevPAR seit 2019 um 19 Prozent gestiegen. Gleichzeitig sind die Buchungskosten pro verfügbares Zimmer um 25 Prozent gestiegen. Diese Diskrepanz ist mehr als eine statistische Fußnote – sie ist so etwas wie ein Warnsignal. In vielen Management-Meetings dominieren weiterhin Umsatzkennzahlen. Doch wenn Kosten schneller wachsen als Erlöse, entsteht eine stille Margenkrise.

Im DACH-Raum verschärft sich diese Problematik zusätzlich durch strukturell hohe Lohnkosten, steigende Energiepreise und eine ausgeprägte Qualitätsorientierung. Gerade in der Schweiz, wo Personalkosten traditionell einen überdurchschnittlich hohen Anteil an den Betriebskosten ausmachen, wirkt jeder Prozentpunkt zusätzlicher Belastung überproportional. Volle Wintersaisons in alpinen Destinationen oder starke Städtereisen nach Zürich oder Wien dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass Flow-Through-Raten massiv unter Druck stehen.

Flow-Through am Limit: Warum mehr Umsatz nicht mehr Gewinn bedeutet

Historisch lagen Flow-Through-Raten bei etwa 50 Prozent. 2025 jedoch erreichten Hotels in Amerika nur noch durchschnittlich 18 Prozent, in Europa 29 Prozent. Das heißt: Von zusätzlichem Umsatz bleibt weniger als ein Drittel als operativer Gewinn übrig. Überträgt man diese Logik auf hochpreisige Märkte wie die Schweiz, wird klar, wie schnell ein vermeintlich starkes Geschäftsjahr an Substanz verliert.

Ich erlebe in Gesprächen mit Eigentümern und Direktoren im Alpenraum immer wieder dieselbe Situation: Die Häuser sind gut gebucht, die Raten historisch hoch – und dennoch bleibt am Ende weniger übrig als vor einigen Jahren. Distributionskosten über OTAs, steigende Lohnabschlüsse, höhere Beschaffungspreise für Lebensmittel und Energie – all das frisst den Ertrag auf.

Das strukturelle Problem: Getrennte Welten von Revenue und Profit

Ein Kernproblem liegt im technologischen und organisatorischen Silodenken. Revenue Management optimiert Preise und Nachfrage, während Controlling und Finanzabteilung zeitverzögert die Ergebniszahlen analysieren. Diese Trennung war in stabileren Zeiten tolerierbar. Heute ist sie riskant.

Internationale Daten zeigen: Hotels, die Umsatz- und Profitdaten integriert steuern, konnten 2025 ihren GOPPAR um 6,8 Prozent steigern und lagen damit 2,1 Prozentpunkte über vergleichbaren Betrieben. Nach Einführung integrierter Systeme verbesserten sich Performance-Indizes innerhalb von zwölf Monaten um durchschnittlich vier Prozentpunkte. Das sind keine kosmetischen Effekte – das sind strukturelle Verbesserungen.

Waldhaus Sils-Maria. Bild: HotelParner

Was bedeutet das konkret für die Hochkosteninsel Schweiz?

Die Schweiz ist Hochpreisinsel, Qualitätsversprechen und Kostenweltmeister zugleich. Gerade hier entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit der Branche an der Fähigkeit, Profitabilität in Echtzeit zu verstehen. Ein Luxushotel in St. Moritz oder am Vierwaldstättersee kann sich eine falsche Preisstrategie weniger leisten als ein Mittelklassehotel in einem Niedriglohnland. Jede Promotion, jede OTA-Kampagne, jede Paketierung muss nicht nur auf Nachfrage-, sondern auf Margenwirkung geprüft werden.

Auch im deutschen Markt, insbesondere in Großstädten wie München oder Hamburg, zeigt sich ein ähnliches Muster: hohe Nachfrage, steigende Kosten, sinkende Flow-Through-Raten. Österreich wiederum kämpft in Tourismusregionen mit massiven Personalkostensteigerungen und Fachkräftemangel. Das Thema Profitabilität ist also kein US-Phänomen – es ist eine gesamteuropäische Realität.

Die Branche muss erwachsen werden

Für mich steht fest: Die Hotellerie steht an einem mentalen Wendepunkt. Die Fixierung auf RevPAR war jahrzehntelang ein bequemes Narrativ. Es war einfach, Erfolg über steigende Raten zu definieren. Doch 2026 reicht das nicht mehr. Erfolg bedeutet heute, jede kommerzielle Entscheidung auf ihre Ergebniswirkung zu prüfen.

Das verlangt eine neue Kultur der Verantwortung. Revenue Manager müssen Kosten verstehen. Finanzchefs müssen Nachfrage-Dynamiken begreifen. General Manager müssen beides zusammenführen. Profitabilität darf kein Jahresabschluss-Thema sein, sondern muss täglicher Bestandteil operativer Entscheidungen werden.

Unified Commercial Strategy – mehr als ein Schlagwort

Die Zukunft gehört integrierten kommerziellen Strategien. Technologische Ansätze wie ein Revenue & Profit Operating System zeigen, dass sich Umsatz- und Profitsteuerung verbinden lassen. Doch Technologie ist nur ein Werkzeug. Entscheidend ist die strategische Haltung: Wird jede Rate, jede Kampagne, jedes Segment auch auf ihre Margenqualität hinterfragt?

Gewinn ist eine Managemententscheidung

Die Margenkrise ist kein kurzfristiger Zyklus, sondern Ausdruck struktureller Verschiebungen. Steigende Distributionskosten, hohe Löhne, volatile Nachfrage – all das bleibt. Gerade im DACH-Raum und insbesondere in der Schweiz wird sich Wettbewerbsfähigkeit künftig nicht über Umsatzrekorde definieren, sondern über disziplinierte Ergebnissteuerung.

RevPAR ist eine wichtige Kennzahl – aber sie ist nicht die Wahrheit. Die Wahrheit liegt im Flow-Through, im GOPPAR, in der Fähigkeit, aus Umsatz echten Wert zu generieren. Gewinn ist kein Zufall. Er ist das Resultat klarer Entscheidungen.

Profitabilität in Hotels: Konkrete Handlungsempfehlungen für nachhaltige Gewinne

Steigende Umsätze garantieren längst keine gesunden Gewinne mehr. Wer als Hotelier profitabel arbeiten will, muss Umsatz, Kosten und operative Prozesse integriert denken. Die folgenden Handlungsempfehlungen richten sich an Eigentümer, Direktoren und kommerzielle Verantwortliche, die ihre Margen gezielt verbessern und ihre Häuser wirtschaftlich resilient aufstellen wollen.

Margenorientierte Preisstrategie etablieren

Treffen Sie Preisentscheidungen nicht ausschließlich auf Basis von Auslastung oder RevPAR. Bewerten Sie jede Rate nach ihrer Nettomarge. Berücksichtigen Sie Distributionskosten, variable Kosten pro belegtem Zimmer sowie erwartete Nebenerlöse. Eine geringere Rate mit hoher Direktbuchungsquote kann profitabler sein als ein höherer Preis über einen provisionsintensiven Kanal.

Distributionsmix aktiv steuern

Analysieren Sie regelmäßig die tatsächlichen Kosten pro Buchungskanal. Reduzieren Sie die Abhängigkeit von teuren OTAs durch gezielte Direktbucher-Strategien: klare Vorteile auf der eigenen Website, personalisierte Angebote, Wiederbucher-Anreize und datenbasierte CRM-Kampagnen. Jeder Prozentpunkt weniger Provision wirkt direkt auf das Ergebnis.

Personalkosten produktivitätsorientiert managen

Personalkosten sind meist der größte Kostenblock. Nutzen Sie präzise Forecasts, um Einsatzpläne flexibel an die tatsächliche Nachfrage anzupassen. Setzen Sie auf Cross-Training, damit Mitarbeitende mehrere Funktionen übernehmen können. Investieren Sie in Effizienzsteigerung durch digitale Prozesse, statt nur Stellen zu reduzieren.

Nebenerlöse mit hoher Marge ausbauen

Steigern Sie den Total Revenue per Guest. Entwickeln Sie Zusatzangebote mit hoher Deckungsbeitragsquote, etwa Upgrades, Spa-Pakete, exklusive Erlebnisse oder kuratierte F&B-Angebote. Kalkulieren Sie F&B-Preise konsequent und überwachen Sie Wareneinsatzquoten regelmäßig.

Fixkosten systematisch überprüfen

Überprüfen Sie mindestens einmal jährlich Energie-, Leasing- und Lieferverträge. Optimieren Sie Einkaufskonditionen durch Bündelung oder neue Ausschreibungen. Selbst kleine prozentuale Einsparungen bei Fixkosten erhöhen den Gewinn überproportional.

Investitionen nach Rendite priorisieren

Bewerten Sie Renovierungen und Investitionen anhand klarer Rentabilitätskennzahlen. Fragen Sie: Führt diese Maßnahme zu höherer Zahlungsbereitschaft, besseren Bewertungen oder Effizienzgewinnen? Priorisieren Sie Projekte mit messbarer Amortisationsdauer.

Segmentrentabilität analysieren

Nicht jedes Marktsegment trägt gleich viel zum Gewinn bei. Analysieren Sie Gruppen-, Corporate- und Leisure-Segmente nach Deckungsbeitrag. Reduzieren Sie margenschwache Volumenverträge zugunsten profitablerer Nachfrage.

Preisdisziplin bewahren

Vermeiden Sie reflexartige Preisnachlässe bei kurzfristigen Nachfrageschwankungen. Preisreduktionen senken die Marge stärker, als sie Auslastung steigern. Arbeiten Sie stattdessen mit Mehrwertpaketen oder zeitlich klar definierten Angeboten.

Regelmäßiges Profit-Controlling etablieren

Führen Sie wöchentliche Reviews ein, in denen Umsatz-, Kosten- und Gewinnkennzahlen gemeinsam betrachtet werden. Machen Sie GOPPAR, Flow-Through und Kostenquoten zu festen Steuerungsgrößen. Profitabilität muss ein operatives Thema sein – nicht nur ein Bilanzthema.

Unternehmerische Führungskultur stärken

Kommunizieren Sie wirtschaftliche Ziele transparent im Führungsteam. Jede Abteilung sollte verstehen, wie sie zum Gewinn beiträgt. Langfristiger Erfolg entsteht nicht durch maximale Auslastung, sondern durch konsequente Ergebnisorientierung.

Zusammengefasst gilt: Profitabilität ist kein Zufallsprodukt. Sie entsteht durch disziplinierte Preisstrategie, aktive Kostenkontrolle, klare Segmentauswahl und kontinuierliche Analyse. Wer Umsatz, Kosten und operative Exzellenz integriert steuert, schafft die Grundlage für stabile und nachhaltige Gewinne.

Profitabilität in der Schweizer Hotellerie: Strategien für nachhaltige Gewinne

Die Schweizer Hotellerie operiert unter besonderen Rahmenbedingungen: hohe Lohnkosten, überdurchschnittliche Energiepreise, starke Währung, ausgeprägter Qualitätsanspruch und saisonale Schwankungen – insbesondere in alpinen Destinationen. Gerade deshalb ist Profitabilität hier kein Nebenthema, sondern eine Führungsaufgabe. Die folgenden Empfehlungen richten sich gezielt an Schweizer Hoteliers, die ihre Margen strukturell verbessern und wirtschaftlich resilient bleiben wollen.

Preisstrategie mit Kostenrealität verknüpfen

In einem Hochpreisland wie der Schweiz darf Pricing nicht isoliert erfolgen. Jede Rate muss die effektiven Personalkosten, Energieaufwendungen und Distributionsgebühren berücksichtigen. Analysieren Sie nicht nur ADR und RevPAR, sondern konsequent GOPPAR und Deckungsbeiträge je Segment. Gerade in Wintersaisonen mit hoher Nachfrage sollten Preise nicht aus Angst vor Auslastungsverlusten zu defensiv gesetzt werden – Qualität rechtfertigt Selbstbewusstsein.

Saisonalität aktiv steuern

Viele Schweizer Betriebe sind stark saisonabhängig. Nutzen Sie Hochsaisonen zur gezielten Margenmaximierung, nicht nur zur Volumensteigerung. In Nebensaisonen sollten Kostenstrukturen flexibel angepasst werden – etwa durch reduzierte Öffnungszeiten einzelner Outlets oder variable Personaleinsatzmodelle. Langfristig kann eine Diversifikation der Nachfrage, beispielsweise durch Events, Seminare oder Wellness-Angebote, die Saisonalität abfedern.

Personalkosten strategisch managen

Mit einem der höchsten Lohnniveaus Europas ist Personal der zentrale Hebel. Setzen Sie auf präzise Forecasts und flexible Arbeitszeitmodelle. Cross-Training ermöglicht es, Mitarbeitende vielseitig einzusetzen. Digitale Tools zur Prozessoptimierung – etwa im Housekeeping oder bei administrativen Aufgaben – können Produktivität steigern, ohne Servicequalität zu gefährden.

Direktbuchungsquote erhöhen

Distributionskosten wirken sich in der Schweiz besonders stark auf die Marge aus. Investieren Sie gezielt in Ihre Website, Suchmaschinenmarketing und CRM-Systeme. Bieten Sie klare Vorteile für Direktbucher, etwa flexible Stornierungsbedingungen, Zimmer-Upgrades oder exklusive Zusatzleistungen. Jeder vermiedene Provisionspunkt verbessert unmittelbar den Gewinn.

Nebenerlöse mit Schweizer Profil ausbauen

Nutzen Sie regionale Stärke als Differenzierungsmerkmal. Hochwertige, lokal verankerte Kulinarik, Weinangebote oder authentische Erlebnisse steigern nicht nur die Zahlungsbereitschaft, sondern auch die Marge. Wellness- und Gesundheitsangebote sind besonders in alpinen Regionen ein starker Profithebel. Ziel muss sein, den Gesamtumsatz pro Gast deutlich zu erhöhen.

Energie- und Beschaffungskosten optimieren

Die Energiepreise in der Schweiz sind ein relevanter Kostenfaktor. Investitionen in Energieeffizienz – etwa Wärmerückgewinnung, LED-Beleuchtung oder intelligente Steuerungssysteme – zahlen sich langfristig aus. Prüfen Sie Lieferantenverträge regelmäßig und bündeln Sie Einkaufsvolumen, wo möglich.

Segmentrentabilität kritisch prüfen

Nicht jedes Segment ist gleich profitabel. Analysieren Sie die Deckungsbeiträge von Gruppenreisen, internationalen Veranstaltern und Individualgästen. In hochpreisigen Destinationen können kleinere, zahlungskräftige Segmente profitabler sein als große Volumenkontingente mit niedriger Marge.

Investitionen mit klarer Renditelogik priorisieren

Renovationen und Qualitätsverbesserungen sind in der Schweiz oft notwendig, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Bewerten Sie Investitionen konsequent nach ihrer erwarteten ADR-Steigerung oder Effizienzverbesserung. Priorisieren Sie Projekte mit klarer Amortisationsperspektive.

Gewinnkultur im Führungsteam verankern

Profitabilität muss Teil der täglichen Führung sein. Etablieren Sie regelmäßige Reviews, in denen Umsatz-, Kosten- und Gewinnkennzahlen gemeinsam diskutiert werden. Schulen Sie Abteilungsleiter im Verständnis von Deckungsbeiträgen und Margen. Unternehmerisches Denken darf nicht an der Rezeption enden.

Fazit: Die Schweizer Hotellerie kann ihre hohe Qualität und Preisposition nur halten, wenn sie Profitabilität konsequent steuert. Volle Häuser allein reichen nicht. Erfolg entsteht durch disziplinierte Preisstrategie, flexible Kostenstruktur und eine klare unternehmerische Haltung. Gerade im Hochkostenland Schweiz ist Gewinn kein Zufall – sondern Ergebnis präziser Führung.

Hotel Inside-Serie (Teil 1): Die RevPAR‑Illusion. Warum Hotels Profitabilität neu denken müssen

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