Seit der Pandemie geht es dem Tourismus in der Schweiz grundsätzlich hervorragend. Rekordzahlen bei den Übernachtungen, hohes Preisniveau in der Hotellerie, die USA als Wachstumsmotor. Trotzdem fragt sich EHL-Professor Dr. Thomas Davoine: Geht es mit dem Schweizer Tourismus schon bald bergab? Kann der Alpenriese seine globale Bedeutung zurückgewinnen?
Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Schweiz als Urlaubsziel immer unbeliebter geworden, was wichtige Fragen zu den Faktoren aufwirft, die die internationalen Tourismusströme beeinflussen. Der folgende Bericht untersucht die Rolle des demografischen Wandels, insbesondere die Alterung der Bevölkerung, bei der Beeinflussung der Rangliste der Reiseziele und geht der Frage nach, was diese Trends für die Zukunft des Schweizer Tourismus bedeuten könnten.

Der Schweizer Tourismus: 70 Jahre Rückgang der weltweiten Beliebtheit
Der internationale Reiseverkehr hat im Laufe der Jahrzehnte stetig zugenommen. Im Jahr 1950 gab es 25 Millionen internationale Reisen, die bis 2018, am Vorabend der COVID-19-Pandemie, auf 1,4 Milliarden anstiegen. Dieses Wachstum hat den Tourismus zu einem bedeutenden Teil der Wirtschaft gemacht. In der Schweiz beispielsweise entfielen 2019 12,5% der Arbeitsplätze und 9,2% des BIP auf den Reiseverkehr und den Tourismus. Allerdings hat sich der Trend von Europa und insbesondere der Schweiz wegbewegt.

Im Jahr 1950 war die Schweiz das von internationalen Reisenden am häufigsten besuchte Land (Platz 5); 1990 war sie das am häufigsten besuchte Land der Welt (Platz 13); 2018 ist die Schweiz auf Platz 35 zurückgefallen (UNWTO Barometer).
Die Entscheidung, wo Touristen ihren Urlaub verbringen, hat große Auswirkungen auf die Volkswirtschaften. Die Länder Amerikas und Europas haben zum Beispiel an Boden verloren. Wie Grafik 01 zeigt, richten weniger Menschen ihre Auslandsreisen nach Amerika und Europa, während immer mehr Menschen Asien und den Pazifikraum ins Visier nehmen.

Die Rolle der Demografie in der Vergangenheit
Die Wahl des Reiseziels hängt von vielen Faktoren ab. Das Einkommen spielt eine offensichtliche Rolle, da die Kosten für Transport und Unterkunft vor allem in bestimmten Ländern beträchtlich sein können. Wissenschaftler sind seit Jahrzehnten auf der Suche nach den wichtigsten Entscheidungsfaktoren und haben immer wieder festgestellt, dass die Lebenshaltungskosten im Zielland und die Wechselkurse zwei weitere wichtige wirtschaftliche Faktoren sind, was vielleicht nicht sehr überraschend ist.
Die Rolle historischer und natürlicher Stätten, der Temperatur, der Sonneneinstrahlung und des Schneefalls am Zielort ist ebenfalls erwiesen. Schließlich spielen auch die geografische, kulturelle und historische Nähe, nationale oder internationale Konflikte, Migration und politische Stabilität zweifellos eine wichtige Rolle.
Reiseentscheidungen hängen auch von nicht-ökonomischen Merkmalen der reisenden Person ab. Zum Beispiel gibt es Hinweise darauf, dass Menschen mit zunehmendem Alter seltener ins Ausland reisen. Die Gesundheit verschlechtert sich in der Regel mit dem Alter – ein wichtiger Aspekt, den man berücksichtigen sollte, bevor man eine Fernreise antritt.
Ein damit zusammenhängender Faktor, der bisher kaum untersucht wurde, ist die Alterung der Bevölkerung. So war in Japan im Jahr 2000 einer von fünf Erwachsenen älter als 65 Jahre. Im Jahr 2030 wird es einer von drei Erwachsenen sein. Bedeutet die Alterung der Bevölkerung, dass es weniger internationale Reisen geben wird, wenn alle anderen Faktoren konstant bleiben?
Die Antwort ist nein. Die Analyse der Daten zeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Das Phänomen der Überalterung ist vor allem auf den Anstieg der Lebenserwartung und in geringerem Maße auf den Rückgang der Fruchtbarkeit zurückzuführen. Die längere Lebenserwartung ist zum großen Teil ein Nebenprodukt des medizinischen Fortschritts, der es uns ermöglicht, länger bei guter Gesundheit zu leben. Die Zahl der älteren Menschen in der Gesellschaft mag zwar zunehmen, doch ist dies auf die besseren medizinischen Kenntnisse zurückzuführen, die dazu führen, dass die Menschen länger und bei besserer Gesundheit leben, was wiederum mehr Menschen ermöglicht, ins Ausland zu reisen.

Die Rolle der Demografie in der Zukunft
Die Vereinten Nationen haben Prognosen über künftige Fruchtbarkeits-, Sterblichkeits- und Migrationsraten erstellt, die es den Forschern ermöglichen, die voraussichtliche Zahl der alten Menschen in der Gesellschaft zu schätzen. Auch die OECD erstellt Prognosen über das künftige Wirtschaftswachstum. Auf der Grundlage dieser Prognosen und der bisherigen Auswirkungen der Bevölkerungsalterung auf den internationalen Reiseverkehr lassen sich Prognosen für künftige Reisen zwischen beliebigen Länderpaaren erstellen, wobei alle anderen Faktoren, die Reiseentscheidungen beeinflussen, außer Acht gelassen werden. Auf diese Weise kann man künftige weltweite Rankings simulieren, die einfach auf demografischen und einkommensmäßigen Veränderungen beruhen.
Die Simulationen für die vergleichbaren Länder Schweiz und Schweden sagen für die beiden Länder eine unterschiedliche Entwicklung voraus. Im Durchschnitt würden die internationalen Ankünfte in Schweden jedes Jahr um 2,2% zunehmen, während sie in der Schweiz um 3,2% steigen würden. Die Schweiz könnte damit ihre weltweite Position halten und den seit 1950 zu beobachtenden Rückgang stoppen. In Schweden hingegen wird sich der Rückgang fortsetzen.
Warum gibt es einen solchen Unterschied?
Der Hauptgrund für die unterschiedlichen Ergebnisse ist, dass die beiden Länder Besucher aus sehr unterschiedlichen Ländern anziehen. Zum Beispiel reisten 2018 kurz vor der COVID-19-Krise doppelt so viele Menschen aus den USA in die Schweiz (etwa 1 Million) wie aus Schweden (etwa 0,5 Millionen). Im Gegensatz dazu besuchten viel mehr Reisende aus Dänemark Schweden (2,3 Millionen) im Vergleich zur Schweiz (57.000). Die demografische Entwicklung lässt jedoch darauf schließen, dass sich die Muster ändern werden: Die Bevölkerung Dänemarks wird voraussichtlich stabil bei etwa 6 Millionen bleiben, während die Bevölkerung der USA aufgrund höherer Geburtenraten bis 2070 von 350 Millionen auf 400 Millionen anwachsen wird. Dies bedeutet, dass der Markt für internationale Reisen nach Schweden wahrscheinlich langsamer wachsen wird als der Markt für internationale Reisen in die Schweiz.
Auswirkungen auf das nationale Tourismusmanagement
Zunächst einmal gibt es viele Faktoren und damit politische Maßnahmen, die die Attraktivität eines Landes für internationale Reisende beeinflussen können. Was wir aus der Simulation lernen, ist, dass auch die demografische Entwicklung an sich eine Rolle spielen wird. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern dürften diese Trends der Schweiz helfen, ihre Position zu halten, ohne dass besondere politische Anstrengungen erforderlich sind.
Zweitens können Reiseveranstalter oder politische Entscheidungsträger, die die Zahl der internationalen Ankünfte in einem Land erhöhen wollen, auch demografische Informationen nutzen, um ihre Marketingziele zu definieren. Da es mehr internationale Abreisen aus Ländern gibt, in denen die Menschen länger leben (und somit im Durchschnitt gesünder sind), könnte man die Marketingressourcen auf Länder konzentrieren, in denen die Lebenserwartung höher ist und voraussichtlich schneller steigen wird, vorausgesetzt, dass alle anderen Faktoren, die Reiseentscheidungen beeinflussen, gleich bleiben.
Zwar hat die Schweiz seit Mitte des 20. Jahrhunderts als Reiseziel allmählich an Bedeutung verloren, doch unsere Simulationen deuten darauf hin, dass sich der Abwärtstrend in den kommenden Jahren abschwächen wird. Das Bevölkerungswachstum in den wichtigsten Märkten, insbesondere in den Vereinigten Staaten, dürfte den Schweizer Tourismus auch in naher Zukunft unterstützen. Die sich verändernden Trends, wie die Überalterung der Bevölkerung und die zunehmende Beliebtheit des asiatisch-pazifischen Raums, werden voraussichtlich nicht zu einem weiteren Rückgang der Schweizer Tourismusindustrie führen.
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