Der Städtetourismus ist seit über zwei Jahrzehnten einer der dynamischsten Wachstumsmärkte der internationalen Reisebranche. In Europa, insbesondere in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz), hat sich der Städtetourismus zu einem zentralen Treiber touristischer Wertschöpfung entwickelt. Was bedeutet der «Städte-Boom» für die Hospitality-Branche? Worin liegen die Chancen und Risiken fürs Gastgewerbe?

Während klassische Urlaubsformen wie Strand- oder Erholungsreisen generell stagnieren, boomt die Nachfrage nach kurzen, intensiven Städtereisen. Diese Entwicklung bringt Chancen, aber auch erhebliche Herausforderungen mit sich. Wie soll die Hotellerie auf den Boom reagieren? Im ersten Teil der Hotel Inside-Serie geht es darum, eine Übersicht zu schaffen – im Fokus stehen dabei Europa und die DACH-Region:
Warum sind Städtereisen so beliebt?
Mehrere Faktoren erklären den anhaltenden Boom:
- Erreichbarkeit: Städte in Europa sind durch ein dichtes Bahn- und Flugnetz schnell erreichbar. Billigfluggesellschaften haben den Zugang zusätzlich erleichtert.
- Kurzurlaube sind im Trend: Zeitlich begrenzte Reisen („Short Breaks“) gewinnen an Beliebtheit, da viele Berufstätige mehrere kürzere Urlaube über das Jahr verteilen.
- Kulturelle Vielfalt: Museen, Konzerte, Festivals, Architektur und historische Altstädte bieten ein dichtes Erlebnisangebot.
- Lifestyle und Kulinarik: Gastronomie, Shopping, Nachtleben und Events machen Städte zu Zentren moderner Freizeitgestaltung.
- Social Media: Instagram & Co. verstärken den Reiz urbaner Reiseziele und erzeugen touristische „Hotspots“.

Aktuelle Zahlen & Fakten zum Städtetourismus
- Laut der ADAC-Tourismusstudie 2025 zählen Städtereisen zu den beliebtesten Urlaubsformen: Über 50% der deutschen Befragten planten 2025 eine Städtereise.
- Wien verzeichnete 2024 rund 17 Millionen Logiernächte, ein Rekordwert nach der Pandemie. Hauptquellenmärkte: Deutschland, USA, Italien.
- Berlin meldete 2024 knapp 14 Millionen Gästeankünfte – international dominiert von UK, USA und Italien.
- Zürich verzeichnete 2024 knapp 6 Millionen Übernachtungen, mit starkem Wachstum bei Gästen aus Nordamerika und Asien.
- Genf und Basel zeigen ähnliche Trends: Beide Städte sind wichtige Geschäftsreise- und Messezentren, die zunehmend auch Freizeittouristen anziehen.
- Insgesamt wächst der Anteil von Städtereisen in der DACH-Region schneller als der Durchschnitt des gesamten Tourismusmarktes.

Besonders begehrte Städte in Europa
Neben den DACH-Städten zählen folgende Metropolen zu den Spitzenreitern:
- Paris, Rom, Barcelona, Amsterdam, Prag: klassische Hotspots mit starker internationaler Anziehungskraft.
- Lissabon, Porto, Tirana, Budapest: „neue Trendziele“ dank günstigeren Preisen und wachsender internationaler Sichtbarkeit.

Erwartungen der Gäste
Touristen, die Städte besuchen, erwarten:
- Authentische Erlebnisse (lokale Märkte, kulinarische Angebote, Stadtviertel abseits der Massen).
- Sichtbare Kultur (Museen, historische Architektur, Veranstaltungen).
- Komfort und Sicherheit (saubere, gut organisierte Infrastruktur).
- Nachhaltigkeit (zunehmend wichtig für jüngere Zielgruppen).
- Digitale Services (Online-Buchungen, City-Apps, smarte Mobilität).

Negative Auswirkungen: Overtourism
Mit dem Boom wachsen die Probleme:
- Überfüllung von Altstädten (z. B. Wien-Innere Stadt (1. Bezirk), Berliner Museumsinsel, Zürcher Altstadt, Bahnhofstrasse).
- Steigende Mieten und Verdrängung durch Ferienwohnungen.
- Belastung der Infrastruktur (Öffentlicher Verkehr, Abfall, Verkehrsaufkommen).
- Verlust von Authentizität durch Überkommerzialisierung.
Das Beispiel Venedig zeigt, wie Massentourismus eine Stadt an den Rand ihrer Belastbarkeit bringen kann – eine Warnung auch für Zürich, Wien oder Berlin.
Strategien gegen Overtourism
Städte entwickeln zunehmend Strategien zur Besucherlenkung:
- Kontingente & Eintrittsgebühren (z. B. Tagesgebühr in Venedig seit 2024).
- Dezentralisierung: Förderung weniger bekannter Stadtviertel und Attraktionen.
- Smart City-Technologien: Besucherströme analysieren und lenken.
- Regulierung von Ferienwohnungen: Beschränkungen für Airbnb & Co.
- Nachhaltige Mobilität: Förderung von Öffentlichem Verkehr, Fahrrad-Angebote, Fußgängerzonen.

Chancen für kleinere Städte wie Bern, Luzern oder Nürnberg
Nicht nur Metropolen profitieren vom Städtetourismus-Boom:
- Bern, Graz, Freiburg i. Br., Bologna – kleinere Städte punkten mit Authentizität, entspannter Atmosphäre und hoher Lebensqualität.
- Sie bieten Nischenpositionierungen (Kulturstädte, UNESCO-Welterbe z.B. Bern, Kulinarik, Festivals).
- Mit guter Vermarktung können sie von der Überlastung großer Metropolen profitieren.
Fazit
Der Städtetourismus ist ein Wachstumsmotor, der wirtschaftliche Impulse setzt und Städte international aufwertet. Gleichzeitig verschärfen sich die Konflikte zwischen Lebensqualität der Einheimischen und Bedürfnissen der Touristen. Für die DACH-Region gilt: Berlin, Wien, Zürich, Basel und Genf werden weiter zu den „Hotspots“ zählen, doch nur durch intelligente Steuerung, Nachhaltigkeitsstrategien und eine bewusste Besucherlenkung kann das Wachstum langfristig positiv gestaltet werden.


Top-Städtedestinationen in Europa (2023–2024)
Diese Übersicht zeigt die beliebtesten europäischen Städtereiseziele basierend auf den aktuellen verfügbaren Zahlen zu Besucherankünften oder Übernachtungen (gerundet).

Analyse und Fazit
Die Zahlen zeigen deutlich die Spitzenpositionen von Paris, London und Rom, die jeweils mehrere Dutzend Millionen Besucher pro Jahr anziehen. Berlin, Wien, Amsterdam und Barcelona liegen auf hohem Niveau, während Zürich und München im DACH-Raum wichtige Player im internationalen Städtetourismus darstellen.
Chancen ergeben sich aus der wirtschaftlichen Wertschöpfung, der kulturellen Sichtbarkeit und der internationalen Vernetzung, die durch Städtereisen verstärkt werden. Risiken entstehen jedoch durch Overtourism: Überfüllte Innenstädte, steigende Mieten durch Ferienwohnungen und Konflikte mit der lokalen Bevölkerung. Beispiele wie Venedig oder Barcelona verdeutlichen die Notwendigkeit einer nachhaltigen Steuerung.
Für die DACH-Region gilt: Erfolgreiche Städte wie Wien, Berlin oder Zürich sollten aktiv Besucherströme lenken, Quartiere jenseits der Hotspots fördern und die lokale Bevölkerung stärker einbinden. Nur so lassen sich die positiven Effekte langfristig sichern, ohne dass der Tourismus zum sozialen oder politischen Problem wird.
Was macht eine attraktive Stadt für Touristen aus?
- Vielfalt an Kultur und Freizeit: Museen, Theater, Festivals, Gastronomie.
- Authentische Stadtviertel: keine reine „Touristenkulisse“.
- Einfache Erreichbarkeit und Mobilität: Bahnhöfe, Flughäfen, Öffentlicher Verkehr.
- Sicherheit und Sauberkeit.
- Nachhaltige Angebote: CO2-arme Mobilität, regionale Gastronomie.
- Gastfreundschaft und Servicequalität.
Kleinere Städte können punkten, wenn sie ihre Besonderheiten klar profilieren – etwa durch Kultur-Events, Kulinarik oder historische Architektur. Sie bieten den Reisenden das „authentische Europa“, das in Metropolen oft verloren geht.
Kommentar von Hans R. Amrein: Städtetourismus zwischen Boom und Balance
Der Städtetourismus erlebt in Europa und besonders in der DACH-Region seit Jahren einen bemerkenswerten Boom. Berlin, Wien, Zürich, aber auch kleinere Städte wie Graz, Bern oder Freiburg i. Br. profitieren von steigenden Übernachtungszahlen, einem immer vielfältigeren Publikum und wachsenden Einnahmen. Städtereisen sind attraktiv, weil sie kompakt sind: Ein Wochenende reicht, um Kultur, Kulinarik, Shopping und Urban Lifestyle zu erleben. Günstige Verbindungen (Billig-Flüge), soziale Medien und das Bedürfnis nach spontanen Kurztrips haben diesen Trend verstärkt.
Doch dieser Boom ist nicht nur ein Segen. Städte wie Barcelona oder Venedig sind längst zu warnenden Beispielen geworden. Überfüllte Altstädte, steigende Mieten durch Ferienwohnungen, genervte Anwohner, Proteste auf den Straßen – hier zeigt sich, was passiert, wenn Tourismus unkontrolliert wächst und die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung in den Hintergrund geraten. Was dort bereits Realität ist, könnte auch in den Metropolen der DACH-Region drohen, wenn keine klugen Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Die Chancen sind unbestritten: Tourismus schafft Arbeitsplätze, fördert internationale Sichtbarkeit und sorgt für eine lebendige Stadtkultur. Aber es braucht einen bewussten Umgang, damit der Boom nicht in soziale Spannungen umschlägt. Drei Dinge sind dafür entscheidend: Steuerung, Einbindung und Nachhaltigkeit.
Erstens: Steuerung. Städte müssen den Mut haben, den Tourismus aktiv zu lenken – sei es über smarte Besucherströme, Kontingente oder den Ausbau alternativer Stadtviertel. Wer den Druck auf die Altstadtviertel verringern will, muss attraktive Angebote jenseits der klassischen Hotspots schaffen. Hier haben Wien mit seiner Kultur- und Eventpolitik, aber auch Basel mit seiner Kunst- und Messeprofilierung interessante Ansätze geliefert.
Zweitens: Einbindung. Die lokale Bevölkerung darf nicht nur Zuschauer sein, sie muss Teil des Tourismus sein. Zürich hat 2024 in einer umfassenden Studie Maßnahmen vorgestellt, die genau darauf abzielen: Stärkere Einbindung lokaler Anbieter, Förderung von Quartierfesten und Märkten, die auch Touristen anziehen, sowie Beteiligungsprozesse, bei denen Bewohner ihre Anliegen einbringen können. So entsteht das Gefühl, dass Tourismus nicht etwas „Übergestülptes“ ist, sondern dass er auch der Stadtgesellschaft zugutekommt.
Drittens: Nachhaltigkeit. Städtereisen sind oft mit hohen ökologischen Belastungen verbunden – von Flugreisen (Billig-Airlines) bis zum Ressourcenverbrauch in der Stadt. Nachhaltige Mobilität, ein starker öffentlicher Verkehr, Förderung lokaler Gastronomie und striktere Regulierung von Ferienwohnungen sind zentrale Bausteine, damit die Lebensqualität der Bewohner nicht sinkt.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob Städtetourismus boomt – er tut es und wird es weiterhin tun. Die Frage ist, ob Städte bereit sind, diesen Boom so zu gestalten, dass er langfristig tragfähig ist. Wer jetzt auf Einbindung, Nachhaltigkeit und smarte Steuerung setzt, hat die Chance, aus dem Boom nicht ein soziales Problem, sondern eine Erfolgsgeschichte zu machen. Venedig und Barcelona zeigen, was passiert, wenn man zu spät handelt. Berlin, Wien, Zürich und andere Städte in der DACH-Region haben die Möglichkeit, es besser zu machen.
Hans R. Amrein
Publizist & Gesellschafter
Hotel Inside Report Städtetourismus (Teil 2):
Städtereisen liegen voll im Trend. Sie sind in der Schweiz, in Deutschland und Österreich (DACH) äußerst beliebt (vgl. Report oben). Das ergab auch eine Studie von Project M in Zusammenarbeit mit Saint Elmo‘s Tourism. Zahlen, Fakten und Hintergründe im zweiten Teil des Inside-Reports.
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