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Glühwein statt Businessgäste: Advent und Altjahrswoche als neue Ertragsmotoren der Stadthotellerie

Lange galt der Dezember in der Stadthotellerie als Problemmonat: Firmenessen sorgten zwar für volle Restaurants, doch in den Zimmern blieb es leer, sobald die Businessgäste ausblieben. Neue Zahlen und Einschätzungen aus der DACH-Region zeigen ein anderes Bild: Advents-Städtetrips, Weihnachtsmärkte und die Altjahrswoche bringen den Häusern heute Auslastung und – dank hoher Zimmerpreise – zunehmend attraktive Erträge.

Wer mit Schweizer Hoteldirektoren spricht, hört oft noch die alte Lehrmeinung: Dezember ist «kein Businessmonat». In der klassischen Stadthotellerie waren die Wochen vor Weihnachten geprägt von Firmenweihnachtsessen, Banketten und Apéros – aber eben nicht von gut verkauften Zimmern. Geschäftsreisen wurden heruntergefahren, Budgetgespräche und Strategietagungen waren abgeschlossen, und viele Unternehmen schickten ihre Mitarbeitenden früh in die Feiertage.

Dieses Muster existiert noch – aber es wird zunehmend überlagert von einer zweiten Dynamik: Städte werden in der Adventszeit selbst zum Reiseziel. Weihnachtsmärkte in Zürich, Bern, München, Wien oder Salzburg sind längst internationale Marken; sie generieren ein deutliches Plus an Leisure-Nachfrage, das die fehlenden Geschäftsreisenden teilweise ersetzt oder überkompensiert.

Eine Analyse des Hostels- und Budgethotellerie-Anbieters a&o Hotels & Hostels kommt zum Schluss: Dezember sei «weniger ein Geschäftsreisemonat», die Weihnachtsmarkt-Saison sichere dennoch eine «gute bis sehr gute Auslastung» in vielen Städten, wie etwa München Tourismus berichtet. 

Schweiz: Advent als Stabilisator der Stadthotellerie

In der Schweiz erreichte die Beherbergungsbranche 2024 mit 42,8 Millionen Logiernächten ein neues Rekordhoch. Besonders stark performten die Städte: Die Zimmerauslastung in den Schweizer Stadthotels stieg 2024 von 60 auf 61 Prozent, während die Berg- und Landregionen bei rund 42 Prozent stagnierten.

Für den Dezember selbst weist das Bundesamt für Statistik ein Wachstum der Hotelübernachtungen von 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat aus; die Nachfrage internationaler Gäste legte um 6,4 Prozent zu, diejenige der Schweizerinnen und Schweizer um 2,1 Prozent. Das bestätigt, was viele Zürcher und Basler Hoteliers aus der Praxis berichten: Die Adventszeit ist kein Nischenphänomen mehr, sondern ein relevanter Baustein im Jahresergebnis.

HotellerieSuisse-Präsident Martin von Moos verweist in der Tourismusbilanz 2024 darauf, dass die Branche zwar unter hohen Kosten und Personalmangel leide, aber insgesamt wieder «auf Wachstumspfad» sei – mit einer starken Rolle der Städte, in denen die Auslastung schneller zurück auf Vorkrisenniveau gefunden hat als in manchen Ferienregionen. 

Die Detaildaten nach Monat zeigen: Seit 2022 haben fast alle Wintermonate – inklusive Dezember – gegenüber 2019 deutlich aufgeholt oder liegen teils darüber. Der klassische Satz «Zimmer sind im Dezember leer» ist damit zumindest in den grossen Schweizer Städten nicht mehr haltbar.

DACH-Region: Weihnachtsmärkte treiben Preise und Auslastung

Noch deutlicher ist die Entwicklung in einigen deutschen und österreichischen Städten, in denen Weihnachtsmärkte eigenständige Reisesegmente geschaffen haben.

  • München: Laut CoStar/STR erreichte die Hotellerie im Dezember 2024 die höchsten Dezember-Zimmerpreise (ADR) und den höchsten RevPAR ihrer Geschichte; die Auslastung lag bei 68,3 Prozent, die ADR bei 127,79 Euro und der RevPAR bei 87,31 Euro – zweistellige Zuwächse gegenüber dem Vorjahr.
  • Berlin: Ein Bericht des «Tagesspiegel» hält bereits 2022 fest, dass «rund zwei Drittel der Zimmer an Weihnachten ausgebucht» seien – nicht nur vor und nach den Feiertagen, sondern zunehmend auch über die Feiertage selbst. Verantwortlich sei eine Klientel, die Weihnachten bewusst «unkonventionell» in der Stadt verbringe, so ein Sprecher von Visit Berlin.
  • Wien: Die österreichische Tourismus-Staatssekretärin Susanne Kraus-Winkler bezeichnet Silvesterfeiern als einen der wichtigsten touristischen Höhepunkte des Jahres; die Wiener Stadthotellerie sei zum Jahreswechsel «praktisch ausgebucht». Gleichzeitig meldet die Wiener Hotellerie Rekord-RevPAR-Werte im Dezember – 2022 lag der RevPAR bei 102,30 Euro, deutlich über dem Niveau von 2019. 

Auf europäischer Ebene zeigt eine Auswertung der Branchenvereinigung HSMAI für Dezember 2023 eine durchschnittliche Hotelbelegung von 60,2 Prozent – eine weitere Verbesserung gegenüber dem Vorjahr. Die Kombination aus City-Trips, Weihnachtsmärkten und Silvesterreisen macht den Monat gerade für urbane Märkte attraktiv.

Advent vs. Altjahrswoche: Zwei völlig unterschiedliche Logiken

Differenziert man die Festtagssaison, ergeben sich zwei klar unterscheidbare Phasen:

1. Altjahrswoche und Silvester (26. 12. bis 2. 1.)

  • Hoher Wochenend-Peak in vielen Städten: Städtereisende kommen Freitag bis Sonntag wegen Weihnachtsmärkten, Shopping und Kultur.
  • Unter der Woche bleibt das Businessgeschäft spürbar schwächer als in klassischen Messe- oder Kongressmonaten.
  • Preisniveau: In zentralen Lagen sind die Wochenenden häufig unter den Top-Raten des Jahres; Wochentage werden stärker rabattiert, um Leisure-Nachfrage anzuziehen.

2. Altjahrswoche und Silvester (26. 12. bis 2. 1.)

  • In Ferienregionen ohnehin ein Peak; zunehmend profitieren aber auch Städte. Österreichische Zahlen zeigen Auslastungen «jenseits der 80-Prozent-Marke» in der Stadthotellerie für Weihnachten/Neujahr, insbesondere im gehobenen Segment.
  • In Wien sind laut Ministerium und Wiener Tourismusverband zum Jahreswechsel regelmässig 90 Prozent und mehr der Betten belegt.
  • Berlin und andere Metropolen verzeichnen ebenfalls deutlich steigende Belegungsraten um den Jahreswechsel – unterstützt von Events und Open-Air-Feiern. 

Für Häuser in Zürich, Bern oder Basel gilt in abgeschwächter Form dasselbe: Während klassische Geschäftshotels in dezentralen Lagen den Rückgang an Firmenkunden klar spüren, können zentral gelegene Stadthotels mit touristischer Positionierung die Lücke zunehmend mit Leisure-Gästen füllen – etwa mit Christmas-Shopping-Arrangements, „Stay & Dine“-Packages oder Silvesterangeboten.

Gastronomie bleibt Cashcow – aber ohne Betten geht die Rechnung nicht mehr auf

Was sich allerdings kaum verändert hat: Die Gastronomie ist rund um Weihnachten weiterhin ein entscheidender Umsatztreiber. Der deutsche Dehoga-Landesverband Sachsen-Anhalt berichtet etwa, dass viele Restaurants an den Feiertagen schon früh ausgebucht seien; wer an Weihnachten auswärts essen wolle, müsse rechtzeitig reservieren.

Firmenweihnachtsessen, Bankette und private Familienfeiern sichern nach wie vor hohe F&B-Umsätze – auch in der Schweiz, wie zahlreiche Stadtbetriebe gegenüber Hotel Inside bestätigen. Doch im Unterschied zu früher genügt der Restaurantumsatz nicht mehr, um ein wirtschaftlich anspruchsvolles Jahr zu kompensieren.

Die aktuelle Branchenumfrage von HotellerieSuisse zeigt, dass die Beherbergungserträge pro verfügbares Zimmer in den Städten 2024 nur leicht zulegen konnten, während Kosten für Personal, Energie und Finanzierung deutlich anziehen. Damit wird jede zusätzliche Hochpreis-Nacht – gerade in Dezember und Altjahrswoche – strategisch wichtig.

Weihnachtsgeschäft wird zur strategischen Disziplin

Aus Gesprächen mit Revenue-Managern und Destinationsexperten in der Schweiz und der übrigen DACH-Region lassen sich drei Kernthesen ableiten:

  • Advent ist heute ein klar definierter Leisure-Monat.
    Die Annahme, dass Stadthotels im Dezember grundsätzlich schwach laufen, stimmt so nicht mehr. In gut positionierten City-Destinationen mit starken Weihnachtsmärkten liegt die Monatsauslastung teils nur noch wenige Punkte unter den besten Monaten – bei gleichzeitig hohen Wochenend-Raten. München mit 68 Prozent Auslastung und Rekord-ADR im Dezember 2024 ist ein prominentes Beispiel.
  • Die Altjahrswoche entwickelt sich zum Ertragsanker.
    New-Year-Packages mit Mindestaufenthalten, Gala-Dinners und Rahmenprogramm ermöglichen sehr hohe Durchschnittsraten. Wien, Berlin und auch Zürich profitieren zunehmend davon.
  • Volatilität und Kosten bleiben das Gegenstück zum Glühwein-Optimismus.
    Stadt- und Geschäftshotellerie sind stärker konjunkturabhängig als klassische Feriendestinationen. Ein schwaches Messejahr oder geopolitische Spannungen lassen sich auch mit gutem Weihnachtsgeschäft nicht vollständig kompensieren. Gleichzeitig drückt der Fachkräftemangel gerade in der Gastronomie die Margen. 

Für Schweizer und deutschsprachige Stadthotels bedeutet das:

  • Ohne professionelle Leisure-Positionierung ist der Dezember verschenkt. Klassische «Montag–Donnerstag-Denkweise» reicht nicht mehr; gefragt sind zielgruppenspezifische Advents- und Silvesterprodukte, Kooperationen mit Weihnachtsmärkten, Kulturinstitutionen und Retail.
  • Revenue-Management wird zentral. Wer die Preisspitzen an Adventswochenenden und zum Jahreswechsel nicht nutzt – oder aus Angst vor «zu hohen Preisen» verschenkt – lässt bares Geld auf der Strasse liegen.
  • F&B und Rooms gehören zusammen gedacht. Weihnachtsessen sind wichtig, aber erst die Kombination aus Bankettumsatz und gut gefüllten Zimmern macht den Dezember wirklich attraktiv.

Die gute Nachricht: Die Daten aus Schweiz, Deutschland und Österreich zeigen, dass sich die Stadthotellerie den Dezember Schritt für Schritt zurückerobert. Aus dem ehemaligen «Durchhänger zwischen Herbstmesse und Skisaison» ist ein Monat geworden, der – richtig gespielt – zum echten Ertragsfaktor werden kann.

Hinweis: Die Bilder zur Illustration dieses Berichts wurden im Bellevue Palace Hotel in Bern gemacht. Die Weihnachtsdekoration im Berner 5-Sterne-Haus gilt schweizweit als besonders attraktiv.

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