Booking.com hat das klassische Vermittlungsgeschäft längst hinter sich gelassen. Mit der Zahlungsabwicklung kontrolliert der Konzern heute nicht nur den Zugang zum Gast, sondern zunehmend auch den Geldfluss zwischen Gast und Hotel. Für viele Hoteliers bedeutet dies zusätzliche Gebühren, weniger Kontrolle und eine weiter wachsende Abhängigkeit. Der folgende Hintergrundbericht auf Grundlage der Analyse von Klaus Oegerli ordnet die Entwicklung ein, beleuchtet die wirtschaftlichen und rechtlichen Hintergründe und zeigt, weshalb die Debatte weit über eine zusätzliche Gebühr von rund 1,4 Prozent hinausgeht.
Das Geschäftsmodell von Booking entwickelte sich schrittweise vom klassischen Online-Vermittler zu einem integrierten Plattformanbieter. Früher beschränkte sich die Rolle des Unternehmens im Wesentlichen auf die Vermittlung von Hotelzimmern gegen eine Kommission.Heute übernimmt Booking mit «Payments by Booking.com» zusätzlich den Einzug der Zahlungen, verwaltet die Gelder bis zur Auszahlung und belastet dafür eine weitere Gebühr. Dadurch entsteht ein neues Erlösmodell, bei dem der Konzern an mehreren Stellen derselben Transaktion verdient.

Ein System mit vielen Gebührenebenen
Für Hoteliers summieren sich Kommissionen, Preferred-Programme, Genius-Rabatte, Mobile-Rates und nun auch Zahlungsgebühren zu einer erheblichen Belastung. Besonders kritisch erscheint vielen Betrieben, dass sie letztlich dafür bezahlen, ihr eigenes Geld ausbezahlt zu erhalten. Gleichzeitig kontrolliert Booking den gesamten Zahlungsprozess und verfügt über zusätzliche Möglichkeiten, Preisvorteile gegenüber den veröffentlichten Hotelraten auszuspielen.
Freiwillig – aber nur theoretisch
Formal bleibt die Teilnahme am Zahlungssystem freiwillig. Praktisch entsteht jedoch erheblicher Druck, da Sichtbarkeit und Ranking auf der Plattform für viele Hotels über den wirtschaftlichen Erfolg entscheiden. Wer sich den Mechanismen der Plattform entzieht, riskiert schlechtere Auffindbarkeit und damit weniger Buchungen. Aus einer formalen Wahlfreiheit wird damit faktisch eine wirtschaftliche Notwendigkeit.
Milliarden fremder Gelder
Besonders eindrücklich ist die Dimension der Zahlungsabwicklung. Nach den erwähnten Zahlen lagen Ende März 2026 rund 8 Milliarden US-Dollar bereits eingezahlter, aber noch nicht an Hotels ausbezahlter Gästegelder in den Büchern des Unternehmens. Saisonbedingt wächst dieser Bestand während der Hochbuchungszeiten zusätzlich stark an. Für Booking bedeutet dies einen enormen Liquiditätspuffer, während die Hotels auf ihre Umsätze warten.
Warum keine Banklizenz erforderlich ist
Der Bericht von Klaus Oegerli geht ausführlich auf die juristische Frage ein, weshalb Booking trotz der enormen Zahlungsströme keine klassische Banklizenz benötigt. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Publikumseinlagen und reinen Durchlaufgeldern. Booking nimmt die Zahlungen nicht als Bank entgegen, sondern leitet sie über regulierte Zahlungsdienstleister weiter. Dadurch greifen weder die klassischen Anforderungen an Banken noch die umfassenden Eigenkapital- und Einlagensicherungsvorschriften. Geldwäschereivorschriften können zwar Anwendung finden, ersetzen jedoch keine Bankenaufsicht.
Eine strategische Machtfrage
Der eigentliche Kern der Diskussion liegt weniger in der Rechtmässigkeit des Modells als in der zunehmenden Konzentration von Marktmacht. Booking kontrolliert heute Sichtbarkeit, Vertrieb, Preisgestaltung und teilweise auch den Zahlungsverkehr. Damit verschiebt sich das Kräfteverhältnis weiter zugunsten der Plattform, während Hotels einen immer grösseren Teil ihrer Wertschöpfung an einen externen Vertriebspartner abgeben.
Die Analyse von Klaus Oegerli zeigt, dass die Debatte über «Payments by Booking.com» weit über eine zusätzliche Gebühr hinausgeht. Sie berührt grundlegende Fragen der Marktstruktur, der Abhängigkeit von digitalen Plattformen und der wirtschaftlichen Eigenständigkeit der Hotellerie. Gleichzeitig erinnert sie daran, dass Direktbuchungen, eigene Kundenbeziehungen und eine starke Hotelmarke langfristig die wichtigsten Instrumente bleiben, um der wachsenden Plattformabhängigkeit entgegenzuwirken.

Booking wird immer mächtiger – und die Hotellerie schaut zu
Kommentar von Klaus Oegerli, ehemaliger Europa-Chef von Schweiz Tourismus und Hotel Inside-Gastautor
Es gibt Entwicklungen, die auf den ersten Blick wie eine kleine technische Anpassung erscheinen. Eine zusätzliche Gebühr von rund 1,4 Prozent für die Zahlungsabwicklung gehört dazu. Tatsächlich geht es aber um weit mehr als um einen neuen Kostenpunkt. Es geht um die schrittweise Verschiebung der Macht innerhalb des Hotelvertriebs.
Booking.com ist heute längst nicht mehr nur Vermittler zwischen Gast und Hotel. Die Plattform kontrolliert Sichtbarkeit, Preislogik, Kundenkommunikation und zunehmend auch den Zahlungsverkehr. Jeder neue Service erhöht die Bindung der Hotels an das System und erschwert gleichzeitig den Ausstieg. Exakt darin liegt die eigentliche strategische Leistung des Konzerns – und das eigentliche Problem für die Branche.
Erstaunlich ist dabei weniger das Verhalten von Booking als jenes vieler Hotels. Booking nutzt konsequent die Möglichkeiten, welche der Markt bietet. Das ist die Aufgabe eines börsenkotierten Unternehmens. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, weshalb Booking Gebühren erhebt. Die entscheidende Frage lautet, weshalb die Branche diese Entwicklung seit Jahren weitgehend widerspruchslos akzeptiert und damit ihre eigene Abhängigkeit kontinuierlich vergrössert.
Mit jeder zusätzlichen Funktion verliert das Hotel ein weiteres Stück Kontrolle über die eigene Wertschöpfungskette. Aus der Vermittlungsplattform wird schrittweise ein System, das den gesamten Prozess von der Buchung bis zur Auszahlung steuert. Wer den Gast, den Preis, die Sichtbarkeit und schliesslich auch den Geldfluss kontrolliert, besitzt einen erheblichen Teil des Geschäftsmodells des Hoteliers.
Die Antwort kann deshalb nicht in immer neuen Diskussionen über einzelne Gebühren liegen. Sie muss im Aufbau eigener Vertriebskanäle, stärkerer Marken, professioneller Direktbuchungsstrategien und echter Kundenbeziehungen bestehen. Das ist anspruchsvoller als der einfache Vertrieb über eine dominante Plattform. Langfristig ist es jedoch der einzige Weg, unternehmerische Selbstständigkeit zurückzugewinnen.
Booking wird seine Strategie fortsetzen. Daran besteht kaum ein Zweifel. Ob die Hotellerie ihre eigene Strategie ebenso konsequent weiterentwickelt, wird darüber entscheiden, ob sie künftig noch Partner auf Augenhöhe bleibt – oder lediglich zum Leistungserbringer innerhalb eines Systems wird, dessen Regeln andere definieren.
Klaus Oegerli
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